Das Sonnenweib und der Drache

Dürers Holzschnitt Das Sonnenweib und der siebenköpfige Drache illustriert eine besonders interessante Stelle der Apokalypse, deren Ursprung möglicherweise im alten Babylon liegt. Im Text (Kap. 12) heißt es: „Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“

 

HOCHAUFGELÖST

 

Sonne, Mond und Sterne. Zwölf an der Zahl. Womöglich gar die zwölf Tierkreiszeichen? Es ist ein astrologisches Bild, das da vor uns ausgebreitet wird. In der Folge gebiert die Frau ein Kind und wird anschließend von einem Drachen angegriffen, der mit seinem Schwanz den dritten Teil der Sterne vom Himmel fegt. Der Theologe Hermann Gunkel (1862 – 1932) hat darauf hingewiesen, dass der Verfasser der Offenbarung Johannes einen alten babylonischen Mythus benutzt haben könnte.

 

Das Sonnenweib mit der Sternenkrone wird gemeinhin als Allegorie der Kirche angesehen, früher auch als Gottesmutter Maria. Aber warum sollte jemand Maria (oder die Kirche) mit Attributen ausstatten, die einer heidnischen Himmelsgöttin zukommen, nicht aber einer christlichen Figur?

 

Die astrale Himmelsfigur mit Sonne, Mond und Sternenkrone wird nach Gunkel von einem „Chaosdrachen“ angegriffen, der den Zustand symbolisiert, der herrschte, bevor die Götter nach altorientalischer Vorstellung die Welt ordneten. Demnach wäre der Drache ursprünglich die babylonische Göttin Tiamat, die auf einem babylonischen Rollsiegel als Wasserschlange dargestellt ist und die die Erzeugerin von Allem ist, insbesondere die Mutter aller Ungeheuer:

 

 

Das Kind, das die Frau gebiert, ist in diesem Sinnzusammenhang Marduk (zunächst ein babylonischer Stadtgott, später Oberhaupt aller Götter), der zum Schutz vor dem Drachen in den Himmel entrückt wird und später als Erwachsener zurückkehrt und Tiamat bezwingt.

 

In der Tat kennt der Alte Orient siebenköpfige Drachen als Widersacher der Götter. Eine sumerische Ritzzeichnung auf einer kleinen Muscheltafel (circa 2800-2600 v. Chr., hier als Rekonstruktionsabbildung wiedergegeben) stellt einen solchen Drachen dar:

 

 

Ein Hals hängt herab, möglicherweise durch ein Wurfholz (?) getroffen. Hier gibt es eine erstaunliche Übereinstimmung mit der Apokalypse, allerdings nicht mit dem Drachen, sondern mit dem ebenfalls siebenköpfigen Tier aus dem Meer: Eines seiner Häupter ist verwundet. Zugrunde liegt also vielleicht ein Mythos, in dem ein siebenköpfiger Chaosdrache in einem Kampf zunächst an einem Kopf verwundet wird.

 

 

Eine erstaunliche Sache! Der christliche Autor der Apokalypse hätte sich für seinen Text also bei babylonisch-sumerischen Mythen bedient, ausgerechnet bei der Kultur, die er als Sündenbabel schmäht.

 

In der heutigen theologischen Wissenschaft wird ein Bezug dieser Textstelle zur Astrologie kaum noch geleugnet. Für die ältere Theologie war die Sonnenfrau (wie schon erwähnt) noch Maria, ihr Kind das Christkind. Dürer hat des Öfteren Maria mit dem Christkind als apokalyptisches Sonnenweib in Kupfer gestochen:

 

 

Doch zurück zum obigen Holzschnitt mit dem Drachen. Vergeblich versucht der Drache die Sonnenfrau auf der Mondsichel mit einem Wasserstrahl aus dem Maul zu ersäufen. Maria sieht mit ihrem schräggestellten Kopf und ihrem bieder frommen Gesichtsausdruck aus wie eine typische Marienskulptur der Zeit, eine wenig originelle Figur, wenn man ehrlich ist: etwas altbacken. Und nun erst das Kind! Bei ihm kommt einem ein Satz Hegels in den Sinn, dass „besonders die Christkinder (der altdeutschen Maler) übel gestaltet sind“: Der Leib des Knaben wirkt wie der ältliche Körper eines dicken Mannes. Schlicht gesagt: Das Liebliche liegt Dürer nicht. So gut er in der Darstellung von runzligen Apostel- und Eremitengesichtern ist, so ungeschickt zeichnet er diese Maria und ihr Kind.

 

 

Desto besser gelingt ihm der Drache. Prachtvoll brüllt, schnaubt und faucht das Tier! Man darf vermuten, dass Dürer vorher keinen Entwurf angefertigt hat. Es handelt sich nicht um ein Fabeltier mit ausgefeilter Anatomie, wie heutige Fantasy-Künstler Drachen gestalten würden: vielmehr ist Dürers Untier direkt und ungefiltert aus den Untiefen einer Seele gekrochen, die die bizarrste Vorstellung vom Bösen in der Welt hatte, es maßlos fürchtete und zugleich Schabernack mit ihm treiben konnte (man beachte die grotesken Fratzen, den schelmischen Blick des Kopfes unten rechts und den Eselskopf oben).

