Das Auge des 3. Reiters

Viel wurde darüber spekuliert, warum auf dem Holzschnitt mit den Apokalyptischen Reitern das Auge des dritten Reiters blind ist. Wollte Albrecht Dürer damit eine besondere Aussage machen? Oder hat der Reiter sein Auge in höchster Raserei verdreht, so dass man nur noch das Weiße sieht?

 

In Wahrheit ist das Auge weder blind noch verdreht. Der Reiter schaut ganz normal nach vorn, wenn auch mit wutverzerrtem Gesicht. Haben Sie die Pupille entdeckt? Nein?

 

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Das Gesicht des dritten Reiters. Er scheint blind zu sein.

 

In der Tat kann man das Bild oft anschauen, ohne das Auge richtig zu deuten: Erst eine starke Vergrößerung macht deutlich, dass es das Unterlid ist, was man zunächst für das Auge gehalten hat. Die Pupille befindet sich darüber. Man kann sie irrtümlich für eine Schattierung des Oberlids halten.

 

Durch die Einfärbung der Haut lassen sich die Verhältnisse deutlich machen: Links kann man gut erkennen, dass das vermeintliche Oberlid das Auge mit deutlich eingezeichneter Pupille ist, rechts ist die bisherige Lesart dargestellt – das „blinde“ Auge, das eigentlich das Unterlid ist.

 

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Bei der linken Variante könnte man nun fragen, wo denn das Oberlid des Auges abgeblieben ist. Ein Vergleich mit einer anderen Figur aus dem selben Bild, dem zweiten Reiter, gibt hierüber Aufschluss: Zur Zeit der Entstehung der Apokalypse-Holzschnitte (um 1498) benutzte Dürer oftmals eine bestimmte zeichnerische Konstruktion für die Augenpartie. Definiert wird nur die Fläche zwischen der Augenbraue und dem Auge (rot markiert). Von der Nase her setzt Dürer schräg eine Fläche dagegen (grün), die beim dritten Reiter (links) in der schwarzen Schattierung verschwindet. Das Oberlid wird gar nicht als Fläche definiert, sondern verschmilzt zu einer Linie – als zeichnerische Vereinfachung.

 

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Vergleich der Augenpartie: links der dritte Reiter, rechts der zweite

 

Auch für die ungewöhnlich starke Betonung des Unterlids, die überhaupt erst zu der irrigen Lesart führen konnte, gibt es ein weiteres Beispiel in dem Holzschnitt:

 

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Der Geistliche links unten im Bild, nach dessen Kopf das Höllenmaul schnappt (hier um 90 Grad gedreht). Auch er hat ein stark betontes Unterlid (rechts gelb markiert). Man kann sich gut vorstellen, dass einem hier ein ähnlicher Interpretationsfehler unterlaufen könnte, wenn die Augen darüber weniger deutlich gezeichnet wären.

 

Ich muss gestehen, dass für mich das leere Auge des dritten Reiters über viele Jahre hinweg einen besonderen grafischen Reiz darstellte. Als ich schließlich anhand einer Großkopie bemerkte, dass der Reiter nach vorne schaut, war ich zunächst enttäuscht. Doch nach längerer Betrachtung kann man sich an die neue Lesart gewöhnen und den stechenden Blick des Reiters dann auch überzeugender finden als die „blinde“ Variante.