Zeichnungen

Mit Feder, Silberstift oder Pinsel schuf Dürer Studienzeichnungen zu Details seiner Stiche und Gemälde. Seine beeindruckendste Zeichnung ist jedoch weder eine Vorstudie, noch bedient er sich hierbei wie sonst feiner Strichlagen: Mit groben Kohlestrichen bannt er das Portrait seiner Mutter kurz vor ihrem Tod aufs Papier.

 

 

„Dürers Mutter”, Kohlezeichnung (1514)

 

Schon früh beschäftigte die Kunsthistoriker die Diskrepanz zwischen dem nach Schönheit suchenden Künstler (der sich schließlich eingestehen musste: „Was aber die Schönheit sei, das weiß ich nit.”) und diesem „hässlichen” Gesicht.

 

1971 kombinierte Klaus Staeck das Portrait mit der Unterzeile „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?” und machte damit augenfällig, wie schwer dies Bild in unsere vom Jugendwahn befallene schöne neue Welt passt. Mitunter wird die Kohlezeichnung als Kritik an den unsozialen Lebensumständen der Dürerzeit interpretiert, die sich der Greisin ins Gesicht geprägt hätten.

 

Doch darf man vermuten, dass Dürer das Gesicht seiner von Krankheit ausgezehrten Mutter keineswegs als hässlich angesehen hat. Er sah keinen Grund, es zu verschönern, und brauchte keinen besonderen Grund, es zu zeichnen: Der intensive Blick der Mutter war ihm Grund genug, ihre Erscheinung auf Papier zu bannen.

 

 

„Nacktes Paar mit Teufel”, Federzeichnung

 

Auf dieser Federzeichnung umklammert der Teufel ein nacktes Paar. Tod und Teufel sind im Leben des spätmittelalterlichen Menschen immer präsent.

 

Verblüffend ist, dass Dürer das Geschlecht des Mannes von lang herabhängendem Schamhaar verdecken lässt, denn in seinen Zeichnungen war Dürer bei Akten freizügig und verzichtete meist auch auf das obligatorische Feigenblatt und andere Bedeckungen. Umso deutlicher präsentiert der Teufel sein Geschlecht, das ein Bukett aus einem Glied, einem Tierschwanz und dreier weiblicher Zitzen ist.

 

Das Geschlechtliche ist auf dieser Zeichnung also das Teuflische, es ist männlich, weiblich und tierisch. Dies ist eine befremdliche Sicht für unsere Zeit, die nicht müde wird, das „Natürliche” der Sexualität zu betonen. Eine Annäherung an die ältere Sichtweise kann man versuchen, indem man im Teufel das Animalische der Sexualität verkörpert sieht. Die Angst davor und den Wunsch danach.

 

Die Dürerzeit ist eine Übergangszeit: spätes Mittelalter und frühe Neuzeit. Das Frühmittelalter glaubte an den Teufel, verfolgte aber keine Hexen. Teufelsglaube ist nicht automatisch mit Hysterie verbunden. Etwas von dieser entspannten Haltung findet sich noch in Luthers Empfehlung, den Teufel durch einen Furz zu vertreiben.

 

Doch in Luthers Angst vor dem Teufel kündigt sich auch die kommende Hexenhysterie an. Die Anfänge der Verfolgungen liegen kurz vor und in der Dürerzeit, während die Höhepunkte erst später kamen, vor allem während des 30-jährigen Krieges.

 

Eine besonders schöne Zeichnung ist Der dreiundneunzigjährige Alte:

 

duerer-der-93-jaehrige-alte

 

„Der dreiundneunzigjährige Alte”, Pinselzeichnung, weiß gehöht (1521)

 

Für Dürer war dies „nur” eine Vorstudie zum Gemälde Der Heilige Hieronymus in der Studierstube (zu sehen unter Dürer als Maler). Auf dem Gemälde setzte Dürer die Figur mit Augen um, die den Betrachter anschauen. Hierfür fertigte er eine zweite Studie an:

 

duerer-kopf-des-93-jaehrigen-alten