4 Frauen, Tod und Teufel

Versuch einer eigenen Interpretation von Dürers Kupferstich Die vier Hexen oder Die vier nackten Frauen. Der Stich ist hier zur Verdeutlichung auf seine wesentlichen Elemente reduziert. Das ganze Bild mit Hintergrund (auch als hochaufgelöste Datei) und verschiedene Interpretationen diverser Kunsthistoriker siehe unter Die 4 Hexen.

 

 

Um meinen für den Leser möglicherweise enttäuschenden Befund vorwegzunehmen: Meines Erachtens stellt das Bild weder Hexen noch sonst eine mysteriöse Szene dar, ist aber auch nicht – wie die Verfechter des Titels Die vier nackten Frauen meinen – einfach eine Präsentation von Aktfiguren, also auch nicht l’art pour l’art. Es handelt sich vielmehr, so denke ich, um eine in der Dürerzeit durchaus übliche(!) Darstellung von Frauen:
Der Stich verquickt die damals gängigen Motive Frau und Tod und Frau und Teufel.
(Siehe auch das Motiv Tod und Frau bei Hans Baldung Grien.)
Ungewöhnlich ist nur, dass Dürer den Tod lediglich durch am Boden liegende Knochen andeutet und ihn nicht, wie auf anderen Bildern der Zeit, als Gerippe oder verwesenden Leichnam auftreten lässt.

 

 

Daniel Hopfer: Tod und Teufel überraschen zwei Frauen, Ausschnitt

 

Auch die Vogelfalle, die der Teufel auf Dürers Stich in seiner Klaue hält, wird des Öfteren auf altdeutscher Druckgrafik mit Frauen in Verbindung gebracht. Es handelt sich um einen so genannten Kloben, ein gespaltenes Holz, mit dem man die Krallen von Vögeln, die sich darauf niederlassen, einklemmt, um sie am Fortfliegen zu hindern. Auf Holzschnitten der Dürerzeit sieht man sowohl Frauen, die mit überdimensionierten Vogelfallen Männer einfangen (links, ein Holzschnitt von Erhard Schön, der eingefangene Mann ist als Narr dargestellt), als auch Teufel, die Frauen mit solchen Fallen einfangen, wenn diese sich allzu sehr der Eitelkeit hingeben (rechts, dieser Holzschnitt wird dem jungen Dürer zugeschrieben). Die gelben Markierungen sind von mir hinzugefügt worden.

 

 

Ein weiterer dem jungen Dürer zugeschriebener Holzschnitt stellt eine Frau dar, die sich vor einem Spiegel kämmt (wieder ist Eitelkeit gemeint) und als Spiegelbild den Hintern eines Teufels sieht. Frauen, so dachte man(n) damals, seien für den Teufel eine leichte Beute.

 

 

Wenn also auf Dürers Stich ein Teufel mit einer Vogelfalle zur Tür hereinlugt, so müssen es keineswegs Hexen sein, die da im Vordergrund stehen. Es handelt sich um ein damals gängiges moralisierendes Motiv. Ob es der Teufel auf die vier dargestellten „normalen“ Frauen abgesehen hat, oder womöglich sogar auf den Betrachter des Bildes, der vielleicht einen lüsternen Blick auf die Nackten riskiert, bleibt offen.

 

Legt man das Denken der Zeit um 1500 zugrunde, ist vermutlich beides gemeint.

 

Denn auch der in Begierde entbrannte Mann, der sich zum Narren macht, wurde gern in moralisierenden Bildern dargestellt.

 

Hier ein Beispiel aus der
Generation vor Dürer.

 

Die magere und ungelenke gotische Anatomie macht den Wandel im Geschmack und den Fortschritt in der Darstellung deutlich, den Dürers Stich mit seinen üppigen und natürlich wiedergegebenen Leibern markiert.

 

Auf dem Stich vom Meister E.S. hält die
nackte Frau einem Mann im Narrenkostüm
(schwer zu erkennen: die Kapuze ist eine Narrenkappe mit Schellen)
einen Spiegel vor.

 

 

Kommen wir zum zweiten Motiv, das Dürer in seinem Stich nur dezent ins Bild gesetzt hat:

 

Tod und Frau.

 

Den heuten Betrachter mag überraschen, dass Dürer und seine Zeitgenossen nicht müde wurden, auf ihren Bildern den Tod mit Frauen in Verbindung zu bringen (hier als Beispiel eine Zeichnung von Dürer: Frau mit Tod als Schleppenträger), zumal der Tod beide Geschlechter unterschiedslos betrifft.

