Der anzügliche Seitenblick bei Baldung

Hans Baldung Griens Figuren werfen oftmals anzügliche Seitenblicke – und lassen dadurch tief blicken. Der Betrachter erblickt auf Baldungs Bildern Personal mit zwielichtigen Absichten.

Eine Tafel in Berlin bringt es auf den Punkt. Das Gemälde zeigt nicht viel mehr als den besagten Seitenblick. LOTT steht auf dem dunklen Grund geschrieben. Es handelt sich um Lot und seine Töchter. Nach der Flucht aus dem untergehenden Sodom machen die beiden Töchter den Vater betrunken, um mit ihm inzestuös Nachkommen zu zeugen (1. Mose 19, 30 – 38).

 

Hans Baldung Grien: Lot (und seine Töchter), Gemälde

 

Die Szene ist so knapp wiedergegeben, dass die Tafel vielleicht beschnitten worden ist. Sollte Baldung dies Gemälde allerdings so angelegt haben, wäre es eine erstaunlich reduzierte Komposition: Man sieht nur die eine Tochter, und die auch nur sehr angeschnitten. Außerdem Lots Kopf, mit einem seltsamen Trinkgefäß an den Lippen.

 

Falls die Tafel beschnitten worden ist, wäre es schon eine betrübliche Verstümmelung des Gemäldes. Und doch darf man davon ausgehen, dass das Wesentliche erhalten ist: Lots begehrlicher Seitenblick (auf die zweite Tochter gerichtet?). Von der Tochter im Vordergrund erkennt man nur, dass ihr Körper lediglich durch ein Tuch bedeckt ist und der völligen Entblößung harrt. Mehr bedarf es zur Bildaussage nicht.

 

Lots Blick spricht Bände: Lüsternheit, aber auch das Bewusstsein, eine Tat zu begehen, die anrüchig ist und vor den Menschen verborgen bleiben muss. Sowie den Willen, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und den Verstoß zu begehen, in der Hoffnung, dass die Tat nie an das Tageslicht kommt.

 

Hans Baldung Grien: Maria mit dem Kind und zwei Papageien, Gemälde, 1533

 

Einen ganz anderen Seitenblick hat das Christkind für den Betrachter auf Baldungs Maria mit dem Kind und zwei Papageien von 1533. Dass der Vorgang des Stillens so herausgestellt ist, dürfte seinen Grund darin haben, dass sich die Christenheit seit je über die Frage den Kopf zerbrochen hat, ob Christus nun göttlich oder menschlich, oder göttlich und menschlich ist. Seine Menschlichkeit wird auf diesem Gemälde durch das Stillen betont.

 

Allerdings war Hans Baldung Grien ein Filou, und so beschleicht den Betrachter schnell das Gefühl, dass hier nicht nur Stellung zu einer theologischen Diskussion bezogen wird. Maria blickt den Betrachter mit einem puppenhaft pikanten Schlafzimmerblick an, ein Papagei knabbert an ihrem Hals. Eine Mutter, die sich innig mit ihrem Kind beschäftigt, schaut anders drein.

 

Die Szene hat eine unterschwellige Erotik, wenn auch natürlich auf eine recht spezielle altertümliche Art. Auch der Putto links gehört dazu. Er zieht einen durchsichtigen Schleier weg. Es wird also etwas enthüllt, was ohnehin durch den durchsichtigen Stoff dem Blick preisgegeben war – eine Einladung zum begehrlichen Schauen.

 

 

Sehr bezeichnend ist der Blick des Kindes. „Ich hab sie, die Brust, du nicht“, sagen die Augen sehr deutlich. Der Kleine lässt den Betrachter teilhaben an seinen Wonnen, allerdings nur als Voyeur. Denn gleichzeitig genießt das Kind seine Bevorzugung. Es kann den Kopf da bergen, wonach der Betrachter vergeblich giert. Mit dem Blick scheint das Kind auch prüfen zu wollen, ob sich im Betrachter Eifersucht regt. Das wäre ein zusätzlicher Genuss für den Wonneproppen.

