Die drei Meisterstiche

Hieronymus im Gehäus

 

Der heilige Hieronymus (347 – 420), Kirchenvater und Bibelübersetzer, ist in seiner Studierstube dargestellt. Durch die Butzenscheiben strömt Licht, das Dürer in feinsten Abstufungen wiedergibt. Friedliche Stille liegt über dem Raum. Man glaubt den Sand im Stundenglas, das auf allen drei Meisterstichen an das Verrinnen der Zeit mahnt, rieseln zu hören.

 

 

„Hieronymus im Gehäus”, Kupferstich (1514)

 

HOCHAUFGELÖST

 

Bereits um 1496 hatte Dürer den Hl. Hieronymus auf einem Kupferstich dargestellt:
als Hl. Hieronymus in der Wüste. Der frühe Stich mit dem Wüstenheiligen hat freilich eine ganz andere Anmutung als dieser Meisterstich von 1514.

 

Vor Dürer ist nie eine Stube mit solcher Behaglichkeit geschildert worden. Doch im Vordergrund rahmt er das Bild durch eine Phantasiearchitektur (Deckenbalken, Pfeiler und Stufe), die dem Raum einen surrealen Auftakt gibt.

 

So sah sicher kein Zugang einer mittelalterlichen Stube aus. Am Deckenbalken hängt ein birnenförmiger Kürbis. Der Kunsthistoriker Wölfflin weist darauf hin, dass man solche Kürbisse in alten Bauernhäusern entdecken kann. Aber ein Heiliger, der seine Stube mit einem Kürbis schmückt? Wie ein Fremdkörper hängt die Frucht da, eine Wirkung, die durch die Glockenform und den aus dem Strunk wachsenden, kalligrafisch verschnörkelten Ranken noch verstärkt wird.

 

Unten lagern Tiere und schirmen den Heiligen vor uns ab. Der Löwe (sein Symboltier, dem Hieronymus der Legende nach einen Dorn aus der Tatze zog) sowie ein schlafender Hund (Symbol für den Frieden zwischen großen und kleinen Tieren im Paradies?). Auch auf der Melencolia I finden wir einen schlafenden Hund, der allerdings ausgemergelt erscheint. Insofern sind der Hieronymus und die Melencolia vielleicht doch als Gegenbilder konzipiert, wie man vermutet hat, ohne dafür einen Beleg zu finden.

 

 

„Hieronymus im Gehäus”, Detail

 

Der Stich ist von unglaublicher Feinheit. Solche filigranen Schraffuren finden sich zwar auch auf früheren Stichen, doch hier im Hieronymus trifft Dürer immer ganz genau den richtigen Tonwert. Er überzieht das ganze Gebälk mit einer Holzmaserung, ohne dass diese irgendwo zu stark hervortritt. Der winzige Kopf des heiligen Hieronymus ist ein kleines Wunderwerk für sich.

 

 

„Kardinal Albrecht als Hieronymus im Gehäus”, Gemälde von Lukas Cranach d. Ä. (1525)

 

GROSSES BILD

 

Wie populär dieser Stich war, zeigt dieses Gemälde, auf dem sich Kardinal Albrecht von Brandenburg von Cranach als Hieronymus darstellen ließ. Albrecht von Brandenburg war ein Gegenspieler Luthers und regte eine katholische Bibelübersetzung an. Erstaunlich, dass gerade Cranach, der sonst meist für die protestantische Seite arbeitete (Portraits von Luther), mit diesem Bild beauftragt wurde.