Das Leben der Heiligen

Immer wieder begegnet man auf Dürers Bildern den Heiligen. Es sind quasi die VIPs seiner Zeit. Und wer ihre Legenden nicht kennt, kann mit den Bildmotiven wenig anfangen.

Ein früher Holzschnitt Dürers zeigt die Enthauptung der Hl. Katharina von Alexandria (gest. um 308). Katharina widerlegte in einem Disput 50 heidnische Gelehrte. Durch mit Messern gesäumte Räder sollte sie zerfleischt werden, doch ein Engel zerstörte die Folterinstrumente. Als man Katharina enthauptete, floss aus der Wunde Milch statt Blut.

Zur Orientierung für den Kunstfreund, der die Motive auf den Altären und Heiligenbildchen der Dürerzeit besser verstehen will, habe ich ein Übersichtsposter mit den wichtigsten Heiligen gestaltet:

Zum Heiligenplakat

Dürers Zeitgenossen reichten wenige Andeutungen, um einen bestimmten Heiligen zu identifizieren. Die Verehrung der Maria (hier als Ausschnitt wiedergegeben) aus Dürers Marienleben zeigt Maria umgeben von einigen Heiligen:

Am zerbrochenen Rad mit Klingen (1a) ist die Hl. Katharina (1b) zu erkennen, am Löwen (hinter der Säule, 2a) der Hl. Hieronymus (mit Kardinalshut, 2b), am Stab mit Antoniuskreuz (eigentlich in T-Form, hier als normales Kreuz dargestellt) und Glöckchen der Hl. Antonius (3), am Lamm mit Fahne der Hl. Johannes der Täufer (4), am Schwert der Hl. Paulus (5). Er wurde auch enthauptet, wie Katharina, welche zusätzlich zum Rad ebenfalls mit einem Schwert gekennzeichnet ist.

Die interessanteste Figur auf Dürers Enthauptung der Hl. Katharina ist die Rückenfigur des Scharfrichters: In beinahe eleganter Pose zieht er sein Schwert. Die längsgestreiften Hosen betonen seine schlanke Figur.

Diese Details, ein sehr schlanker Henker in längsgestreiften Hosen, finden wir auf Gemälden von Lucas Cranach und Albrecht Altdorfer wieder, die das gleiche Motiv zeigen und wenig später als der Holzschnitt entstanden sind. Dürer hatte also Schule gemacht. Seine Holzschnitte wurden in den Malerwerkstätten als Muster verwendet.

Der Holzschnitt mit der Enthauptung der Hl. Katharina ist um 1497/98 entstanden. Ein sehr viel späterer Holzschnitt (1511) des Nürnberger Meisters zeigt Die Messe des Hl. Gregor:

Wieder ein Motiv, das den Menschen damals völlig vertraut war, das heute jedoch erklärungsbedürftig ist.

Gregor I. der Große (um 540 – 604), Papst und einer der vier Kirchenväter, ermahnte das Volk während einer Beulenpestepidemie, unbeirrt im Gebet zu verharren. Als er einst die Messe hielt, bezweifelte eine Frau, dass das Brot, das sie selbst gebacken hatte, der Leib Christi sei.

Da erschien Christus als Schmerzensmann leibhaftig über dem Altar und beschämte die Zweiflerin. (Die allerdings auf diesem Holzschnitt nicht dargestellt ist. Der Künstler beschränkt sich auf den Papst, flankiert von weiteren Geistlichen, und auf die Erscheinung.)

Der Kirchenraum um den Altar herum hat sich aufgelöst, der Altar ist zum offenen Grab geworden. Zu sehen ist statt einer Kirchenwand ein bewölkter dunkler Himmel.

Christus ist, wie bei diesem Motiv üblich, mit den „Arma Christi“, den Waffen Christi, dargestellt. Es ist eine interessante Wortbenutzung, denn diese „Waffen“ sind eigentlich die Leidenswerkzeuge, die aber zu Waffen im Kampf um das Heil werden.

