Das Wappen mit dem Totenkopf

albrecht-duerer-das-wappen-mit-dem-totenkopfDer erste von Dürer datierte Kupferstich ist … ein Wappen (1503 – Jahreszahl auf dem Steinquader). Also eine Gelegenheitsarbeit, möchte man meinen. Wenn da nicht die vorzügliche Stichelarbeit wäre: Das fein gefältelte Kleid der Frau, ihre ziselierte Brautkrone, der schimmernde Helm und vor allem das charaktervolle Haupt ihres seltsamen Liebhabers mit den krausen Haarlocken, den Runzeln in den Augenwinkeln, dem Blick unter den Augenlidern hervor …

 

duerer-stechhelm-in-3-ansichtenZum Helm gibt es eine mit Wasser- und Deckfarben kolorierte Zeichnung von Dürer, den Stechhelm in drei Ansichten.

 

Zurück zum Stich: Als Wappenhalter fungiert ein Wilder Mann, der sich der vornehmen Dame seltsamerweise wie zum Kusse nähert und von ihr – noch erstaunlicher – nicht abgewiesen wird.

 

Hier zeigt sich Dürer wieder als Freund rätselhafter Szenen, wie auch auf manchem seiner anderen Werke, z. B. den 4 Hexen oder dem Traum des Doktors. Erstrecht natürlich bei der Melencolia.

 

Was hat die hochgestellte Dame mit dem Wilden Mann zu schaffen? Das Blatt wirkt wie ein später Kommentar zu Dürers frühem Stich Der Gewalttätige. Dort greift der Tod, der etwas wie ein Wilder Mann ausschaut, gierig nach einer Frau, die in panischem Schrecken zu fliehen versucht.

 

Hier begegnen sich die Vertreter einer grauen Vorzeit und der Zivilisation, die unterschiedlicher nicht sein können, fast mit Zärtlichkeit. Der grelle Effekt des frühen Stiches ist hier ruhevoller Pracht gewichen.

 

duerer-wilder-mannDas Motiv Wilder Mann ist in der Dürerzeit beliebt, besonders im Zusammenhang mit einem Wappen: Ein Wilder Mann ist auch auf dem Bücherzeichen (Detail Abb. links) zu sehen, das Dürer für seinen Freund und Gelehrten Willibald Pirckheimer gezeichnet hat. Hier ist der Wilde bereits kulturell so weit fortgeschritten, dass er außer seiner Keule auch Pfeil und Bogen hat.

 

Die Existenz Wilder Männer in der Kunst des Mittelalters bis in die Dürerzeit hinein ist im Grunde erstaunlich: Bot die Schöpfungsgeschichte doch keinen Raum für die Vorstellung von einem vorzivilisatorischen Menschen. Der stark behaarte, halb tierische Wilde Mann setzt – wenigstens intuitiv – eine Ahnung von einer Evolution voraus und erinnert verblüffend an unsere heutige Vorstellung von dem mit der Keule bewaffneten Urmenschen.

 

Allerdings gibt es auch bereits in der Bibel die konflikthafte Begegnung zwischen dem rauen, stark behaarten Naturburschen Esau und seinem kultivierteren Bruder Jakob, beide eigentlich Repräsentanten unterschiedlicher Entwicklungsstufen der Menschheit.

 

Durch die Brautkrone der Dame mit den gewaltigen Haarschnecken scheint Dürers Stich fast eine Heirat bzw. Vereinigung zwischen diesen beiden Entwicklungsstufen zu zeigen. Ähnlich zutraulich duldet eine Frau auf Dürers Kupferstich Eifersucht (bzw. Herkules) die Nähe eines Statyrs, auch ein Repräsentant des undomestizierten Menschens. Nebenbei erwähnenswert: Auch diese Frau hat ihre Haare zu Schnecken gedreht, eine mittelalterliche Frisur, die durch Prinzessin Leia (Star Wars) ein Revival erfahren hat.

 

Der vertraute Umgang der eleganten Dame mit dem Wilden Mann gibt dem Betrachter bereits genügend Rätsel auf, doch Dürer lässt es nicht dabei bewenden. Auf dem Wappen ist ein Totenkopf zu sehen, das eigentliche Motiv, zu dem das ungleiche Paar ja nur die Begleitfiguren abgibt. Der Tod herrscht also gleichermaßen über den Naturmenschen als auch über sein zivilisiertes Pendant. Die Dame die nach den Statussymbolen Helm und Helmzier schielt: den beeindruckenden Vogelschwingen, der gezaddelten Helmdecke, – sie kann den Totenschädel auf dem Wappen nicht sehen. Das Bild erinnert also daran, dass Menschen leicht vergessen, wie jede gesellschaftliche Stellung der Vergänglichkeit unterliegt.

 

Jedoch treibt es der Rätselmeister Dürer noch weiter: Der Totenkopf hat die Proportionen eines Wasserkopfs. Bei der Genauigkeit, die Dürer sonst in diesem Stich walten lässt, ist nicht davon auszugehen, dass er sich bei dem Schädel in den Proportionen vertan hat. Hatte er vielleicht einen solchen Schädel in einer Kuriositätensammlung gesehen? Möglich wäre auch, dass es ihm nicht um den pathologischen Befund eines Wasserkopfs ging, sondern dass er die Hirnschale als Sitz des Verstandes betonen wollte.

 

Diese Hirnschale macht Kopfzerbrechen. Egal ob Wasserkopf, Kuriosität oder geräumiges Gefäß für den Verstand, dieser Schädel widersetzt sich restloser Auslegung und reiht diesen Stich unter die rätselhaften Blätter Albrecht Dürers ein.