Der büßende heilige Hieronymus

Bereits lange vor seinem Meisterstich Hieronymus im Gehäus hat Dürer den Kirchenvater auf einem Kupferstich dargestellt: Einer seiner ersten sehr großen Kupferstiche stellt den büßenden heiligen Hieronymus dar.

 

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Dürer: Der büßende heilige Hieronymus, um 1496, Kupferstich

 

Mit einem Stein schlägt sich der Heilige auf die Brust, um seine Begierden abzutöten. Neben ihm hockt der Löwe, sein treuer Begleiter, seit er dem wilden Tier einen Dorn aus der Tatze gezogen hatte. Die syrische Wüste, in der sich der Heilige lebte, ist bei Dürer zu einem stark zerklüfteten Steinbruch geworden.

 

Dürers Bild machte Schule. Wenn auch nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, dass Lucas Cranach d. Ä. sich durch den Stich zu seinem Gemälde hat anregen lassen. Er ersetzt den Steinbruch durch wild wuchernde Bäume und verleiht der Szene Dramatik: Der Heilige holt weit zum Schlag aus und zieht in wilder Gebärde seinen Bart beiseite, um den Aufprall nicht zu dämpfen. Ausgerechnet beim schwächsten Element von Dürers Stich hält Cranach sich aber genau an die Vorlage. Er übernimmt spiegelbildlich die gekünstelt wirkende Wellenlinie des Löwenschwanzes.

 

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Lucas Cranach: Der büßende heilige Hieronymus, 1502, Gemälde

 

Etwa 20 Jahre später gestaltet Cranach das Thema erneut, nun in einer weniger dramatischen Fassung. Wieder nimmt er Dürers Stich als Vorlage. Diesmal kopiert er insbesondere die Haltung des Heiligen und übernimmt auch die Hand, die das Gewand beim Zusammenraffen unglücklicherweise nicht richtig packt.

 

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Lucas Cranach: Der büßende heilige Hieronymus, um 1525, Gemälde

 

Interessant ist dieses Gemälde vor allem durch die Tiere, die sich auf der Tafel tummeln. Unter anderem ist ein Harpyienpärchen zu sehen (Mischwesen aus Mensch und Vogel), das sich im Bach spiegelt. Von der Harpyie heißt es in einer Legende, dass sie vor Schmerz stirbt, wenn sie einen Menschen getötet hat und danach im Wasserspiegel ihr Gesicht sieht. Damit ist der Bezug zum Eremiten hergestellt: Wie er sind sie reuige Sünder.

 

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Cranach: Der büßende heilige Hieronymus, Detail

 

Auch der aus dem Bach steigende Biber steht symbolisch im Bezug zum Heiligen. Vom Biber sagte man, dass er, vom Jäger verfolgt, sich die Geschlechtsteile abbeißt, denn nur auf diese, die in der Medizin Verwendung fanden, hatten es die Jäger abgesehen. Erwähnt wird dies im Rasenden Roland von Ariost (27. Buch, Vers 57), aber auch von Plinius und Sebastian Brant. So symbolisiert der Biber die Abtötung der Begierden, der sich der Hl. Hieronymus unterzieht.

 

Wenn sich mancher moderne Betrachter vielleicht über die etwas putzig aussehenden Löwen – sowohl auf Dürers Stich als auch auf Cranachs Gemälden – wundert, sollte er sich vor Augen führen, dass die alten Meister nicht geschwind im Naturkundebuch nachschlagen konnten. Mancher Maler hatte einen Löwen nie oder nur selten zu Gesicht bekommen. Hieronymus wird auf altdeutschen Bildern mitunter von Löwen begleitet, die mehr eine Kreuzung zwischen Hund und Fabeltier zu sein scheinen.

 

Etwas majestätischer sieht der Löwe auf einer kleinen gemalten Tafel von Dürer aus. Der Heilige im Zentrum dagegen wirkt hölzern. Der junge Künstler muss hier noch um die Anatomie kämpfen … und verliert den Kampf. Erst im Hintergrund, bei den schönen Wolkenformationen, spielt Dürer befreit auf.

 

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Der büßende heilige Hieronymus, Gemälde, links Dürer, um 1496, rechts Altdorfer, 1507

 

Einen Schritt weiter geht Albrecht Altdorfer. Bei ihm beherrscht eine krause Vegetation die ganze Tafel. Sein Hieronymus steht anatomisch gesehen auf ähnlich wackeligem Fundament wie Dürers, sein Löwe ist geradezu grotesk. Aber beide, der Eremit und sein Begleittier, sind in dem gleichen Duktus gemalt wie die Landschaft und passen sich besser in das ganze Gefüge ein. Ein Rübezahl-Heiliger mit struppig verwahrlosten Begleittier in einer Rübezahl-Landschaft.

 

Ganz andere Wege beschreitet Dürer bei seinen späteren Darstellungen dieses Heiligen. Er stellt nun den Bibelübersetzer Hieronymus in den Vordergrund, nicht den Asketen – und versetzt ihn entsprechend aus der wilden Natur ins Studierstübchen. Auf der Vorstudie zu seinem Holzschnitt Hl. Hieronymus in der Zelle von 1511 ist dann auch entsprechend viel Innenarchitektur in zentralperspektivischer Darstellung zu sehen. Zuviel, mag es dem Künstler am Ende vorgekommen sein. Auf dem letztendlichen Holzschnitt verbirgt ein Vorhang einen großen Teil des Raums.

 

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Dürer: Der Hl. Hieronymus in der Zelle, 1511, Vorzeichnung und Holzschnitt

 

Von hier ist es dann nur ein kleiner Schritt zum Hieronymus im Gehäus von 1514. Oder ein sehr großer, wenn man die wundervoll eingefangene Stimmung der Studierstube betrachtet.

 

Noch ein anderer Kupferstich Dürers verdient in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden. Auf dem späten Stich von 1519 ist allerdings nicht der Hl. Hieronymus abgebildet, sondern der Hl. Antonius. Dieser Eremit wird auf den meisten Darstellungen von Dämonen gepeinigt (siehe z. B. die entsprechende Tafel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald). Dürer lässt ihn vor märchenhaft verschachtelter Stadtkulisse seinen Frieden finden. Gegen seine Meisterstiche fällt aber auch dieses liebevoll gestochene Blatt ab. Nach 1514 schwingt sich Dürer im Kupferstich nicht mehr zu absoluten Gipfeln empor.

 

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Dürer: Der Hl. Antonius vor der Stadt, 1519, Kupferstich

 

Eine ganz anders geartete Darstellung des Hl. Hieronymus findet man bei Hieronymus Bosch:
Der büßende Hl. Hieronymus von Bosch