Dürer als Maler

Schon zu Lebzeiten musste sich Albrecht Dürer mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass er „im Stechen gut wäre, aber im Malen wüsste er nicht mit Farben umzugehen”. Von einigen Gemälden abgesehen, den vorzüglichen Selbstbildnissen etwa oder den vier Aposteln, wirkt seine Malerei frostig, unbeholfen oder akademisch.

 

 

„Christus und die Schriftgelehrten”, Gemälde (1506)

 

Das fertige Gemälde fällt so gegen die Vorstudien (Zeichnungen der Hände und des Christuskopfs) ab, dass Thomas Schauerte vom Nürnberger Dürer-Haus 2009 die Echtheit anzweifelte.

 

Ob das Gemälde tatsächlich nicht von der Hand des Meisters stammt, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Die verunglückte Malerei muss hierfür kein Beweis sein, denn viele von Dürers Gemälden machen neben seinem grafischen Werk eine schlechte Figur.

 

Durchaus interessant ist die Bildidee: Vier Hände bilden das Zentrum. Ihre wie Spinnenbeine gespreizten Finger symbolisieren den Disput – ein im wahrsten Sinne des Wortes gespreiztes Gespräch, bei dem die Gesprächspartner nicht zueinander finden. Um die Hände herum sind hässliche Köpfe gruppiert. Hieronymus Bosch hat aus solchen karikierten Köpfen ein reizvolles Bild geschaffen: in seiner Kreuztragung.

 

Christus und die Schriftgelehrten bleibt dahinter weit zurück. Ob echt oder nicht – zeigt es doch ein Charakteristikum vieler Gemälde von Dürer, die wie aus Einzelteilen zusammengesetzt wirken, ohne dass sich die Elemente zu einem harmonischen Ganzen fügen.

 

 

„Die Marter der Zehntausend”, Gemälde (1508)

 

Etwas „harmonischer” geht es in Dürers Marter der Zehntausend zu. Obwohl aus vielen Einzelszenen zusammengesetzt und obwohl verstreut blaue Flächen hart hervortreten, verschmilzt dieses Gewimmel von Grausamkeiten doch mit der urtümlichen Natur, die entfernt an Landschaften von Altdorfer erinnert.

 

Dargestellt ist eine Legende von der Marterung tausender Christen, deren historischer Hintergrund nicht eindeutig geklärt ist. Die Legende wird sowohl mit Hadrian in Verbindung gebracht, als auch mit dem Perserkönig Sapor II.

 

Das Motiv erinnert an Hegels Besprechung der altdeutschen Malerei, in welcher er darauf hinweist, mit welch großer Energie die deutschen Maler Martern dargestellt haben, die „Roheit der Kriegsknechte, ihre Bosheit und Barbarei”.

 

In der Tat widmet sich Dürer hier mit handwerklicher Hingabe der Darstellung von Folterungen. Mit Fleiß listet er Grausamkeiten von A – Z auf, ein aus heutiger Sicht sehr befremdliches Anliegen. Ungerührt stellt er sich in der Mitte der Tafel selbst dar, voll Stolz auf seine Leistung, seine bildnerische Fabulierkunst.

 

Und dies ist kein Einzelfall. Die Marter der Zehntausend hatte er schon zehn Jahre früher in einem Holzschnitt dargestellt. Dürer ist hier ganz ein Mensch an der Schwelle von Mittelalter und Neuzeit. Humanistisches Gedankengut findet sich neben fast barbarischer Mitleidslosigkeit.

 

Für Nietzsche war der Mensch früherer Zeiten in der Lage, „von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei …” (aus: Zur Genealogie der Moral). Dass dieser Mensch dazu nicht nur im Übermut fähig war, sondern auch mit emsigen, biederen Handwerkerfleiß, sehen wir hier.

 

Von großem Reiz ist Dürers Heiliger Hieronymus:

 

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„Heiliger Hieronymus in der Studierstube”, Gemälde (1521)

 

Dargestellt ist der Kirchenvater Hieronymus (347 – 420), der die Bibel ins Latein übersetzte, nach eigener Angabe aus dem Hebräischen, nach neuer Forschung vermutlich aus dem Altgriechischen. Unvergleichlich kräuselt sich sein Bart und Dürer zeigt sich wieder einmal als Meister der Linie. Für das Gemälde hat Dürer sehr sorgfältige Vorstudien gezeichnet:

 

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Die Vorstudie für den Kopf des Hieronymus (zu sehen unter Zeichnungen) übertrumpft allerdings – und das ist typisch für Dürer – das fertige Gemälde. Auch mit dem Kupferstich Der Heilige Hieronymus im Gehäus kann die gemalte Tafel, so schön sie auch ist, nicht mithalten.