Holzschnitte

Dürer war Zeit seines Lebens bemüht, die Errungenschaften der italienischen Renaissance – eine bessere Anatomie- und Raumdarstellung – in seiner Kunst anzuwenden. Doch den gotischen Stil konnte er nie ganz abstreifen.

 

Zum Glück, denn einige seiner besten Werke begeistern gerade durch die krause, gotische Linienführung. Mehr als in Dürers Kupferstichen kommt dieses Element in seinen derberen Holzschnitten zur Geltung.

 

 

„Simson bezwingt den Löwen”, Holzschnitt (um 1496/97)

 

HOCHAUFGELÖST

 

Dieser Holzschnitt zeigt viele Schwächen eines Frühwerks: Die Landschaft ist dem Motiv hinterlegt wie eine Theaterkulisse, der Schwanz des Löwen biegt sich unnatürlich, um nicht den Bildrand zu streifen, eine Grenze, die auch der Baum peinlich genau einhält.

 

Doch vor Dürers Linienkunst muss diese Kritik verstummen. Seine Striche verknautschen das Gesicht des Helden, durchwühlen das Haar, zerfurchen das Gewand. In Strudeln windet sich der Stoff, wie von einer geheimnisvollen Kraft durchpulst.

 

Simsons Blick geht in die Ferne, kein Mensch, sondern ein Titan in einer fernen Urzeit, wild und ungebärdig: ein alttestamentarischer Rübezahl. Eine Urszene, in der zwei Kreaturen auf Leben und Tod kämpfen.

 

 

„Christus am Ölberg”, Holzschnitt (um 1497/98)

 

HOCHAUFGELÖST

 

Das Blatt gehört zur Holzschnittfolge der Großen Passion. Die eigentliche Szene – ein etwas vertrockneter Engel reicht Christus einen Kelch – wird von einer bizarr großartigen Natur überwuchert. Der Felsen spaltet sich in Platten, bildet phantastische Formen, aus deren Ritzen Pflanzen hervorwuchern, ein blindwütiges Wachsen, ein wildes Schäumen von Konturen und Schraffuren.

 

Kaum lösen sich die Figuren aus dieser entfesselten Natur. Man würde sich nicht wundern, würden diese Jünger nie aufwachen. Es ist, als hätte sich die Natur ihre Geschöpfe zurückgeholt. Fels, Ast, Gewandfalte – alles ist ineinander verwickelt.

 

12 Jahre später hatte Dürer in seinen Holzschnitten zu einem ganz anderen Stil gefunden:

 

Die Gefangennahme Christi (1510)

 

GROSSES BILD

 

HOCHAUFGELÖST

Die Heilige Dreifaltigkeit (1511)

 

GROSSES BILD

 

HOCHAUFGELÖST

 

Die Werke der Jahre 1510/11 zeigen die Früchte von Dürers Bemühung um eine Ordnung des Bildes. Er fügt seinen alten Holzschnittzyklen neue Blätter hinzu, z.B. diese Gefangennahme der Großen Passion, unbekümmert um den Stilunterschied zu den älteren Blättern.

 

Dürer überzieht nun das ganze Bild mit einer feinen Schraffur. Diese Schraffur ergibt einen „Grauton”, von dem sich einige ganz weiß belassene Stellen abheben. Auf diese Weise gelingt eine Gliederung der Komposition.

 

Die Heilige Dreifaltigkeit beeindruckt durch den kräftigen Schatten, mit dem Dürer Brust und Bauch von Christus modelliert – eine für einen Holzschnitt ganz ungewöhnliche, originelle Lichtführung. In den delikaten kleinteiligen Gewandfalten überlebt die Gotik den Einbruch der Renaissance in Dürers Schaffen.

 

 

Zur Technik des Holzschnitts:

 

Beim Holzschnitt zeichnet der Künstler auf ein Brett. Zwischen den Linien schneidet der Formschneider das Holz weg. Auf diese Weise entsteht ein Stempel, der so genannte „Holzstock”, der mit Farbe eingewalzt und auf Papier abgedruckt wird. Das Material bedingt grobe Linien und Schraffuren. Unter Dürer entwickelte sich die Technik soweit, dass die Feinheit einer Federzeichnung erreicht wurde. Welche Bilder Dürer eigenhändig in Holz geschnitten hat und welche er seinen Formschneidern überlassen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.