Die 4 Hexen

Die vier Hexen oder Die vier nackten Frauen sind der erste datierte Kupferstich Dürers.
1497 (nicht 1491 – dass die hintere 1 eine 7 ist, ergibt der Vergleich mit anderen Ziffern Dürers)
sticht er mit 26 Jahren das Blatt.

 

duerer-die-4-hexen

HOCHAUFGELÖST

 

Im Zentrum des Bildes zieht ein üppiges Gesäß die Augen auf sich, das einem Rubens alle Ehre machen würde. Ein echter Hingucker für die Menschen der Dürerzeit. In der vorangegangenen gotischen Kunst waren Akte selten. Nur wenn das Sujet es zwingend verlangte, etwa beim Stammelternpaar Adam und Eva, stellten die gotischen Maler den nackten Körper dar, und dies meist ungelenk und puppenhaft.

 

Dürer dagegen greift ins pralle Menschenleben. Dies dürfte nicht wenig zur Popularität des Stiches beigetragen haben. Dies und das Rätsel, das Dürer den Kunsthistorikern mit diesem Kupferstich aufgegeben hat:

 

Ignoriert man zunächst den Teufel und den Totenkopf, scheint das Bild vier Frauen im Badehaus darzustellen. Der Schädel und der Knochen zu den Füßen der Frauen irritieren den Betrachter jedoch und führen schnell tief in das Dickicht ungewisser Deutungen.

 

Dass diese Frauen Hexen darstellen sollen – die Bezeichnung des Blattes als Die 4 Hexen stammt nicht von Dürer –, wird von der neueren Forschung angezweifelt. Nach der Hexeninterpretation wäre die Frau in der Mitte eine Novizin (deshalb der Blätterkranz auf ihrem Kopf), die von den älteren Frauen in den Kreis der Hexen aufgenommen wird. Ein Initiationsritus.

 

Die Kugel über ihren Häuptern könnte die (künstliche) Frucht der Mandragora sein, was wiederum die Tür für eine Reihe von Assoziationen aufstößt: Alraunenmännchen entstehen vor dem geistigen Auge, Pflanzen, die unter einem Galgen wachsen und einen Schrei ausstoßen, wenn sie zu mitternächtlicher Stunde ausgerupft werden.

 

duerer-sebastian-brant-narrenschiff-hoffartIn welche Verlegenheit man durch die bislang nicht gedeuteten Buchstaben O.G.H. auf der Frucht versetzt wird, zeigt ein hilfloser Versuch, diese als Abkürzung für „O Gott, hilf!“ anzusehen.

 

Der Stab in der Klaue des Teufels ist ein Kloben, ein gespaltenes Holz, um Vögel zu fangen. Mit dieser Vogelfalle will der Teufel gewiss Seelen einfangen, vielleicht die der Frauen oder eher noch die des Betrachters.

 

Eine solche Falle ist auch auf Dürers frühen Holzschnitt zu Sebastians Brants Narrenschiff abgebildet:

 

Der Teufel hat es dort mit einem überdimensional großen Kloben auf eine Frau abgesehen, die sich hoffärtig im Spiegel betrachtet. Gleich wird er sie zur Strafe für ihre Eitelkeit über dem höllischem Feuer braten, das unter einem Eisenrost schon flackert.

 

Eine solche Vogelfalle ist auch auf der Radierung Venus und Amor von Daniel Hopfer zu sehen (hier daraus eine Detailabbildung).

 

daniel-hopfer-venus-und-amor-detailDer Kloben wird von einem hinter der Venus kauernden Teufel gehalten, hier als Symbol teuflisch erotischer Verlockung. Venus setzt ihren Fuß auf einen Totenkopf. Möglicherweise klingt auch in diesem Bild Dürers Blatt nach.

 

Eine Theorie zu Dürers Kupferstich ist, dass Dürer lediglich Frauenakte darstellen wollte und nur aus Sorge, mit dem Motiv Anstoß zu erregen, die düstere Symbolik hinzufügte. Hätte er die Frauen dann nicht viel deutlicher als Hexen diffamieren und sich dadurch von dem Motiv distanzieren müssen?

 

Und wird ein durch Nacktheit anstößiges Motiv durch einen hinzugefügten Teufel für Moralisten überhaupt akzeptabler? Inwiefern konnte er hoffen, durch rätselhafte Hinweise auf das Hexenwesen der Zensur seiner Zeitgenossen zu entgehen und nicht etwa gar erstrecht in deren Kreuzfeuer zu geraten?

