Christus in der Vorhölle

1510/11 fügte Dürer seiner 1496 – 98 entstandenen Großen Holzschnittpassion weitere Blätter hinzu. Diese neuen Bilder zeichnen sich gegenüber Dürers früheren Holzschnitten durch eine feinere Technik aus. Dichte Strichlagen dunkeln ganze Partien der Bilder ab und sorgen so für eine Gliederung der Komposition. Eins der neuen Blätter überrascht durch seine Motivwahl: Christus in der Vorhölle, eine Szene, die sich in den vier in der Bibel enthaltenen Evangelien nicht findet:

 

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Das Sujet hat seine Vorlage im apokryphen Nikodemusevangelium (apokryph: „verborgen“ / religiöse Schriften, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden). Das Nikodemusevangelium berichtet in einem Anhang über die Höllenfahrt Christi zwischen seiner Kreuzigung und Auferstehung. Dieser heute kaum noch bekannte Text war früher durchaus volkstümlich, was sich auch im alten Glaubensbekenntnis widerspiegelt („niedergefahren zur Hölle“ statt „hinabgestiegen in das Reich des Todes“, wie es in der revidierten Fassung heißt).

 

Vorhölle (auch Limbus) meint einen Ort am Rand der Hölle, an dem sich die Seelen der Gerechten des alten Bundes (des Alten Testaments) aufhalten mussten, die vor der Geburt Christi gestorben waren und deshalb – seiner Erlösung nicht teilhaftig – nicht in den Himmel kommen konnten. Christus fuhr laut dem Nikodemusevangelium nieder zur Hölle, erbrach die Höllentore und führte die Seelen hinaus, u. a. Adam und Eva und Johannes, den Täufer.

 

Dürer hat sich bei der Gestaltung seines Bildes teilweise eng an die literarische Vorlage gehalten. Adam hält das Kreuz, denn nach dem Text will Christus die Seelen „durch das Holz des Kreuzes aufrichten“. Rechts unten ist Johannes der Täufer zu sehen. Die Darstellung der Kinder dürfte jedoch ein Hinweis sein, dass Dürer hier zwei verschiedene Vorstellungen der Vorhölle vermischt hat: Die Vorhölle mit den Seelen des alten Bundes (limbus patrum) und die Vorhölle mit den Seelen ungetauft gestorbener Kinder (limbus infantium).

 

Hinter dem Teufel lugt eine dunkle Gestalt zum Höllenfenster hinaus. Hierbei handelt es sich um Hades. Das Nikodemusevangelium gibt einen Dialog zwischen Hades und Satan wieder, der nicht ohne Komik ist. Während Satan Christus ohne Bangen in der Vorhölle erwartet und ihn dort festsetzen will, gibt Hades ängstlich zu bedenken, dass ein Mensch, der Tote zum Leben erwecken kann, ihnen beiden womöglich überlegen ist. So kommt es dann auch: Die Höllentore gehen zu Bruch, Satan und Hades haben das Nachsehen.

 

Technisch sollte man sich bei diesem Blatt vor Augen führen, dass der Formschneider alle weißen Stellen aus dem Holz herausschneiden musste, um eine Art Stempel zu erhalten, der eingefärbt und auf Papier abgedruckt wurde. Bei einer Kreuzschraffur müssen also unzählige winzige Vierecke zwischen den Linien entfernt werden. Dürer traute seiner Werkstatt also um 1510 einiges zu, falls er diesen Holzstock nicht sogar selbst geschnitten hat: Die Strichlagen sind kaum gröber als bei einer Federzeichnung.

 

Albrecht Dürer gestaltete das Sujet Christus in der Vorhölle auch in seinen beiden anderen Passionsfolgen, der Kleinen Holzschnittpassion und der Kupferstichpassion:

 

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In der Kleinen Holzschnittpassion (links) gerät ihm erfreulicherweise die Figur des Christus weniger akademisch als in der Großen Passion. Ansonsten ist das Bild eine abgespeckte Fassung der großen Version. Das Blatt der Kupferstichpassion (rechts) besticht durch den ungewöhnlichen, echsenhaften Teufel über dem Höllentor.