 

Hans Baldung Grien: Ungleiches Paar, Kupferstich, 1507

 

Auch die Frau auf Baldungs Kupferstich Ungleiches Paar von 1507 wirft einen anzüglichen Seitenblick. Einen Blick, den man in zwei Richtungen deuten kann: Entweder prüfend, ob sie dem Alten unbeobachtet in den Geldbeutel greifen kann. Oder aber sie nimmt Kontakt mit einem „Mitwisser“ außerhalb des Bildes auf und bedeutet ihm, dass sie mit allen Wassern gewaschen ist, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten weiß.

 

Interessanterweise wirft auch der Alte eine Art Seitenblick. Er schaut nicht auf das Objekt seiner Begierde. Dies zu tun, lässt Baldung für den Betrachter des Bildes übrig. Der Greis richtet seine Pupillen vielmehr etwas nach oben und schaut mit dem glasig seligen Blick eines Genießers ins Leere.

 

Gleichzeitig nimmt er aber auch mit dem Betrachter Blickkontakt auf. Und wieder ist der Blick vielsagend: Dass das Alter nicht nur Mühsal mit sich bringt, sondern dass sich dank eines gefüllten Geldbeutels auch Freuden erkauft werden können.

 

Im Paradies erlangte man Freuden noch ohne Geld, wie ein Bild von Baldung zeigt, das nur als Konturkopie erhalten ist. Doch in Baldungs Garten Eden wird nicht in Unschuld gesündigt und das Stammelternpaar ist nicht allein – Eva nimmt per Seitenblick mit einer dritten Person Kontakt auf. Mit der Person, die das Blatt anschaut.

 

Das Vergnügen mehrt sich offensichtlich durch das Bewusstsein von der Schlüpfrigkeit der Sache. Und durch einen Mitwisser. Eva ist mit ihren Gedanken mehr beim Betrachter als bei sich oder bei Adam. Und dies mit größtem Vergnügen, wie uns ihr schelmischer Gesichtsausdruck verrät.

 

Baldung legt es auf eine Art Pingpong-Spiel zwischen dem Betrachter und Eva an. Wir sehen, was sich da im Garten tut. Eva sieht, dass wir es sehen. Und wir sehen, dass es ihr Spaß macht, gesehen zu werden …

 

Hans Baldung Grien: Der Sündenfall, Holzschnitt, 1511

 

Auch auf dem Holzschnitt von 1511 nimmt das Stammelternpaar Kontakt mit dem Betrachter auf. Bedauerlicherweise ist dieser Holzschnitt recht „hölzern“ geworden. Im Gegensatz zu den obigen Werken findet sich wenig Leben in diesen Gesichtern und so müssen wir uns hier mit Baldungs Absichten begnügen. Neben den Blicken lässt er hier auch die Arme sprechen, besonders die beiden verschränkten:

 

Sie reicht ihm den Apfel, er greift ihr an die Apfelbrust – Baldungs Kommentar, worin der Sündenfall seiner Meinung nach eigentlich besteht. Nicht zufällig sind im Hintergrund zwei Karnickel zu sehen. Mit dem anderen Arm langt Adam nach oben, zu weiteren Äpfeln. Er hat nicht vor, es bei der einmaligen Sünde zu belassen.

 

Interessant ist auch, dass die Inschrift auf der Tafel mit Lapsus beginnt. (Lapsus, lat: ein Ausrutscher, ein kleiner unbedeutender Fehler.) Der Sündenfall ist also ein kleiner Ausrutscher?!

 

Hans Baldung Grien ist eine sehr originelle und erfrischende Erscheinung auf der Bühne der altdeutschen Kunst. Umso überraschender, dass es auf dem Buchmarkt über sein Werk kaum Neuerscheinungen gibt und der Interessierte sich mit antiquarischen Bücher begnügen muss. Es bleibt zu hoffen, dass Baldung bald wiederentdeckt wird.