Eisenradierungen

Ab etwa 1515 experimentierte Dürer mit der Eisenradierung. Wenige Bilder hat er in dieser noch unentwickelten Technik geschaffen, die nur grobe Striche ermöglichte. Umso faszinierender sind die Blätter, in denen Dürer viel spontaner arbeitet als in der ausgefeilteren Kupferstichtechnik.

 

 

„Der Verzweifelnde”, Eisenradierung (1515)

 

An Interpretationsversuchen zu diesem rätselvollen Bild hat es nicht gefehlt. So wollte man in dieser Radierung die Darstellung der vier Temperamente sehen. Vielleicht ist es aber auch nur ein Studienblatt, auf dem Dürer die neue Technik ausprobiert.

 

Ist die Frau tot und der Mann trauert darüber? Links fügt Dürer räumlich ganz unpassend die Halbfigur eines Mannes hinzu, von dem wir durch eine Vorzeichnung wissen, dass es Dürers Bruder Hans ist. Der hier allerdings ein wenig wie Michelangelo aussieht.

 

Der Mann im Zentrum rauft sich die Haare. Mit Händen, die in verwinkelte Arme übergehen – Greifarme der Verzweiflung. In Ermangelung der Möglichkeit, feine Übergänge in dieser groben Technik zu gestalten, macht Dürer aus der Not eine Tugend: Er lässt seine Figur alle Muskeln aufs äußerste anspannen. Eine nicht natürliche, aber expressive Anatomie.

 

 

„Die Entführung auf dem Einhorn”, Eisenradierung (1516)

 

Diese Radierung erinnert an den  Kupferstich Ritter, Tod und Teufel, auf dem das Reittier auch in strenger Seitenansicht die gesamte Breite des Blattes einnimmt. Nur dass das Pferd auf dem Kupferstich ruhig schreitet, während dieses Einhorn vorwärts prescht.

 

Anatomisch gesehen scheint es allerdings auf der Stelle zu treten. Wie bei einem Reiterstandbild haften die Hinterbeine am Boden. Dass trotzdem der Eindruck wilder Bewegung entsteht, liegt an den energiegeladenen Linien, mit denen Dürer das Motiv mehr auf die Eisenplatte „gehackt” als gezeichnet hat.

 

albrecht-duerer-frauenraub-federzeichnungEin phantastisch zerklüfteter Felsen bildet den Hintergrund, über dem der Himmel zu kochen scheint. Das Bild vibriert vor Erregung. Bis auf die weiß ausgesparten Stellen gibt es keine ruhige Fläche, keine mit bedächtiger Überlegung angelegte Schraffur.

 

Bei dieser spontanen und aufgepeitschten Vorgehensweise misslingt Dürer die Anatomie der Frau. Dafür hat er uns mit dieser Radierung eins seiner temperamentvollsten Werke hinterlassen.

 

Die Vorstudie zu dieser Radierung (siehe Abb. links) zeigt übrigens kein Einhorn. Über die Leiber Erschlagener (auf einem Schlachtfeld?) reitet ein Mann auf einem normalen Pferd mit seinem Raub hinweg. Die antike Nacktheit mag Dürer bewogen haben, im fertigen Bild noch einen Schritt weiter in Richtung Mythologie zu gehen.

 

 

Zur Technik der Eisenradierung:

 

Bei der Radierung wird eine Metallplatte(hier Eisen) mit einem Lack angestrichen, in dem man mit der Radiernadel die Zeichnung ritzt. Die Platte wird in Säure gelegt, die da, wo der Lack (Ätzgrund) eingeritzt wurde, Rillen ins Metall ätzt.

 

Nach dem Entfernen des Lacks wird die Platte mit Druckfarbe überzogen und saubergewischt, so dass in den vertieften Rillen Farbe zurückbleibt und auf Papier abgedruckt werden kann.

 

Zu Dürers Zeit war die Technik noch unentwickelt. Er kannte noch nicht die Möglichkeit, die Linien unterschiedlich lange zu ätzen und dadurch verschieden dicke Linien zu erzeugen. So sind auf seinen Eisenradierungen alle Linien undifferenziert gleich stark.