 

Beide Bilder zeigen links im Hintergrund einen Mann mit Hörnern. Dies ist Moses, der in älteren Kunstwerken oft gehörnt dargestellt wird (ein Beispiel ist Michelangelos berühmte Skulptur). Moses soll mit einem „strahlenden“ Antlitz vom Berg Sinai zurückgekehrt sein. Durch einen Übersetzungsfehler in der Vulgata, der bekanntesten lateinischen Bibel, wurde daraus „gehörnt“.

 

Auch Martin Schongauer nahm das Motiv Christus in der Vorhölle in seine Kupferstichpassion auf:

 

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Martin Schongauer (um 1450 – 1491) hat Dürer durch seine qualitätsvollen Kupferstiche stark beeinflusst. Mitunter übernahm Dürer ganze Bildkompositionen des älteren Meisters. Bei Christus in der Vorhölle weichen die Bilder Schongauers und Dürers allerdings voneinander ab. Schongauer konzentrierte sich auf die geborstene Höllenpforte. Sein Christus ist gotisch mager. Sehr geziert und gekünstelt stellt er seinen Fuß auf einen niedergestreckten Teufel. Das eigentliche Thema der Gotik war die Gewandfigur, nicht die Aktfigur. Christi Gewand weist denn auch den typisch reizvoll eckigen Faltenwurf auf, der die Kunst nördlich der Alpen in dieser Zeit charakterisiert.

 

Dass Schongauer Teufel eigenwillig gestalten konnte, hatte er schon mit dem Kupferstich Die Versuchung des heiligen Antonius bewiesen. Verblüffend nachlässig geht er bei Christus in der Vorhölle mit der Architektur um: Ein Spitzbogen als Höllentor lässt eher an sakrale Bauten der Gotik denken als an einen Kerker für alttestamentliche Menschen. Aber vermutlich ist auch Dürers rundbogiges Höllentor nicht größerer „historischer“ Wahrscheinlichkeit geschuldet, sondern ein Hinweis, dass der Rundbogen und überhaupt die Baukunst der Antike in der Renaissance zu neuen Ehren kam. Immerhin gibt Dürer der Höllenmauer aber die Anmutung von Verwahrlosung, indem er einen morschen Baum auf ihr wurzeln lässt, und schafft damit eine angemessenere Atmosphäre.

 

Eine besonders phantasievolle Zeichnung von Christus in der Vorhölle hat Pieter Breugel der Ältere (1525 – 1569) geschaffen:

 

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Das einzige für dieses Sujet typische Element ist das aufgebrochene Höllentor, dem die Menschen des alten Bundes entströmen. Ein Wasserrad, das Seelen in ein Becken befördert, lässt grauenhafte Qualen im Inneren der Hölle erahnen. Hier ignorierte der Künstler die Vorstellung, dass der Limbus lediglich ein Ort der Gottferne ist, kein Ort der Strafen. Dies hatte auch Dürer schon getan und das Höllenfeuer angedeutet. Oder nahmen beide Künstler die örtliche Definition „am Rande der Hölle“ genau, und zeigten daher im Hintergrund ihrer Bilder die „richtige“ Hölle?

 

Pieter Breugel hatte jedenfalls recht eigenwillige Vorstellungen von der Hölle. Was soll man beispielsweise von den krötenartigen Wesen vorne links halten, die sich in den seltsamsten Verrenkungen ergehen? Diese Hölle ist weniger ein Strafort für Sünder, sondern ein Tummelplatz skurriler Geschöpfe, wie man sie auch bei Hieronymus Bosch findet. Vor diesem Chaos wird Christus mit seinen Engeln durch eine Art Blase – eine sehr originelle Bildschöpfung in diesem Zusammenhang – geschützt. Breugels Sohn, Pieter Breugel der Jüngere, hatte den Beinamen Höllenbreugel (aufgrund von kleinen Höllendarstellungen, die aber möglicherweise gar nicht von ihm, sondern von seinem Bruder stammen). Dieser Beiname, Höllenbreugel, passt aber durchaus – wie hier zu sehen – auch gut zu seinem Vater.