Der behexte Stallknecht

Den wohl verblüffendsten Holzschnitt der Dürerzeit (wenn man hierzu auch die Jahre nach Dürers Tod zählt) hat Hans Baldung Grien geschaffen. Der behexte Stallknecht ist vermutlich 1544 entstanden (nach der Datierung einer Vorstudie zu urteilen) und wäre dann Baldungs letzter Holzschnitt.

 

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Der behexte Stallknecht, Holzschnitt und Vorstudie

 

HOCHAUFGELÖST

 

fuessli-nachtmahrNach Auffassung mancher Kunsthistoriker stellt das Bild einen Albtraum dar. Hans Baldung Grien hätte also ein ähnliches Motiv geschaffen, wie es Johann Heinrich Füssli über 200 Jahre später auf Leinwand gebannt hat (siehe Abb. links): Ein Nachtmahr (auch Nachtalb genannt) hockt auf der Brust einer schlafenden Frau. Durch einen Vorhang schaut ein unheimliches Pferd, das Reittier des Mahrs, herein.

 

Bei Baldungs Holzschnitt geht mit dieser Vorstellung einher, dass der Maler sich dabei selbst portraitierte. Dass er von seinem eigenen Tod geträumt und diesen Albtraum dargestellt hat. Hierfür spricht das ins Bild integrierte Wappen mit dem Einhorn, das Familienwappen der Baldungs.

 

Jedoch ist die Perspektive denkbar ungünstig, um die individuellen Gesichtszüge eines Menschen wiederzugeben. Die Frage ist auch, warum Baldung sich als Stallknecht wiedergibt?

 

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Zwar könnte er im Traum ein Stallknecht gewesen sein. Aber ein Holzschnitt richtet sich durch die Möglichkeit, viele Abzüge zu drucken, an ein größeres Publikum. Hätte Baldung seinen eigenen oder den Tod eines Künstlers darstellen wollen, hätte er dies einen breiteren Publikum sehr viel deutlicher machen können, indem er die Szene in ein Atelier mit Malutensilien verlegt und so die Figur deutlich als Maler kennzeichnet.

 

Man hat nach einer Geschichte gesucht, die Baldung als Vorlage für sein seltsames Motiv gedient haben könnte – und immerhin die Volkssage vom Junker Rechberger gefunden, einem Raubritter, der reuig in ein Kloster geht und dort Stallknecht wird.

 

Die entscheidende Stelle lautet in einer Nachdichtung von Ludwig Uhland (1787 – 1862): Da kaufte der Abt ein schwarz wild Ross, Rechberger sollt’ es zäumen, doch es tat sich stellen und bäumen. Es schlug den Junker mitten aufs Herz, dass er sank in bitterem Todesschmerz.

 

Diese Sage würde immerhin erklären, warum der Stallknecht ungewöhnlich modisch – wie ein Junker eben – gekleidet ist. Ob sich Baldung tatsächlich auf diese Sage bezogen hat, muss dahingestellt bleiben.

 

Kehrt man dazu zurück, was sich ohne weitgehende Spekulationen aus dem Bild entnehmen lässt, bleibt festzuhalten, dass hier ein Ordnungshüter zu Boden gegangen ist, denn ein Stallknecht ist für die Ordnung im Stall zuständig. Egal ob tot oder ohnmächtig, von der Hexe verzaubert, vom Pferd getreten oder sonst irgendwie niedergesunken: Über den Vertreter der Zivilisation, dem Stallknecht, triumphiert die triebhafte Natur, verkörpert im Pferd, und die Magie, verkörpert in der Hexe.

 

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Auf dem Holzschnitt steht das Geschlechtliche im Vordergrund: Das Pferd schlägt seinen Schweif wie absichtsvoll zur Seite, um dem Betrachter seine rückwärtige Front zu präsentieren; die Hexe hat ihre Brust entblößt. Besonders sollen wir uns aber für das Gemächt des Knechtes interessieren. Die ungewöhnliche Perspektive scheint vom Künstler gewählt zu sein, um die Blicke genau dahin zu lenken. Die Schamkapsel, ein modisches Accessoire der damaligen Zeit, betont das Körperteil mehr als dass sie es verdeckt.

 

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Über dieses Körperteil ist der Stallknecht am stärksten mit der Welt des Kreatürlichen verbunden. Es scheint der Angriffspunkt zu sein, an dem die unheimlichen Figuren, Pferd und Hexe, ansetzen, um diesen Mann zu entkräften, dass er seine Aufsichtspflicht nicht mehr ausüben kann.