Dargestellt sind auf diesem Holzschnitt:

Kreuz und Leiter (für die Kreuzabnahme),

Geißel und Rute,

die Geißelsäule,

Hammer und Zange für die Kreuznägel,

die Würfel, mit denen die Kriegsknechte um Christi Gewand würfelten,

der Hahn, der dreimal krähte, als Petrus den Herrn verleugnete,

die Lanze, mit der Jesus die Seitenwunde zugefügt wurde,

der Schwamm am Ysopstab, durch den Christus mit Essig getränkt wurde,

und Judas mit einem Geldbeutel für die 30 Silberlinge.

Interessant ist es aber auch, den Holzschnitt unter zeichnerischen Gesichtspunkten zu betrachten: Um 1497/98 schafft Dürer seine ersten bedeutenden Holzschnitte, die seinen Ruhm begründen. Etwa 1503 ändert sich mit dem Marienleben sein Stil. Und um 1510/11 noch einmal. Nun macht er einen Riesenschritt.

Es ist diesmal auch ein technischer „Fort-Schritt“. Immer wieder wird diskutiert, ob er seine Holzschnitte überhaupt selbst geschnitten hat. Aber gleichviel: Ihm oder seinen Formschneidern bereitet es um 1510/11 keine Schwierigkeiten mehr, das feinste Schraffurengeflecht in Holz zu schneiden.

Und so kann er jetzt seine zeichnerischen Errungenschaften der letzten Jahre – eine Klärung der Lichtverhältnisse – auch auf diese grobe Drucktechnik übertragen. Dürer überzieht nun fast die gesamte Fläche seiner neuen Werke mit feinen Schraffuren und taucht das ganze Bild dadurch in ein Halbdunkel. Davon heben sich die beleuchteten Stellen der wichtigen Figuren, also die Weißflächen (jetzt ohne viel Binnenzeichnung gegeben und dadurch noch heller wirkend) gut ab. Der Blick des Betrachters wird fokussiert, das Gewimmel früherer Werke gibt es nicht mehr.

Die unwichtigen Staffagefiguren im Hintergrund der Gregorsmesse überzieht er auch mit einer dichten Schraffur und drängt sie so ins Halbdunkel zurück. Ein Novum in der Holzschnitttechnik.

Allerdings läutet er damit auch das Ende des Holzschnitts als Kunstwerk für mehrere Epochen ein. Die Technik verliert ihren besonderen Charakter. Der bestand in den mit Rücksicht auf die Schnitzerei gröber gezeichneten Schraffuren. Und in den rustikalen Umrisslinien, deren Form entsteht, indem man beiderseits der vorgezeichneten Linie das Holz wegschneidet. Die Linie verliert dabei den natürlichen Schwung, den ihr das Handgelenk mitgibt, gewinnt dafür aber eine eigentümliche Wirkung.

Die neuen Umrisslinien und Schraffuren sind perfekter, aber auch charakterloser, also schon etwas unangenehm perfekt. Denn die persönliche Handschrift des Künstlers geht beim Formschneiden natürlich trotz oder gerade durch die verfeinerte Technik verloren. Holzschnitte sind jetzt quasi gedruckte Federzeichnungen zweiter Wahl. Und als solche finden Holzschnitte in der Folgezeit fast nur noch als Buchillustrationen Verwendung.

Dürer hatte die Technik um 1497/98 aus den Niederungen der Gebrauchsgrafik emporgeführt und geleitete sie nun in seinem Spätwerk dorthin zurück:

Sieht man von den chinesischen und japanischen Farbholzschnitten ab, entdeckten erst ca. 300 Jahre nach Dürer einige Impressionisten und vor allem die Expressionisten den Holzschnitt mit seinen rustikalen Ausdrucksmöglichkeiten – wenn er absichtlich gröber gehandhabt wird – neu.