Die drei Meisterstiche

Melencolia I

 

Auf dem rätselvollsten Bild Dürers blickt eine geflügelte Figur sinnend in die Ferne. Dort prangt vor einer Himmelserscheinung (ein Komet? ein Meteor?) der Titel „Melencolia I” auf einem Tierbalg. Sollte diesem Kupferstich eine zweite Darstellung der Melancholie folgen oder Darstellungen der anderen Temperamente? Mit der Nummerierung, für die keine erschöpfende Erklärung gefunden werden konnte, schickt Dürer den Betrachter in das Labyrinth der Deutungen.

 

 

„Melencolia I”, Kupferstich (1514)

 

HOCHAUFGELÖST

 

Die Hauptfigur mit dem Zirkel in der Hand, eine Allegorie der Melancholie, scheint über geistige Arbeit in dumpfes Brüten versunken zu sein, während der Putto weiter emsig auf seinem Schreibtäfelchen kritzelt. Genauer besehen, deuten jedoch nur wenige Sachen auf eine geistige Tätigkeit hin: Der Schmelztiegel neben dem Polyeder und das mittelalterliche Schreibzeug (Tintenfass und Behälter für Schreibfedern, über der Kugel).

 

Dagegen verweisen Hammer, Säge, Hobel und Nägel auf handwerkliche Tätigkeiten, bewirken hier aber doch als rätselhaftes Sammelsurium von Gegenständen eine irgendwie geistige Atmosphäre. Das Bauwerk am Meer mutet seltsam an. Keine Gebäudeart lässt sich erkennen. Wohin führt die Leiter?

 

Viele Deutungen des Stiches hat man versucht, mit entgegengesetzten Interpretationen – und ohne gesicherte Ergebnisse. Speziell bei den Gegenständen nehmen neuere Versuche immer mehr Abstand von der Hoffnung, hier mehr als nur Spekulationen zuwege zu bringen. Das Tier mit dem Schriftzug am Himmel wird geflissentlich als Fledermaus fehlinterpretiert. Die Lichtstimmung weist nach der einen Meinung ganz klar auf eine nächtliche Stimmung hin, nach anderer Auffassung kann nur die Sonne solche Lichtkanten erzeugen.

 

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky sieht in dem Stich eine Auseinandersetzung mit dem Neuplatonismus und ein geistiges Selbstportrait Dürers.

 

Auf ganz andere Weise hat Thomas Mann in seinem Roman Dr. Faustus auf das Bild Bezug genommen: Sein Romanheld hängt sich das magische Quadrat im Studierzimmer an die Wand und betreibt als Komponist die Musik wie die mittelalterlichen Alchemisten die Goldmacherei. Auf diese Weise kommt das Bild mit dem Fauststoff in Berührung.

 

 

„Melencolia I”, Detail

 

Verwunderlich ist, dass ein Flügel des Puttos von der Leiter abgedeckt ist, obwohl der kleine Engel an der Seite des Gemäuers sitzt, während die Leiter von hinten angelehnt ist. Dieser Umstand wird in vielen Bildbeschreibungen gar nicht erwähnt. Sollte der Meister bei der Ausführung – also in der extremen Nahsicht beim Stechen – die räumlichen Verhältnisse aus den Augen verloren haben? Oder gibt uns Dürer hier verschmitzt eine optische Täuschung zum besten?

 

Das magische Quadrat

 

 

Die Felder auf diesem magischen Quadrat ergeben in alle Richtungen 34. Auch die vier Eckfelder und die vier Felder in der Mitte ergeben diese Summe. In der unteren Reihe ist außerdem die Jahreszahl des Stichs, 1514, enthalten. In der zweiten Reihe korrigierte Dürer eine 6 zu einer 5. Die 9 im Feld darunter geht auf eine ältere Schreibweise zurück.

 

 

Die Melancholie, Gemälde von Lukas Cranach d. Ä. (1532)

 

GROSSES BILD

 

Dürers Zeitgenossen sahen das melancholische Temperament teilweise als etwas sehr Schlechtes an. Lukas Cranach d. Ä. malte auf Dürers Stich basierend ein Gegenbild: Die Melancholie brütet nicht mehr vor sich hin, sondern beginnt zu schnitzen, der Hund erwacht, die Kinder (analoge Figuren zum Putto) spielen. Das finstere Heer in den Wolken – ein auf einem Ziegenbock reitender Ritter, umgeben von Hexen – kann hier nichts ausrichten.