4 Frauen, 4 Lebensalter

oder 4 Frauen, Tod und Teufel, Fortsetzung und Beschluss

 

Siehe den ersten Teil dieser Bildbesprechung unter 4 Frauen, Tod und Teufel

 

Siehe das besprochene Bild (auch als hochaufgelöste Datei) und verschiedene Interpretationen diverser Kunsthistoriker unter Die 4 Hexen

 

 

Mit dem Motiv Frau und Tod hängt ein anderes gängiges Sujet der Dürerzeit eng zusammen, die Lebensalter des Weibes. Auch von diesem Thema ist etwas in Dürers Stich Die 4 nackten Frauen (auch Die 4 Hexen genannt) eingegangen. Es wird aber von Dürer seltsamerweise nur angetippt.
Hans Baldung Grien wird in seinem Gemälde Die sieben Lebensalter des Weibes sehr viel deutlicher, weshalb das Motiv hier anhand seines Gemäldes beschrieben wird:

 

 

Baldung lässt durch einen Pflanzentrieb, der die Frauen links im Bild wie ein Bindebogen zusammenfasst, keinen Zweifel darüber aufkommen, dass das Leben einer Frau nur bis zur Lebensmitte blüht und gedeiht. Ein dunkles Tuch verbindet die Frauen der zweiten Lebenshälfte. Tücher als Klammern für Gruppen von Lebensaltern – vielleicht wurde Baldung durch Dürers Stich dazu inspiriert. Übrigens gehört zu Baldungs Gemälde noch eine zweite Tafel, die heute nur noch als Kopie von unbekannter Hand erhalten ist und die drei alte Frauen zeigt, die vom Tod zu einem ausgehobenen Grab geführt werden. Damit ist eine Verbindung der Themen Lebensalter und
Frau(en) und Tod geschaffen.

 

Auf der von Baldung gemalten und erhaltenen Tafel steht hinten rechts eine Frau, die keine Verbindung zur Reihe hat. Dies ist eine Parallele zur vierten Frau auf Dürers Stich (die 2. von rechts), die zwar mit den anderen drei Frauen eine Gruppe bildet, sich aber durch den Blick ins Leere auch absondert. Wer jedoch genau hinschaut, sieht, dass ihre Hand das Tuch hält (beides gelb markiert), das alle vier Figuren gewissermaßen verbindet. Sie fügt sich also als Älteste einerseits in den Lebenskreislauf ein, befindet sich aber andererseits im Abseits.

 

 

Die „Älteste“ … bei diesem Begriff stutzt man mit Blick auf Dürers Kupferstich: Fehlen doch in Dürers Reihe eine wirklich alte und eine wirklich junge Frau, wie man es bei einer Darstellung der vier Lebensalter erwarten würde. Und für weitere Verwirrung ist gesorgt. Betrachtet man die Köpfe, beginnt die Reihe in der Mitte bei der jungen Frau mit dem (Jungfern?-)Kranz, setzt sich in ihrer Blickrichtung nach rechts fort, zur voll erblühten Frau, springt dann zur Frau mit der Ehehaube ganz links und endet bei der im Hintergrund stehenden, etwas älteren Frau.

 

 

Schaut man tiefer (und der Künstler wollte, dass man tiefer schaut – hat er doch extra in der Bildmitte einen üppigen Hintern platziert), endet die Reihe auch bei der Frau im Hintergrund, geht aber ansonsten von rechts nach links. Ausgerechnet die Frau in der Mitte, in der wir eben noch die Jüngste vermutet haben, hat den breitesten Hintern und die kräftigsten Oberschenkel.

 

 

Was ist davon zu halten? Ich vermute, dass Dürer hier eine Studie nach der Natur verwendet hat. Wer weiß, welche wohlgenährte Küchenmagd die Hüllen zum Wohle der Kunst fallen ließ? Und der Meister war nicht bereit, die natürlichen Proportionen seiner Aktmodelle zur Verdeutlichung des Themas zu verfremden. Ganz anders als unsere heutigen Grafiker, die Fotos manipulieren, bis vom Original nichts mehr übrig ist. Dürer jedenfalls wich von seinem Aktmodell kein Jota ab und nahm in Kauf, dass die vier Lebensalter nur mit viel gutem Willen als solche zu erkennen sind.

