6 Knoten von Albrecht Dürer

Dürer hat um 1507 sechs dekorative und für sein Werk ungewöhnliche Holzschnitte geschaffen:
die 6 Knoten.

 

„Knoten“ ist allerdings eine eher unzutreffende Bezeichnung für diese Gebilde. Es handelt sich im Grunde um Guillochen. Das sind ineinander verschlungene Linienornamente, wie man sie auf Geldscheinen zum Schutz gegen Fälschungen sehen kann. Flüchtig betrachtet erinnern Dürers „Knoten“ ein wenig an gehäkelte Deckchen.

 

Albrecht Dürer als Schöpfer von dekorativen Deckchen? Es geht selbstverständlich um weit mehr! Diese Bilder sind Mandalas. Inspiriert wurde Dürer zu dieser Bilderfolge durch Da Vinci, der ebensolche Knoten geschaffen hat.

 

Diese regelmäßigen symmetrischen Ornamente entstehen durch eine äußerst raffinierte Führung des Fadens, der in vielfältigen Windungen – die sich dem Betrachter nicht ohne weiteres erschließen – das Gebilde z. T. sehr unregelmäßig durchkreuzt, bevor sich seine Form wiederholt. Ein Vergleich mit Musik sei hier erlaubt, mit dem Kanon. Ein Kanon besteht aus einer Melodie, deren eine Hälfte die Begleitung zur anderen Hälfte sein kann und deren Verschachtelung die musikalische Struktur ausmacht. In gewisser Weise könnte man Dürers Knoten als „6 Kanons für Garn“ ansehen.

 

Auf den folgenden Abbildungen sind farbige Markierungen vorgenommen worden, die nicht zu den Bildern gehören, sondern den Betrachter einladen sollen, den Verschlingungen der Fäden selbst nachzuspüren.

 

 

Knoten mit herzförmigen Schild
Die Namen der Bilder stammen vermutlich nicht von Dürer selbst und dienen lediglich zur Kennzeichnung des jeweiligen Bildes. Das nur sehr bedingt an ein Herz erinnernde Schild in der Mitte ist nur Beiwerk. Das Muster dieses Knotens wird ausnahmsweise nicht durch einen Faden gebildet, sondern durch eine eckige Zierlinie. Eine Linie (gelb) bildet in einfacher unendlicher Verschlingung den dekorativen Rand, eine andere (rot) durchdringt das ganze Gebilde in großen Rhythmen.

 

Knoten mit oblongem Schild
Oblong bedeutet länglich, (annähernd) rechteckig. Wiederum ist aus einem Faden (gelb) der Rand gebildet, ein anderer (rot) durchdringt das gesamte Geflecht.

 

Knoten mit weißer Scheibe
Sinnvoller Weise sollte man eher von einer runden Scheibe sprechen, da Holzschnitte im Allgemeinen – zumindest trifft dies für Dürers Holzschnitte zu – ohnehin rein schwarzweiße Arbeiten sind. Dieses sehr komplexe Gewebe wird aus verschiedenen Fäden (rot und blau markiert) gebildet. Wiederum ist ein weiterer Faden (gelb) ausschließlich für die Umrandung zuständig.

 

Knoten mit schwarzer Mittelscheibe
Ein unpassender Name, da alle sieben Geflechte eine kreisförmige Mitte aussparen und daher von einer „Mittelscheibe“ eigentlich nicht die Rede sein kann. Dieser Knoten ist sehr engmaschig gehalten, weshalb die farbigen Markierungen, würde man auch den weiteren Verlauf der Fäden einfärben, sich über ganze Bereiche ausbreiten und so nicht zur Klärung beitragen würden. Die vier begonnenen Markierungen in gelb, rot, blau und grün mögen zu eigener Forschertätigkeit anregen.

 

Knoten mit sieben Geflechten
Die Randverzierung (gelb) dringt tiefer ins Gebilde ein als bei den ersten drei Knoten. Die Verflechtung ist komplexer. Ein weiterer Faden (rot), aus dem die blumenförmigen Geflechte teilweise bestehen, ist auch mit an der Randverzierung beteiligt. Ergänzt werden die blumenförmigen Geflechte durch einen weiteren Faden (grün), der sich bis zur Mitte durchwindet. Durchsetzt ist das Ganze von in sich geschlossenen Formen (blau). Dies ist ein sehr verschachtelt gestalteter Knoten.

 

Knoten mit acht Geflechten
Der kreisrunde Rand ist kein Ring, sondern aus mehreren gleichen, in sich geschlossenen Figuren gebildet (gelb). Ein anderer Faden (rot) durchdringt das ganze Ornament in großen Schlingen. Interessant ist die Gestaltung als Ganzes mit einem Mikro- und einem Makrokosmos: Das ganze Geflecht scheint auf einem kreisförmigen Rahmen gespannt zu sein (Makro). Die acht kleinen blumenförmigen Geflechte greifen das „Thema“ des Ganzen auf, indem sie ebenfalls scheinbar auf kleine Ringe gespannt sind (Mikro).

 

 

Das Interesse an verschlungenen Ornamenten, welche den Betrachter daran gemahnen, dass alles auf der Welt ineinandergreift, ist übrigens schon bei den alten Wikingern zu finden. Ein besonders schönes Beispiel ihrer aus solchen Mustern bestehenden Schnitzkunst befindet sich an der Stabkirche in Urnes, Norwegen. An dieser christlichen Holzkirche wurden Planken, eine Säule und ein Portal von einem älteren hölzernen – und vermutlich heidnischen – Tempel verbaut. Die Schnitzereien weisen eine reizvolle Mischung aus dicken und sehr dünnen Schlingen auf, durchsetzt mit angedeuteten Tier- und Pflanzenmotiven, alles in einem sehr freien Rhythmus verknüpft. Ein würdiger Eingang für einen sakralen Bau.

 

Portal an der Stabkirche in Urnes, Norwegen.