 

In der Tat gibt es aus der Zeit auch genügend Beispiele, die den Mann in Verbindung mit Alter und Tod zeigen.

 

Hier sei dazu ein Einschub erlaubt:

 

Nachdem unsere moderne Gesellschaft eine Phase des Jugendwahns durchgemacht hat, werden in neuester Zeit immer wieder in Lebensratgebern die positiven Aspekte des Alterns hervorgehoben.

 

Ganz anders die Dürerzeit: Geradezu brutal und ohne jede Bemäntelung führt Meister IR in seiner Serie mit 10 Lebensaltern dem Betrachter vor Augen, dass man im Alter zum Gespött der Kinder wird. Der Esel im Hintergrund bedeutet nichts anderes als dies, dass der Greis durch sein vorgerücktes Alter zum Esel geworden ist:

 

 

Was aber hat es damit auf sich, wenn auf altdeutschen Bildern sehr viel häufiger die Frau mit Alter und Tod konfrontiert wird? Im Grunde ist es wenig überraschend. Herrscht doch in der Gesellschaft bis heute der Gedanke vor, dass Frauen sich stärker mit Jugend und Schönheit identifizieren und daher von Verfall und Tod tiefer betroffen sind. Noch 300 Jahre nach Dürer, in der Romantik, war Der Tod und das Mädchen ein beliebtes Thema der Kunst.

 

Ich vermute darüber hinaus noch andere, teils bewusste, teils unbewusste Motivationen. So dürfte es den Künstlern intuitiv als spannend erschienen sein, starke Gegensätze miteinander zu kombinieren: Die Schöne und das Biest. Auch ein latent sadistisches Gefühl mag in dem einen oder anderen Bild aus den (Un-)Tiefen der Seele an die Oberfläche gedrungen sein, z. B. bei diesem, hier nur im Ausschnitt wiedergegebenen Gemälde von Hans Baldung Grien mit einem personifizierten Tod, der sich ein Mädchen schnappt:

 

 

Hauptsächlich ist aber für das häufige Vorkommen des Motivs Tod und Frau in alter Zeit ein sehr bewusster Gedankengang verantwortlich, der eindrucksvoll auf diesem Gemälde Baldungs dargestellt ist.

 

Die Frau bringt Leben zur Welt und überwindet auf diese Weise quasi den Tod. Sein Speer ist gebrochen – durch das sich immer wieder erneuernde Leben – wird aber von dem Kleinkind berührt, das sich dadurch mit der Sterblichkeit infiziert.

 

Die verhärmte Greisin als Bindeglied zwischen der jungen, gebärfähigen Frau und dem Tod vervollständigt den Kreislauf des Lebens.

 

Die an den Tod gemahnenden Knochen zu Füßen der vier Frauen auf Dürers Stich verwundern uns nun nicht mehr.

 

Bliebe noch zu klären, ob auch der Neubeginn des Lebens in irgendeiner Weise zur Darstellung gelangt ist?

 

Dazu in der Fortsetzung dieses Artikels mehr.

 

Man hat viel über Dürers Stich gerätselt, weil man dem großen Künstler nicht das Naheliegende zutraut, zutrauen will:

 

Dass er als junger, noch mäßig bekannter Künstler zunächst die üblichen, auf dem Kunstmarkt nachgefragten Motive schafft.
Blätter, die seine Frau auf dem Nürnberger Markt anbieten konnte, ohne die potenziellen Käufer, brave Nürnberger Bürger, zu verstören und verschrecken.

 

Dürer knüpfte mit seinen vier Frauen an seine frühesten Stiche an, in denen er sich bereits den gängigen Themen rund um die Frau gewidmet hatte:

 

 

Der frühe Stich Der Gewalttätige (links) ist letztlich das weiter oben beschriebene Motiv Frau und Tod. Bei dem zweiten, oft als Der Liebesantrag bezeichneten Stich (rechts) handelt es sich eigentlich um ein Ungleiches Paar, also auch um ein moralisierendes Motiv, das zeigt, wie eine junge Frau listig einen liebestollen Alten ausnutzt. Beide Stiche werden unter Dürers frühe Stiche näher beschrieben.

 

Nun hatte Dürer also ein weiteres, sich auf Frauen beziehendes Blatt geschaffen: Die Verquickung von Frau und Teufel und Frau und Tod. Letzteres Motiv beinhaltet ein weiteres gängiges Motiv – das der Lebensalter der Frau –, das, siehe die Fortsetzung, gewissermaßen auch in Dürers Stich eingeflossen ist.