Kupferstiche

Der Kupferstich als künstlerische Technik ist Dürer wie auf dem Leib geschrieben. In unendlicher Feinarbeit spürt Dürer auch den kleinsten Formen des Motivs nach, erfindet Schraffuren für die verschiedensten Materialien und schafft durch filigrane Strichlagen ein silbrig schimmerndes Grau, das zum Markenzeichen seiner Kupferstiche geworden ist.

 

In seinen frühen Stichen zeigt Dürer bereits eine erstaunliche Meisterschaft. Parallel zur herben Holzschnittapokalypse entstehen ganz anders geartete Kupferstiche, die von Dürers Auseinandersetzung mit den Erungenschaften der italienischen Renaissance zeugen, insbesondere Die vier Hexen und Der Traum des Doktors, aber auch z. B. Der Spaziergang und Nemesis oder das große Glück.

 

 

„Herkules (Eifersucht)”, Kupferstich (um 1498/99)

 

HOCHAUFGELÖST

 

Ein besonders fein durchgebildetes Blatt ist der Kupferstich mit dem seltsamen und irreführenden Beinamen Eifersucht. Dargestellt ist Herkules am Scheideweg (eine moralische Fabel): Die Tugend schlägt auf das Laster (die nackte Frau in den Armen des Satyrs) ein. Über alternative Deutungen und Details des Bildes siehe Herkules als Hahnrei.

 

Grafisch besonders reizvoll ist die Baumgruppe. In vielen Partien des Laubes sticht Dürer jedes einzelne Blatt. Eine unglaubliche Fleißarbeit. Dabei gelingt ihm eine feine Abstufung: Stark verschattetes Laubwerk, belebtes Laub und ganz oben einige nicht durchgezeichnete Partien, um die nötige Helligkeit zu erreichen, damit sich die Laubkrone plastisch rundet.

 

 

„Der heilige Eustachius”, Kupferstich (um 1500/02)

 

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Ein Jäger begegnet einem Hirsch mit einem Kruzifix auf dem Kopf. Doch dieses Motiv tritt ganz hinter der Landschaftsdarstellung zurück. Niemals wieder hat Dürer sich so kleinteilig den landschaftlichen Details gewidmet. Hier ist eine Grenze erreicht, an der die Feinheit des Stichs für die Gesamtwirkung nicht mehr förderlich ist.

 

Überraschend ist die sehr konstruierte Komposition: Drei wunderschön gezeichnete Hunde bilden ein Dreieck. Pferd und Hirsch sind genau parallel zueinander in strenger Seitenansicht dargestellt. Bäume rahmen den Hirsch. Das Bild wirkt alles andere als natürlich.

 

Das mag man als Schwäche des Bildes bedauern. Jedoch ist dies ein wesentliches Element von Dürers Kunst. Er gibt fast nie einen Schnappschuss der Natur, sondern ordnet die Elemente, als ob er rätselvolle Tarotkarten zu gestalten hat.

 

Kurz nach diesem Stich schuf Dürer seinen ersten Kupferstich mit einer Datierung (1503):
Das Wappen mit dem Totenkopf.

 

 

„Das Meerwunder”, Kupferstich (um 1498) von Albrecht Dürer

 

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Ebenfalls etwas gekünstelt wirkt der noch vor dem Herkules entstandene Stich Das Meerwunder. Dürer selbst hat das Bild so bezeichnet (Tagebuch seiner Niederländischen Reise). Die vom Meerunhold entführte Schöne liegt da wie auf einem Diwan. Scheinbar eine Aktstudie im Atelier. Landschaft und Wassermann sehen wie eine Zutat aus.

 

Dass hinter dem Orientalen am überfluteten Ufer (die Bäume stehen im Wasser) spätmittelalterlich deutsche Bauten aufragen, muss nicht verwundern: Zur Dürerzeit wurden exotische Schauplätze und historische Begebenheiten kurzerhand in die Gegenwart und in ein bekanntes Umfeld verfrachtet. Der Orientale könnte der Vater der Frau oder ihr Mann sein, die Frauen im Wasser ihre Gespielinnen oder Schwestern. Oder Haremsfrauen, aus deren Kreis der Nix eine entführt hat. (Letzteres ist eher unwahrscheinlich, denn die neben dem Turbanträger am Boden hockende Frau scheint die Mutter zu sein. Der Orientale wäre dann der Vater.)

 

Verschiedene Sagen wurden zur Deutung des Stiches herangezogen: Die Entführung der Amymone (durch Neptun) nach Lukian, oder (der Meeresgott) Glaukos raubt Syme. Zu keiner Geschichte passt Dürers Bild ohne Vorbehalte. Vielleicht hat Dürer einfach die volkstümliche Vorstellung visualisiert, dass ein Nix eine Frau raubt, ohne dabei eine ganz konkrete Sage im Sinn gehabt zu haben.

 

Über die verschiedenen Deutungsansätze siehe Das Meerwunder

 

 

Zur Technik des Kupferstichs:

 

Beim Kupferstich sticht der Künstler aus einer Kupferplatte feine Linien heraus. Die Platte wird später ganz mit Druckfarbe bedeckt und saubergewischt, so dass in den vertieften Rillen Farbe zurückbleibt und auf Papier abgedruckt werden kann.