 

Die Frauen wurden auch schon ganz gegenteilig als Grazien bezeichnet. Dies drängt sich zwar förmlich auf, da die drei Grazien oft mit einem Rückenakt in der Mitte dargestellt wurden (so z. B. in späterer Zeit von Raffael und Rubens). Eine antike Dreigraziengruppe wurde 1460 in Rom ausgegraben und 1507 im Sieneser Dom aufgestellt. Dürer hätte demnach die Grazien durch eine Personifikation der Disharmonie (die vierte Frau im Hintergrund) ergänzt. Die Gesamtstimmung des Bildes führt die Sichtweise als Grazien jedoch ad absurdum.

 

Eine weitere Interpretation ist die Deutung der drei vorderen Frauen als Venus (rechts), Minerva (Mitte, römische Göttin der Weisheit) und Juno (links, Schutzpatronin der Ehe, deshalb mit Haube, eine Kopfbedeckung, die zur Dürerzeit von verheirateten Frauen getragen wurde – daher der Spruch, eine Frau unter die Haube zu bringen). Die vierte Frau im Hintergrund wäre dann Discordia, die römische Göttin der Zwietracht (besser bekannt als die griechische Göttin Eris).

 

Eine andere Interpretation muss noch geprüft werden: In der Dürerzeit gab es das Motiv Weib und Tod. Die das Leben schenkende Frau wird von einem Leichnam umarmt oder gewaltsam ins Grab gezerrt. Hans Baldung Grien, ein Schüler und Freund Dürers, hat dieses Motiv oft gestaltet. Und wo der Tod ist, da ist im ausgehenden Mittelalter auch der Teufel nicht weit.

 

Die vier nackten Frauen wären also die Lebensalter des Weibes, mit dem Symbol der Vergänglichkeit zu ihren Füßen: In der Mitte die junge Frau mit dem Jungfernkranz, rechts die erblühte Frau, links eine Ehefrau und im Hintergrund eine mehr oder weniger alte Frau?

 

Allerdings lassen sich die beiden Frauen rechts mit den Kopftüchern nur bedingt in eine Reihe der Lebensalter einfügen. Man fragt sich auch, warum Dürer – falls er die Lebensalter darstellen wollte – die Jungfrau mit dem Körper einer reifen Frau ausgestattet und die Greisin ganz weggelassen hat. Das Thema Tod und Frau darf man wohl in diesem Bild zu finden meinen, wenn auch nicht explizit, das Thema Lebensalter eher nicht, obwohl dies die Zeitgenossen teilweise getan, bzw. das Bild in diesem Sinne umgedeutet haben:

 

brueder-beham-tod-und-3-frauenDie Brüder Beham beziehen sich mit ihrem Kupferstich Der Tod und drei Frauen auf Dürers Blatt, gestalten das Motiv aber zu den Lebensaltern des Weibes um. Links ist nun konsequenterweise eine Greisin zu sehen, rechts die jüngste Frau, während die mittlere weiterhin in Anlehnung an Dürers Bild den Blätterkranz trägt. Ihre Proportionen wurden stark zur Breite hin entwickelt. Somit ist das Bild vielleicht zusätzlich eine Parodie auf die Grazien oder eine augenzwinkernd realistische Einschätzung der reifen Frau.

 

Oder es zeigt sich hier eine Vorliebe der bärbeißigen Behambrüder für üppige Weiblichkeit. Hans Sebald Beham und sein Bruder Bartel Beham standen dem radikalen Thomas Müntzer nahe – und vielleicht auch den Wiedertäufern. Sie wurden wegen ihren Ansichten („ganntz gotlos und haidnisch“) 1525 aus Nürnberg verbannt. Hans Sebald Beham kehrte später zurück, wurde aber wegen Verbreitung unzüchtiger Bilder erneut ausgewiesen – behauptet die ältere Geschichtsschreibung. Die neuere Forschung bezeifelt dies. Aber die Behams schufen zweifellos Bilder, die einem Nürnberger Ratsherren schon anstößig erscheinen konnten. Und so ist auch dieser Kupferstich weniger eine Ermahnung vor dem Tod, als vielmehr ein deftig anzügliches Motiv unter dem Deckmantel eines allbekannten Sujets.

 

Auch der Boden auf Dürers Kupferstich gibt Rätsel auf: Architektonisch ist die Verschachtelung des Bodens durch Stufen und ein Podest nicht zu nachzuvollziehen. In welchem Gebäude könnten solche Abstufungen auf engsten Raum Sinn machen?

