Das Meerwunder

Albrecht Dürers Kupferstich Das Meerwunder stellt eine Szene aus einer Sage dar – eine Sage, die sich nicht auffinden lässt.

 

albrecht-duerer-das-meerwunder-350pxAlbrecht Dürer, Das Meerwunder, Kupferstich, um 1498

 

Größere Abbildung und hochaufgelöste Datei siehe unter Kupferstiche

 

Flüchtig besehen wirkt die Frau wie eine Aktstudie im Atelier, zu der die mythologische Kulisse später hinzuerfunden wurde. Dass die gekünstelt wirkende Pose der Frau durchaus Sinn macht, wird sich weiter unten noch erweisen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehrere Sagen und Legenden wurden schon als Vorlage für Dürers Bild vorgeschlagen. Vergeblich. Zu keiner Erzählung passt der Stich genau. Auf die wichtigsten soll hier dennoch ein Blick geworfen werden:

 

Der Raub der Amymone

Poseidon verursacht eine Dürre in Argolis (ein Land im Osten der griechischen Halbinsel Peloponnes). König Danaos schickt seine 50 Töchter – darunter Amymone – aus, den Meeresgott zu besänftigen. Amymone wird auf der Suche von einem Satyr überfallen. Poseidon erscheint, vertreibt den Satyr und macht Amymone zu seiner Geliebten.

 

Obwohl Dürers Stich besonders häufig mit Amymone in Verbindung gebracht wird, passt diese Sage besonders schlecht zum Stich: Was sollte Dürer bewogen haben, auf den Satyr zu verzichten und stattdessen den Griechen Danaos als Orientalen nebst einigen Töchtern am Ufer abzubilden?

 

Auch dieser Stich von Georg Pencz wird als Raub der Amymone angesehen. Dabei handelt es sich eher um eine freie Bearbeitung von Dürers Meerwunder:

 

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Georg Pencz, Der Raub der Amymone, Kupferstich

 

Glaukos raubt Syme

Der Meeresgott Glaukos (altgriechisch: blauglänzend) ist ein Mensch, der zum Meergott wurde. Nach manchen Sagenfassungen wird er als Sohn Poseidons und als Erbauer des sagenhaften Schiffes Argo (für Jason und seine Argonauten) angesehen. Er raubt eine Frau namens Syme und entführt sie auf eine Insel nahe bei Rhodos, die seither den Namen Symi trägt.

 

Acheloos und Perimela

Diese Sage wird im Zusammenhang mit Dürers Stich vom Kunsthistoriker Erwin Panofsky erwähnt – allerdings mit dem Zusatz, dass auch diese Sage eben nicht wirklich mit dem Bild übereinstimmt. Acheloos ist ein Flussgott. In ihn verliebt sich Perimela, die jüngste Tochter des Aeolos (Windgott), und hat mit ihm zwei Söhne. Aeolos ist über die Verbindung nicht erfreut und stößt Perimela ins Meer. Poseidon nimmt sich ihrer an und verwandelt sie auf die Bitte des Acheloos hin in eine Insel an der Mündung des Flusses.

 

Diese griechischen Sagen führen nicht wirklich weiter. Sehr viel näher kommen wir Dürer und seinem Umfeld mit einer Legende aus dem Leben der Langobardenkönigin Theodelinde (auch Theudelinde, ca. 570 – 627). Diese Legende wird unter dem gleichen Titel im Dresdener Heldenbuch geschildert, den Dürer selbst für seinen Stich im Tagebuch seiner Niederländischen Reise benutzt: „Meerwunder“. Das Dresdener Heldenbuch ist 1472 entstanden (ein Jahr nach Dürers Geburt) – vermutlich sogar in Dürers Heimatstadt Nürnberg!

 

Der berühmte Nürnberger Schuhmacher und Meistersinger Hans Sachs greift die Geschichte der Theodelinde in einem Lied auf, allerdings erst 1552, also zeitlich nach Dürers Tod. Doch dies ist ein Hinweis, dass die Legende im Nürnberg der Dürerzeit eine gewisse Bekanntheit hatte. Theodelinde wird als Selige verehrt, was sie in einer Zeit, in der Heilige beliebte Motive waren, darstellenswert machen konnte.

 

Doch nun zur Legende, wie sie von den Gebrüdern Grimm im 2. Teil ihrer Deutschen Sagen nacherzählt wird: Ein „rauchbehaartes“ Meerwunder mit glühenden Augen überwältigt und schwängert die Königin. Ihr Wehgeschrei wird von einem in der Nähe jagenden Edelmann gehört. Er reitet eilig heran und vertreibt das Meerwunder. Theodelinde bringt ein rotäugiges Kind zur Welt. Es wächst zu einem wahren Teufel heran. Die Königin selbst hilft ihrem Mann Agilulf und seinen Mannen, ihn zu töten. Theodelinde begibt sich danach erneut ans Meer, lockt das Meerwunder an und ersticht es mit einem Schwert.

 

Die Hoffnungen, die man sich durch den Titel Meerwunder für die Deutung des Stiches machen kann, werden durch die Erzählung enttäuscht. Theodelinde wird von dem Meerunhold gar nicht aufs Meer entführt. Und warum sollte Dürer den Langobardenkönig Agilulf als Orientalen wiedergeben? Warum sollte er darauf verzichten, den heranreitenden Edelmann darzustellen – einen Retter, wie geschaffen für solch ein märchenhaftes Motiv? Die Suche nach der dargestellten Sage findet also auch hier kein befriedigendes Ende.

