Hexensabbat von Hans Baldung Grien

Die größten Begabungen der altdeutschen Kunst ergeben ein Full House aus zwei Königen und drei Buben. Die Könige sind Dürer und Grünewald, die Buben Altdorfer, Cranach und Baldung. Durch ihre Eigenwilligkeit bilden die drei Buben ein burleskes Gegengewicht zu den beiden strahlenden Majestäten, Altdorfer durch seine wild wuchernde Vegetation, Cranach durch seinen Witz und Baldung durch wüste Szenen walpurgisnächtlichen Treibens.

 

Immer wieder macht Hans Baldung Grien (der Grüne) Hexen zu seinem Thema,
1510 zum ersten Mal in dem Holzschnitt „Hexensabbat“.

 

hans-baldung-grien-hexensabbat-holzschnitt-1510

Hexensabbat, 1510, Holzschnitt

 

HOCHAUFGELÖST

 

Durch dieses Werk waren nach dem Wort eines Kunsthistorikers alle Illustratoren, die sich 300 Jahre später – angeregt durch Goethes Faust – an Hexenküche und Walpurgisnacht gewagt haben, „im voraus geschlagen“.

 

Um das Bild würdigen zu können, muss unser modernes Bewusstsein allerdings erst einige Widerstände aus dem Weg räumen. Manches wirkt unbeholfen: z. B. der Rückenakt links, oder dass der Baum sich nicht traut, über die Bildbegrenzung hinauszuwachsen.

 

Diese Einwände verblassen jedoch, lässt man sich auf die Stimmung des Bildes ein. Und welche Stimmung ist das! Das rustikale Blatt erweckt den Eindruck, als ob in Baldung noch das alte Heidentum lebendig war, als ob es seit der Christianisierung einige hundert Jahre in Totenstarre überlebt hätte und sich nun, auferstanden, in einem Schwall wie der Zaubertrank ergießt, der vor dem schwarzen Nachthimmel – diese Schwarzfläche ist für einen Holzschnitt der damaligen Zeit absolut ungewöhnlich – verbrodelt.

 

Dabei geht Baldung mit einem bizarren Humor zu Werke: Würste liegen bereit, um von der feisten Hexe links verzehrt zu werden. In der Luft reitet eine andere rücklings auf einem Bock davon, in der Gabelung ihrer Forke ein Topf, aus dem Hühnerbeine ragen. Die Furie im Bildzentrum hält einen Teller mit gerupften Vögeln hoch. Das Hexenmahl ist bereitet.

 

Inmitten eines aus Forken gebildeten Dreiecks sitzt eine Hexe mit einem Kochlöffel in der Hand. Vor kurzem hat sie wohl noch zuhause ihrem Gemahl eine Speise serviert und ist dann zum Schornstein hinaus, zur Walpurgisnacht.

 

Der große „Hut“ im Vordergrund ist ein gewölbter Spiegel. Daneben liegt eine Bürste. Diese für die Schönheitspflege nötigen Utensilien hat Baldung auch auf leider nur als Kopien erhaltenen Gemälden dargestellt. Dort bespiegeln und bürsten sich Frauen im Bad an pikanten Stellen. Hier, beim Hexensabbat, stehen die Dinge in einem seltsamen Kontrast zu den derben Frauen.

 

Kompositorisch bilden die vorderen Hexen ein Dreieck, die Lieblingsform der Renaissance. Doch diese kompakte Form wird aufgelöst durch die gestreckten Gliedmaßen, durch den Rauchschwall und durch die Baumruine, deren gebrochene Äste nach allen Seiten ragen. Wenige Flechten hängen von ihnen herab, von einem Restleben des morschen Stammes kündend.

 

Hans Baldung Grien nimmt sich immer wieder das Thema Hexen vor:

 

hans-baldung-grien-hexen-zeichnung-1514

Hexensabbat, 1514, Zeichnung auf farbig grundiertem Papier, weiß gehöht

 

HOCHAUFGELÖST

 

Auch auf dieser Zeichnung bilden die Frauen im Vordergrund ein Dreieck, ein  rechtwinkliges diesmal, dessen längste Seite das Bild diagonal durchschneidet. Um in diese Form zu passen, musste Baldung die Figuren seltsam verrenken und verschachteln, was zur eigenartigen Stimmung des Bildes beiträgt.

 

Wieder löst er den strengen Umriss auf – indem er an die verkeilten Figuren eine weitere Hexe als Form ‚andocktʻ. Sie scheint zu stehen, kniet aber bei genauer Betrachtung im Hintergrund. Ihr Körper bildet eine Vertikale in der Bildmitte, kühn gekreuzt von einer vorbeifliegenden Alten.

 

Die Kniende reckt ihre Arme in wilder Geste nach oben, streckt demonstrativ ihren Bauch vor. Überhaupt widmet sich Baldung hier mit Hingabe dem quellenden Fett wohlgenährter Weiber. Sorgfältig modelliert er die schwellenden Formen. Er ist in dieser Beziehung ein Antipode von Dürer und Cranach. Dürer stellte den menschlichen Körper mal idealisiert dar, mal als nüchterne, realistische Bestandsaufnahme, Cranach den weiblichen Akt meist fragil und mit hintergründiger Erotik (siehe ihre Darstellungen der Venus). Hans Baldung Grien präsentiert auch Erotik, aber von anderer Art als Cranachs: Ein dämonisch fleischliches Treiben geht auf seinem Hexensabbat vor.

 

Bei diesem Bild, das knapp 30 Jahre nach dem Erscheinen des Hexenhammers entstand, stellt sich die Frage, ob Hans Baldung Grien die Hexenverfolgungen befürwortete? Dies lässt sich nicht mit Sicherheit klären. Man darf aber vermuten, dass er die Frauen nicht als Hexen diffamieren wollte, sondern von der Vorstellung solch hexenhaften Treibens eher fasziniert war.

 

Anfang des 20. Jahrhunderts galten Baldungs Hexenzeichnungen übrigens als zu unflätig, als dass man sie einem breiten Publikum zeigen könnte. Über soviel Pickelhaubenmentalität kann man heute nur verwundert den Kopf schütteln. Vielleicht haben die besorgten Sittenwächter aber auch gewittert, dass hier ein Künstler nicht nur Frivolitäten vor den Augen ausbreitete, sondern dass in Baldungs Kunst ein wirklich barbarisches Element enthalten ist.