Die Apokalypse

Der Drache

 

Michaels Kampf nimmt in der Apokalypse nur drei Verse ein (Off. 12, 7 – 9). Breiter wird die Begebenheit im Buch Henoch geschildert, einer religiösen Schrift, die nicht zur Bibel gehört. Engel empören sich gegen Gott und werden vom Erzengel Michael und seinen Getreuen auf die Erde gestürzt. Der uralte Kampf Gut gegen Böse.

 

 

„Michaels Kampf mit dem Drachen”, Holzschnitt (um 1497/98)

 

HOCHAUFGELÖST

 

Es wurde also „der große Drache, die alte Schlange, genannt der Teufel …” von Michael auf die Erde geworfen. Dürer folgt dem Text und zeichnet den Drachen – ein Blatt vorher noch als siebenköpfiger Drachen dargestellt – als Teufel zu Füßen des Erzengels.

 

Die Dürerzeit kennt noch nicht die klassische Teufelsdarstellung mit menschlichem Gesicht und Bocksbeinen, dem antiken Pan nachempfunden. Auch die Vorstellung Luzifers als einsamen Rebellen (wie in der Epoche der Romantik) war dem Mittelalter fremd. Dürers Teufel ist ein groteskes Monstrum mit Tierschnauze und schuppigem Leib.

 

Verblüffend ist zu sehen, wie der Teufel auf dem letzten Bild der Apokalypse im Abgrund eingesperrt wird: Ein runder Deckel klappt im Boden auf, fast wie ein Gullydeckel. Auch dies ist die Dürerzeit! Der höllische Abgrund liegt direkt unter dem Boden zu unseren Füßen, den Verschluss könnte ein Nürnberger Schmied angefertigt haben.

 

In dieses Loch muss der Teufel herab. Dürer zeichnet ihn mit vertrockneten weiblichen Brüsten – dieses Attribut hat Satan im Mittelalter oft. Sein Leib erinnert an einen Tannenzapfen: eine burleske Figur. Komik und echtes Entsetzen liegen im Mittelalter eng beieinander.

 

Wie die meisten anderen Holzschnitte zur Apokalypse ist auch das Blatt mit Michaels Kampf ein Spagat zwischen Renaissance und Spätgotik. Der kraftvoll zustoßende Michael ist ohne Anregungen aus Italien nicht denkbar, wird aber durch die knorrigen Linien zu einer Gestalt, wie sie nur nördlich der Alpen erfunden werden konnte.

 

Beim Hintergrund packt Dürer die spätgotische Angst vor der leeren Fläche. Ganz stopft er das Bild voll mit Engelsfittichen, Teufelsgewürm und krausen Wolkenbändern – ein Eintopf aus Gut und Böse, dessen schlechte Bestandteile gleich auf die friedliche Welt am unteren Bildrand herabfallen werden.

 

„Das Tier aus dem Meer und das Tier mit den Lammshörnern”, Holzschn. (1497/98)

 

GROSSES BILD
HOCHAUFGELÖST

„Die babylonische Hure”, Holzschnitt (um 1497/98)

 

GROSSES BILD
HOCHAUFGELÖST

 

Das Blatt wird oft fälschlich als „Der siebenköpfige Drache und das Tier mit den Lammshörnern” bezeichnet. Dargestellt ist jedoch das siebenköpfige Tier aus dem Meer mit den Bärenfüßen und dem Löwenmund, Off. 13, 1–3. Dies sind zwei unterschiedliche Gestalten.

 

Als Vorlage für die babylonische Hure hat Dürer die Zeichnung einer Venezianerin von seiner Italienreise benutzt. Die Hure präsentiert einer Menschenmenge Nürnberger Goldschmiedekunst (das Handwerk von Dürers Vater): einen Becher „voll Gräuel und Unsauberkeit …”.

 

Grafisch reizvoll durchpflügt Dürer den Himmel: Den bogenförmig hochaufschießenden Flammengarben rechts ist links eine verschrumpelte Wolkenmasse entgegengesetzt, die sich spaltet, um den Weg für das Heer des Ritters „Treu und Wahrhaftig” freizugeben.

 

 

Drei siebenköpfige Tiere treten in der Apokalypse auf. Sorgsam beachtet Dürer die Zahlenverhältnisse. Das scharlachrote Tier der Hure mit den 10 Hörnern, der Drache mit den 10 Hörnern und 7 Kronen und das Tier aus dem Meer mit den 10 Hörnern und 10 Kronen.

 

Viele Interpretationen sind dazu versucht worden. Einen Hinweis gibt die Apokalypse selbst: Die 7 Köpfe sind 7 Hügel, die 10 Hörner 10 Könige, die das Reich noch nicht empfangen haben. Zumindest die 7 Hügel lassen sich wohl als Rom deuten, die Stadt, die zur Zeit der Niederschrift der Apokalypse bei den Christen als das neue Sündenbabel galt. Einen neuen Zugang zu Dürers künstlerischem Werk können solche Interpretationen nicht vermitteln.