 

Der Holzschnitt wartet mit einigen grafischen Skurrilitäten auf: Durch das Fenster ist eine völlig leere Fläche zu sehen. Baldung hat sich nicht für die Landschaft dahinter interessiert, dachte aber vielleicht auch an blendende Helligkeit, die durch ein Fenster eindringen kann. Etwas verloren zeichnet sich eine ganz gerade Horizontlinie ab. Auf ihrer Höhe liegt theoriegemäß der Fluchtpunkt. Aber nicht alle Fluchtlinien laufen konsequent auf diesen zu, z. B. nicht die Brüstung vor der Hexe. Somit ist der Raum leicht verzogen.

 

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Seltsam sind die architektonischen Schmuckformen am Torbogen. Sie könnten auf einen hochherrschaftlichen Stall hindeuten, obwohl selbst ein fürstlicher Marstall sicher nicht so üppig dekoriert war.

 

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Vielleicht wollte der Künstler  auch die Unterschiedlichkeit der beiden Räume betonen. Der hintere mit Stroh ausgelegte für das Tier, der vordere der Kultur zugeordnet. Allerdings wäre Baldung auch zuzutrauen, dass er aus einer Laune heraus die damals gerade in Mode gekommenen Schmuckformen verwendet und einen idealisierten Stall schafft. Allemal fördern diese deplatzierten Architekturformen die surreale Wirkung des Bildes.

 

Ungewöhnlich ist auch die Stufe im Vordergrund. Wer würde seinem Pferd beim Verlassen des Stalls einen solch hinderlichen Höhenunterschied zumuten? Die Stufe ist schon auf der Vorstudie skizziert und dient offensichtlich dazu, die Wirkung der Figur – wie auf einer Bahre liegend – zu steigern. Mit viel Sinn für Komik setzt Baldung die Schuhe in Form von Entenfüßen in Szene, die der Stallknecht dem Betrachter entgegenstreckt.

 

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Wir sind hier also Zeuge eines Kräftemessens zwischen den dunklen, triebhaften und den ordnenden Kräften der Welt geworden. Und der Vertreter der Zivilisation ist zu Boden gegangen. Der unzureichend gezügelte Trieb wird durch das grimmig blickende Pferd symbolisiert. Schon einmal hatte Baldung Pferde in dieser Hinsicht genutzt: in seiner Holzschnittfolge mit Wildpferden von 1534.

 

Obwohl sich der Hintergrund etwas wandelt, wurde die Folge als zeitliche Abfolge an einem Schauplatz – quasi wie ein Comicstrip oder ein Storyboard – gedeutet. Ein Hengst will eine rossige Stute decken. Die Stute keilt auf dem zweiten Bild aus und der Hengst lässt seinen Samen „auf die Erde fallen“ (hier drängt sich einem die Formulierung aus 1. Mose 38, 9 auf, die Erzählung von Onan).

 

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Auf dem dritten Bild beißen andere Pferde den Hengst: Der sexuell abgewiesene Pascha verliert nun auch noch seine Macht über die Herde. (Gestalterisch interessant: Der Tumult wird von Baldung in einer symmetrischen Komposition dargestellt, die Unordnung durch die Ordnung)

 

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baldung-wildpferde-detailSoweit eine interessante Interpretation der Bildfolge. Allerdings zerbröselt diese Deutung, sobald man eine Brille aufsetzt. Denn die „Stute“ im zweiten Bild ist ein Hengst! Sehr deutlich stellt Baldung sein Skrotum dar. Die Holzschnittfolge gibt also offensichtlich doch nicht unmittelbar aufeinanderfolgende Szenen wieder.

 

Die wesentlichen Züge der Interpretation, Sex und Macht, kann man aber vielleicht beibehalten: Ein brünstiger Hengst erleidet eine sexuelle Frustration. Nicht durch die Stute wird er abgewiesen, sondern ein Konkurrent verhindert dass es läuft, wie es laufen sollte. Kaum hat die Herde erkannt, dass ein Nebenbuhler den Leithengst von einer Stute abhalten kann, verliert der auch schon seine Autorität. Alle stürzen sich auf den Machthaber, der sich kurz als schwach offenbart hat. Ein Sinnbild, und es liegt sicherlich in der Absicht des Künstlers, dass dies auf die menschliche Gesellschaft übertragen wird.