 

 

Wie harmlos sieht der Drache dagegen auf Bildern älterer Meister aus, z. B. auf den Teppichen von Angers! In Abwandlung des Titels einer bekannten Radierung von Goya könnte man über Dürers Drachen sagen: Auch das Erwachen der Vernunft (zu Beginn der Neuzeit) gebiert Ungeheuer.

 

 

Dass der eine Kopf relativ sicher als Eselskopf (oben grau markiert) zu identifizieren ist, hat manche Interpreten ermutigt, alle Köpfe mit realistischen Tieren in Verbindung zu bringen (die dann symbolisch für die sieben Todsünden stehen würden). Nach meiner Einschätzung handelt es sich jedoch überwiegend um die Köpfe von Fabelwesen. Eine Zeichnung Dürers im Gebetbuch Kaiser Maximilians lässt erkennen, wie man sich z. B. den Körper des gelb markierten Kopfes vorstellen müsste, würde er nicht auf einem gewundenen Drachenhals sitzen.

 

 

Laut Text hat der Drache sieben Häupter, zehn Hörner, und sieben Kronen. Ein Verteilungsproblem! Die Teppichknüpfer von Angers versahen sechs Köpfe mit je einem Horn und platzierten die vier überzähligen Hörner auf dem siebten Haupt. Dürer mischt einhörnige Köpfe mit Köpfen, die zwei Hörner haben. Die Kronen stülpt er dabei in seltsamer, auffälliger Weise über die zwei Hörner, als wolle er zeigen, dass jeweils diese beiden durch eine Krone zusammengefasst werden.

 

Ob sich der Verfasser der Apokalypse den Drachen so vorgestellt hat? Vermutlich kam es ihm gar nicht darauf an, den Drachen visuell zu beschreiben: die Köpfe, Hörner und Kronen symbolisieren vielmehr geschichtliche Zustände und Ereignisse. Dass wir überhaupt eine Ahnung von deren Bedeutung haben, verdanken wir einer ähnlichen Stelle im Buch Daniel, einem der vier großen Propheten in der Bibel: Dort kommen in einem Traum des Propheten vier mythologische Fabeltiere vor, das dritte mit mehreren Köpfen, das vierte Tier mit zehn Hörnern. (Daniel, Kapitel 7 und 8. Der Illustrator Gustave Dore, von dem diese Abbildung unten stammt, hat sich nicht genau an den Text gehalten).

 

 

Es ist ein ähnlich rätselvoller Text, dem aber zum Glück einige Erklärungen beigegeben sind: Die Tiere sind vier Reiche, heißt es dort, die zehn Hörner zehn Könige (die aus dem vierten Reich hervorgehen).

 

Insofern stehen die Hörner für Könige oder Königreiche, die Fabeltiere für übergeordnete Reiche. Deshalb wurde das siebenköpfige Tier aus dem Meer in der Apokalypse immer wieder mit dem Römischen Reich gleichgesetzt (Rom auf sieben Hügeln erbaut). Dessen wundes Haupt hat man mitunter als Kaiser Nero gedeutet. Der siebenköpfige Drache wird oft als eine Art Spiegelbild und Pendant dieses Tieres interpretiert (wobei er die finstere Macht symbolisiert, die das Römische Reich zu seiner Gewaltherrschaft befähigt, das Böse schlechthin).

 

Das Böse schlechthin: Dürers Zeitgenossen nutzten die rätselhafte Symbolik der Apokalypse auch für politische bzw. religiöse Propaganda ihrer eigenen Zeit! Die Protestanten stellten den Papst oft als apokalyptischen Drachen dar, die Katholiken Luther als siebenköpfiges Ungeheuer:

 

 

Fazit: Folgt man dem Theologen Gunkel, dann haben sich die Babylonier das Chaos als einen Drachen vorgestellt – wie alle Hochkulturen fürchteten sie die Unordnung –, der von Göttern, die die Ordnung herstellten, bezwungen wurde. In späterer Zeit wurden die Babylonier von ihren Nachbarn, den Hebräern, selbst als ein solcher Drache angesehen, als Sündenbabel. Als solches wurden sie in noch späterer Zeit mit dem Römischen Reich verglichen, das die Welt unter sein Joch gezwungen hatte – man sieht, wie der Schwarze Peter immer weitergereicht wird – und im 16. Jh verunglimpfte man seinen politischen Gegner als Nachfolger dieses Reiches und des Sündenpfuhls Babylon.

 

Jedenfalls haben sich die babylonischen Priester sicher in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass sie selbst einmal als das Böse angesehen werden, dass sie selbst so fürchteten.

 

Chaosmonster und Sonnengott, Rekonstruktionszeichnung eines Reliefs in Ninive