 

Die Erklärung dafür könnte allerdings ganz schnöde in einer Künstlerlist bestehen. Betrachtet man nur die drei Hauptfiguren, sollten sie wahrscheinlich auf einem Höhenniveau stehen:

 

albrecht-duerer-die-vier-hexen-koepfe

Bei den Füßen wird Dürer nach Fertigstellung der Kontur das Gefühl beschlichen haben, dass die linke Frau etwas schwebt. Um nicht die Figuren mühsam korrigieren zu müssen, hat er ein Podest eingezogen. Die vierte Frau, deren Fuß hinter dem Podest verschwindet, wäre dann eine spätere Zufügung.

 

albrecht-duerer-die-vier-hexen-beine

Dies ist freilich reine Spekulation. Darf man Dürer zutrauen, durch solche Tricks Mängel der Zeichnung zu kaschieren? Sicher ist, dass er um 1897 mit anatomischen Schwächen zu kämpfen hatte. Die Füße des Rückenakts sind in jedem Fall perspektivisch falsch: Sie stehen auf einer Fläche mit deutlich anderem Neigungswinkel als bei den anderen Frauen. Es ist allerdings auch sehr schwierig, die Füße aus der Sicht von hinten richtig und formschön auf dem Boden aufzusetzen. Auch die linke Frau weist anatomische Schwächen auf, was zunächst nicht auffällt, weil ihre Bauchkontur verdeckt ist. Sie ist entweder sehr klobig geraten oder hochschwanger, oder beides.

 

Sollte das unterschiedliche Bodenniveu jedoch von vornherein geplant gewesen sein, könnte der Sinn darin liegen, die beiden linken Frauen auf eine „höhere“ Stufe zu stellen. Hierfür sprechen auch die Kopfbedeckungen: der Blätterkranz und die Haube der Ehefrau. Der Totenschädel zu Füßen der bekränzten Frau wäre allerdings kontraproduktiv für die Absicht, diese Frau mittels höherer Standfläche moralisch zu erheben. Jedenfalls stünden in dieser Lesart die rechten Frauen auf niedrigerer Stufe, fast schon mit dem Teufel auf einer Ebene – wären also weniger tugendhaft. Aber auch diese Interpretation bleibt sehr zweifelhaft.

 

Am Ende das langen Weges muss man sich eingestehen, dass man zur Deutung des Bildes nichts Gesichertes in der Hand hat. Man kann nur konstatieren, dass Dürer hier Frauen mit einer düsteren Symbolik verknüpft. Frauen, Tod und Teufel. Ein Schädel schaut uns aus vielen seiner Bildern entgegen, der Teufel bedrängt die Menschen auf vielen seiner Blätter.

 

Mehr noch als der Ritter, der auf Dürers gleichnamigen Meisterstich Tod und Teufel wenig beachtet, dürfen diese Frauen als Wesen, die Leben schenken, die Symbole des Todes links liegen lassen. Vielleicht ist das Gebein auf dem Boden aber doch ein Hinweis auf eine finstere Tätigkeit dieser Frauen. Wer hiernach sucht, wird sicher auf Baldungs Hexendarstellungen fündiger. Dürers Bild besticht durch seine Rätselhaftigkeit. Diese ist wohl eher kein PR-Gag des Künstlers – was man dem Nürnberger Meister vielleicht auch zutrauen könnte – sondern ein intuitives Gefühl für „weniger ist mehr“, ein Geschmack an dezenter Darstellung. Ein Bild, das sich nicht restlos ausdeuten lässt, bleibt interessant – wie vier Frauen, die ein Geheimnis für sich behalten.

 

 

Wenn diese vier Frauen vielleicht gar keine Hexen sind: Einmal hat Dürer mit Sicherheit eine solche dargestellt: auf dem sehr kleinen Kupferstich Die Hexe um 1501/02. Sie reitet rücklings auf einem Bock und hat einen Wetterzauber angestellt, dessen Hagelschauer aus der rechten Ecke niedergeht.

 

duerer-die-hexe

Auch dieses Blatt birgt ein Rätsel. Welche Bedeutung haben die Putten, die zusammen mit dem Bock sehr auffällig um einem imaginären Kreis angeordnet sind? Sie wurden u. a. als Jahreszeiten gedeutet (die durch den Wetterzauber in Unordnung gebracht werden). Der Putto mit dem hochgeschossenen Bäumchen wäre dann der Sommer. Wie auch bei den vier Hexen oder vier nackten Frauen bleibt dieser Deutungsversuch aber unsicher.