 

Die Brüder Beham haben Dürers Motiv aufgegriffen, die Lebensalter aber sehr viel deutlicher und drastischer herausgearbeitet:

 

Die Rückenfigur  ist stark in die Breite gegangen und dürfte ein vorgerücktes Alter darstellen, links ist nun eine Greisin zu sehen, die Dürers Variante vermissen lässt.

 

Durch den personifizierten Tod wird jetzt auch klar, dass der Schädel am Boden kein Requisit für ein finsteres Ritual ist, sondern ein memento mori, ein Symbol der Vergänglichkeit.

 

Dürers Stich wurde also bereits zu seiner Zeit als Darstellung der Lebensalter verstanden.

 

Blicken wir noch kurz zur linken Frau auf Dürers Stich – die mit der Ehehaube. Flüchtig besehen ergänzt unser Auge schnell eine Bauchkontur, die nicht vorhanden ist (siehe unten: gepunktete Linie). Vielmehr muss man sich ihren Bauch äußerst ausladend vorstellen (gestrichelte Linie).

 

Entweder ist sie in ihrer Ehe sehr zufrieden … oder sehr unzufrieden … Beides könnte eine gewaltige Gewichtszunahme zur Folge haben – oder aber sie ist schwanger! Und damit hätten wir dann die Frage im ersten Teil dieses Artikels, ob in Dürers Bild auch der Neubeginn des Lebens thematisiert wird, beantwortet.

 

 

Damit wird Dürers Bild zu einer runden Sache: Das Leben erneuert sich – dies verspricht der Bauch der linken Frau, ist aber auch vom Tode angekränkelt. Unmissverständlich sagt uns dies der Schädel. Das Leben erneuert sich durch die Frauen, die einen Lebenszyklus durchlaufen und dabei oft genug dem Teufel zum Opfer fallen – und manchmal auch zu seinem Werkzeug werden, um Männer wie Vögel einzufangen. So zumindest sahen es die Menschen der Dürerzeit.

 

 

 

Die Kugel an der Decke sehe ich übrigens als Apfel an. Dass sie weder einem Apfel, noch der Frucht der Mandragora – so eine andere Deutung – ähnlich sieht, davon kann man sich durch eine Internetsuche schnell überzeugen. Folgt man meiner Interpretation, dass der Stich eine typische Frauendarstellung der Zeit ist, dann macht ein Apfel Sinn: Man denke an Eva mit dem Apfel.

 

Nun sitzt diese Kugel, ganz untypisch für einen Apfel, wie eine Beere in einem Kelch aus Blättern. Meiner Einschätzung nach wollte Dürer keinen natürlichen Apfel darstellen, sondern einen symbolischen, die Arbeit eines Goldschmieds, der sein Werkstück gemäß den Möglichkeiten seines Handwerks bildet und verziert. Hierzu – muss man sich vorstellen – baut dieser Schmied aus vier Blättern (eins hinten, für uns unsichtbar) eine Art Fassung, in die er die Kugel, die er noch mit Rillen verziert, einsetzen kann. Einen ähnlichen „Apfel“ als Schmiedearbeit sieht man auf
Lucas Cranachs Urteil des Paris (hier ein Ausschnitt). Hermes, der Götterbote, übereicht diesen „Zankapfel“ dem Trojanerprinz Paris, damit dieser die schönste der drei Göttinnen, die ihn beeindrucken wollen, damit auszeichnet.

