Ich, Comics und Dürer

oder warum ein Comiczeichner sich ausgerechnet Dürers Kunst zum Steckenpferd erwählt …

 

In letzter Zeit wurde ich über das Kontaktformular dieser Webseite mehrfach angeschrieben und gefragt, weshalb ich diese Internetseite betreibe (natürlich aus Begeisterung für Dürers Grafik!) und wer ich denn eigentlich sei? Nun, ich habe zwei Ohren, eine Nase – diese mitten im Gesicht – und auch sonst ist alles so, wie es beim Homo sapiens sein soll. Und ich zeichne Comics. Optimale Vorraussetzungen, um über Dürer zu schreiben. Nein? Sie schütteln den Kopf?

 

Es scheint Ihnen ein zu großer Schritt von den modernen Comic Strips hin zu Dürer zu sein? Für mich ist es nur ein kleiner, wie diese Zeichnung zeigt:

 

Ritter, Tod und Teufel, dobliesierte Fassung

 

HOCHAUFGELÖST

 

Dürer hat viele „Bildergeschichten“ gestaltet. Denn in einem gewissen Sinne sind seine Holzschnittfolgen Comics ohne Sprechblasen. Über diese etwas plumpe Verwandtschaft hinaus gibt es aber weitere Überschneidungen: Dürer hatte speziell bei seinen Holzschnitten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, wie die Zeichner der frühen Comic Strips Anfang des 20. Jahrhunderts: Der Zeitungsdruck auf billigem Papier erlaubte keine feinen Schraffuren, so wie die grobe Technik des Holzschnitts ebenfalls keine allzu feinen Schraffuren zulässt.

 

Parodie auf Dürers Rhinozeros

 

All diese Künstler sind gezwungen, auf feine Helligkeitsnuancen zu verzichten und verleihen ihrer Zeichnung Ausdruck, indem sie sich auf einfachste Linien beschränken, denen sie aber durch verschiedene Kniffe eine besondere Intensität verleihen.

 

Hierbei ging Dürer allerdings einen anderen Weg, als die meisten Comiczeichner. Während diese oft auf geschmeidige Konturlinien, gerundete Formen und Vereinfachungen setzen, zeichnete Dürer besonders krause Linien und kleinteilige, eckige Formen auf den Holzstock. Ein interessantes grafisches Angebot!

 

Welches mich schon in Kindertagen auf den Nürnberger Meister aufmerksam machte. Entdeckt habe ich ihn in einem Comicheft aus den 60er Jahren: Auf den Rätselseiten dieses Heftes waren in einem Bilderrätsel Zeichnungen von Dürer zu sehen. Hier fiel einer aus dem Rahmen! Während die Konturen z. B. der beiden Schlaufüchse Fix und Foxi, deren Zeichenstil mich damals begeisterte, dem Auge schmeicheln, bot Dürer Gegenteiliges an: spitze, kantige Formen, die ins Auge stechen.

 

Gelegentlich erweise ich Dürer dadurch meine Referenz, indem ich eine Zeichnung, wie z. B. in meinem noch nicht veröffentlichten Comic Der Alchimist, gegen die Regeln der Kunst mit vielen Kreuzschraffuren überziehe, und mich auch inhaltlich auf seine Stiche beziehe. Dem Betrachter wird vermutlich erst die Drehleier aus der Höllentafel des Gartens der Lüste von Hieronymus Bosch in die Augen fallen, bevor er auf den zweiten Blick Gegenstände aus Dürers Melencolia I entdeckt: am Boden Säge und Richtscheit (stark angeschnitten am unteren Bildrand), Streichmaß, Nägel, Kugel, Zange, das Mundstück eines Blasebalgs und der Polyeder (in winzig), an der Wand Sanduhr, Glocke, Zahlenquadrat, und am Türrahmen die kleine Sonnenuhr.

 

 

Sehr viel deutlicher ist der Bezug auf den Nürnberger Meister bei dieser Comicseite, auf der die Spukgestalten aus Dürers Kupferstich Ritter, Tod und Teufel herumgeistern:

 

 

Das soll’s denn auch gewesen sein, mit dem an dieser Stelle – zugegeben – etwas ungewöhnlichen Ausflug in die Welt der Comics und meiner Biografie.