 

Erwähnenswert ist noch die Ursprungssage der Merowinger: Laut der Fredegarchronik wird die Frau eines gewissen Chlodio am Strand des Meeres von der „Bestie des Neptun angegriffen, dem Quinotaurus“. Sie gebiert daraufhin den Meroveus, den Stammvater der Merowinger, wobei der Chronist nicht zu sagen weiß, ob er durch die Bestie oder durch Chlodio gezeugt wurde. Allerdings stellt man sich den Quinotaurus als Meeresungeheuer mit Stierkopf vor (in Anlehnung an den Minotaurus), nicht als Wassermann. Auch zu dieser Sage passen weder der Orientale am Strand, noch die anderen Frauen. Außerdem wird Dürer die Sage kaum gekannt haben. Sie zeigt aber, dass es rund um solche Meerunholde einen ganz bestimmten Typus von Sagen gibt. Wassermänner tun eben vor allem dies: Frauen rauben.

 

Hat Dürer also einfach die volkstümliche Vorstellung visualisiert, dass ein Nix eine Frau in sein nasses Reich entführt, ohne dabei eine konkrete Sage im Auge gehabt zu haben? Über die Absicht des Wassermanns lässt Dürer den Betrachter des Stichs jedenfalls nicht im Unklaren:

 

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Albrecht Dürer, Das Meerwunder, Detail

 

Neben der Hand der Frau, die mit einem seltsamen Zeigegestus ins Leere zeigt – oder auf Dürers Signatur (weiter unten) –, ragt ein bizarr animalisches Glied auf, halb im Dunkel versteckt, halb durch die Hand hervorgehoben. Dies hat vielleicht den italienischen Künstler Jacobo de’ Barbari angeregt, sich mit den sexuellen Spielen solcher Wasserwesen zu beschäftigen. (Nach anderer, älterer Auffassung war es umgekehrt Dürer, der durch Barbaris Bild zu seinem Stich Meerwunder inspiriert wurde.)

 

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Jacobo de’ Barbari, Triton und Nereide

 

Ganz ähnlich wie im Meerwunder präsentiert auch der Satyr auf Dürers Kupferstich Die Satyrfamilie seine Männlichkeit. Die seitenverkehrte Skizze dazu zeigt, dass es auch ein Zentaur hätte sein können. Es geht dem Künstler also nicht um ein konkretes Fabelwesen, sondern darum, dass es ein Naturgeist ist: urtümlich, animalisch, undomestiziert. Aber gegebenenfalls auch fürsorglich – der Satyr spielt seinem Nachwuchs ein Schlaflied. Vielleicht wird hier sogar Kulturkritik betrieben: Der Mensch hat sich vom hier dargestelltem naturnahen Leben entfernt.

 

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Albrecht Dürer, Die Satyrfamilie, 1505, Kupferstich und Skizze

 

Der Meermann auf Dürers Stich strebt ein ähnliches Ziel an wie der Satyr. Man darf sich die Handlung der Szene etwa so zusammenreimen: Der Nix hat sich irgendwo eine urtümliche Behausung geschaffen, die er – gewappnet mit einem Schildkrötenpanzer und bewaffnet mit einem Eselskinnbacken – zu verteidigen weiß. Nun holt er sich ein Weib. Und bringt sie weit weg von den Städten und Burgen der Zivilisation in sein nasses Haus.

 

Bleibt zu klären, warum die Holde so wenig Gegenwehr zeigt. Dass geraubte Frauen mit ihren Armen fuchteln, zeigt Dürer in seiner Entführung auf dem Einhorn (zu sehen bei Eisenradierungen). Ein Blick auf Dürers Zeichnung Der Raub der Europa bringt unsere Überlegungen weiter, denn hier reagiert die Entführte auch sehr gelassen:

 

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Albrecht Dürer, Der Raub der Europa, Federzeichnung, Ausschnitt

 

In die phönizische Königstochter Europa hatte sich Zeus verliebt. Als sie am Strand weilt, nähert er sich ihr in Gestalt eines schönen Stiers. Sie wird zutraulich, steigt auf, und er braust mit ihr davon, übers Meer bis nach Kreta. Dort gibt er sich ihr zu erkennen und zeugt mit ihr drei Söhne. Der Kontinent, zu dem ihre neue Heimat Kreta gehört, wird nach ihr benannt.

 

Wahrscheinlich ergibt sich die Schöne auf Dürers Meerwunder ebenso wie die Prinzessin Europa ohne Widerwehr in ihr Schicksal, weil ihr bewusst ist, dass der Nix sie einer höheren Bestimmung zuführt – sei es, dass sie die Namensgeberin eines Landes wird oder die Stammmutter eines edlen Geschlechtes. Oder – auf das Grundmotiv reduziert – dass ihre Jugend nun vorbei ist und ihr Leben an der Seite eines Mannes beginnt, wobei hier der Aspekt betont wird, dass ein Mann wehr- und triebhaft ist. Ein wahrer Berserker … und daher für die durch Putz und Pose als kultiviert ausgewiesene und vermutlich sehr behütet aufgezogene Frau gewöhnungsbedürftig.

 

Ein ähnliches Motiv liegt auch dem Märchen vom Bärenhäuter zugrunde. Der in einem zotteligen Fell herumwandelnde Mann wird mit einer Frau verlobt. Nachdem man ihn gründlich gewaschen und fein ausstaffiert hat, entpuppt er sich als Traumprinz. Seine frühere Existenz als Bärenhäuter stellt die derberen Seiten der Männlichkeit dar.

 

Dürers Komposition ist also weit mehr als nur eine grafisch unglückliche Einbettung einer Aktstudie – eines auf einem Diwan gelagerten Modells – in ein mythologisches Umfeld. Der Stich zeigt eine Frau, die durch einen Naturgeist in das eigentliche Leben eingeführt wird.