 

 

Apfel, Eva, Frauen, weibliche Brust … Dies sind in Dürers Zeit gängige Assoziationen. Auf diesem Kupferstich von Daniel Hopfer führt eine sicherlich käufliche Dame die Hände eines Soldaten an ihren Busen. Und dies unter einem Apfelbaum, mit einer seltsamen Kappe auf ihrem Kopf, die an einen Apfel erinnert.

 

Über den Köpfen der Frauen auf Dürers Stich macht eigentlich nur ein Apfel Sinn.

 

Bleiben die rätselhaften Buchstaben O G H auf diesem Apfel, die wohl nicht mehr aufgeklärt werden können. Meiner Ansicht nach könnten es am ehesten die Abkürzungen dreier Begriffe sein, die drei Lebensalter oder drei Zustände bezeichnen (etwa sinngemäß wie im Kinderreim „… verlobt, verheiratet, geschieden“) oder die Initialen von drei mythologischen Figuren, die solche Lebenszustände repräsentieren.

 

Die Mittelpunkte zwischen den Buchstaben, aber auch vor dem ersten und hinter dem dritten, weisen evtl. auf eine Reihe hin, die sich fortsetzt. So dass man sich einen vierten Buchstaben für die vierte Frau auf der Rückseite der Kugel denken könnte. Aber falls diese Buchstabenfolge nicht zufällig auf einem anderen Bild der Dürerzeit oder in seinen Notizen entdeckt wird, scheint mir jede weitere Spekulation darüber müßig zu sein.

 

Übrigens: Auch als Urteil des Paris hat man Dürers Stich mit den vier Frauen schon deuten wollen. Die drei Damen vorne wären dann Hera, Athene und Aphrodite. Die vierte Eris, Göttin der Zwietracht, die zum Geschehen den Zankapfel beisteuert. Das Problem hierbei ist weniger, dass die griechischen Göttinnen dann seltsamerweise auf dem Bild altdeutsche Hauben und Tücher tragen. Die Künstler haben früher mythologische Szenen bedenkenlos in ihre eigene Zeit versetzt. Albrecht Altdorfer etwa stellt auf seiner Fassung des Parisurteils (Holzschnitt, Detail) Eris in der Kluft altdeutscher Ehefrauen dar:

 

 

Aber warum sollte Dürer ein Parisurteil ohne Paris schaffen? Ich halte es jedoch für nicht unmöglich, dass er ein Parisurteil gesehen hat und sich davon evtl. hat inspirieren lassen, z. B. zu dem „von einem Goldschmied angefertigten“ Apfel. Das bleibt natürlich reine Spekulation. Im Übrigen geht es beim Parisurteil (auch ein beliebtes Sujet der Dürerzeit) gewissermaßen um ein Thema, das auch in den Lebensaltern anklingt, das hier aber durch eine Illustration aus einer ganz anderen Epoche demonstriert werden soll:

 

 

Hera, Athene und Aphrodite gehen zu Paris, Illustration aus den „Fliegenden Blättern“, 19. Jh.

 

Es werden nämlich drei verschiedene Frauentypen präsentiert. Athene, die Paris Weisheit versprechen wird, trägt witzigerweise ein Universallexikon unter dem Arm, Hera stolziert mit Pfauenfedern voran, Aphrodite ist hier als ein eingebildetes (und etwas biederes) Frauenzimmer karikiert. Jedenfalls ging es den meisten Künstlern, die das Motiv gestalteten, weniger um die griechischen Sage, als vielmehr um verschiedene Frauentypen und Lebenshaltungen. Und dies ist gewissermaßen auch ein Teil von Dürers Darstellung: es sind vier verschiedene Typen in vier verschiedenen Phasen ihres Lebens.

 

Der Stich mit den vier Frauen spiegelt also vermutlich die Gedanken, welche die Gesellschaft zu Dürers Zeit gemeinhin über das schöne Geschlecht hatte. Und vermutlich war das Bild für die Käufer keineswegs rätselhaft. Neu und verblüffend war lediglich (nach den schlanken gotischen Figuren der vorhergehenden Epoche) die dralle Leiblichkeit der Darstellung.