Die drei Meisterstiche

 

Dürer schuf sein Werk in Phasen. Immer wieder entstehen fast eruptiv in kurzer Zeit zahlreiche Werke, denen eine Phase der Besinnung folgt und danach ein neuer Stil – Ebbe und Flut des Schaffens.

 

Stürmisch bewegt ist sein Werk vor 1500 (Apokalypse), danach führt die künstlerische Flut mitunter Eis mit sich: Technisch beeindruckende, aber auch frostige Blätter entstehen (Adam und Eva). 1513/14 dann die Springflut! Dürer schafft die drei Meisterstiche, die Krönung seiner Kupferstiche.

 

 

Die Krönung eines an sich schon meisterhaften Gesamtwerks

 

Der Titel „Meisterstiche” kann eine irrige Vorstellung erzeugen, denn meisterhaft stach Dürer schon vor diesen drei Blättern. Überhaupt verblüfft, in welch kurzer Zeit Dürer die Kunst des Kupferstichs auf eine nie geahnte Höhe führte.

 

Martin Schongauer hatte eine Generation vor Dürer gezeigt, dass in dieser Technik Potential steckt. Ein Potential, das der junge Dürer zur Entfaltung brachte. Nach der Dürerzeit gaben die Künstler den mühsamen Kupferstich bald auf und widmeten sich der technisch leichteren Radierung. Für kunsthandwerkliche Arbeiten führte der Kupferstich in den folgenden Epochen noch ein Nischendasein.

 

Wie gesagt, erstaunen schon Dürers frühe Kupferstiche. Doch haftet diesen Blättern ein „aber” an. Aber zu akademisch (Adam und Eva), zu italienisch (Herkules), zu detailliert (Eustachius), zu … ja, wer will denn diese dickliche Glücksgöttin sehen, auch wenn das Blatt wunderschön gestochen ist (Nemesis, auch Das große Glück genannt)?

 

In seinen drei Meisterstichen von 1513/14 findet Dürer zu seinen ureigensten Motiven. Seine Fähigkeiten zur Raum-, Figuren-, und Materialdarstellung (durch Anregungen der Italienischen Renaissance und in jahrelangen Studien geschult) verbinden sich aufs glücklichste mit seiner spätgotischen Manier.

 

Besonders ist sein Rätselblatt Melencolia I von 1514 zu erwähnen. Wie ein Alchimist verschmilzt Dürer die seltsamsten Dinge zu einem Bild, das den Betrachter grübeln lässt. Unter Dürers Händen wird aus dem Blei der Dinge – Alltagsgegenstände wie Hobel und Säge – Gold: Geheimnisse des Universums scheinen in diesem Bild verborgen zu sein.

 

 

Eine surreale gotische Bildwelt

 

Nicht weniger surreal, wenn auch weniger rätselhaft, ist der Ritter, Tod und Teufel, der erste dieser drei Kupferstiche, ein Jahr vor den beiden anderen entstanden. Wie in einem Traum begegnet der Ritter dem personifizierten Tod und dem Teufel. Der erstere führt ihm seine Endlichkeit vor Augen, der zweite verkörpert das „Böse” in der Welt. Modern psychologisch ausgedrückt: Er begegnet sich selbst – der „dunklen Seite der Macht”.

 

Der Hieronymus im Gehäus wird von seiner Stube schützend umfangen, ein Mutterleib aus Holz und Stein. Auch diesem Bild haftet etwas von einem Traum an. Alle drei Bilder sind von einer Stille erfüllt, die man sonst wohl fühlt, wenn man zu den Sternen aufblickt.

 

Man hat oft versucht, die drei fast gleichgroßen Bilder in einem Zusammenhang zu sehen. Sie wurden als Zyklus von Tugenden interpretiert oder als Darstellung der vier Temperamente (demnach hätte Dürer ein viertes Blatt geplant, aber nicht ausgeführt). Dies sind jedoch alles reine Spekulationen geblieben.