Der büßende Hl. Hieronymus von Bosch

Dürer, Cranach und Altdorfer nutzten das Sujet des büßenden Hl. Hieronymus, um dem Betrachter schroffe Felsen oder eine wild wuchernde Vegetation zu präsentieren. Hieronymus Bosch bettet den Heiligen in einer teils friedvollen, teils exotischen Landschaft ein.

 

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Hieronymus Bosch: Der Hl. Hieronymus in der Einöde, um 1490, Gemälde

 

Eine kleine muschelförmige Höhle umfängt den Heiligen schützend. Auf und neben ihr hat der Maler übergroße Pflanzenteile und seltsame Gebilde arrangiert, symbolisch und poetisch zugleich. Übergroße geborstene Samenkapseln haben diese Landschaft befruchtet, eine befindet sich in der Nähe der betenden Hände, eine sehr große liegt vorne im Teich, von einem Christusdorn durchbohrt.

 

Auf Christus weist auch der exotische Baum links im Hintergrund hin, bei dem es sich um den Ostindischen Wunderbaum handeln soll, ricinus communis, auch Christuspalme genannt.

 

So beredt die symbolische Landschaft ist, so unverständlich ist ihre Sprache. Zu den gegensätzlichsten Deutungen gibt sie Anlass: So wurde die Steinplatte über dem Haupt des Heiligen sowohl als Grabplatte angesehen – als solche dann die Abtötung des Fleisches symbolisierend –, als auch als gestürzte Gesetzestafel (für den Sieg des Neuen Testaments über das Alte).

 

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Bosch: Der Hl. Hieronymus in der Einöde, Detail

 

Die Eule wurde sowohl als wachsamer Weisheitsvogel gedeutet, als auch als böser Lockvogel, der bereits ein Opfer, eine Kohlmeise, angelockt hat. Hierzu muss man wissen, dass manche Vögel gegenüber am Tag entdeckten Eulen ein besonderes Verhalten an den Tag legen: Sie sammeln sich und „hassen“ auf die Eule, d. h. sie versuchen sie durch Rufe zu vertreiben und fliegen sogar Angriffe. Jäger verwendeten daher an Baumstümpfe angepflockte Eulen, um Vögel anzulocken.

 

Eben dieses Motiv, Vögel, die auf eine Eule hassen, findet man auch auf der Mitteltafel von Boschs Eremitenaltar, die auch den büßenden Hl. Hieronymus zum Thema hat. Das Eulenmotiv ist klein auf ein Architekturelement aufgemalt, zwischen dem Heiligen und seinem Hut. Der Ast, auf dem die Eule sitzt, ragt einem Mann, der sich in einem Bienenkorb zu verstecken sucht, aus dem Hintern (auf dieser kleinen Abb. kaum zu erkennen). Es ist sicherlich eine Anspielung auf die Unreinheit des Leibes und seiner Begierden, der der Heilige durch die Selbstkasteiung zu entfliehen trachtet.

 

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Hieronymus Bosch: Eremiten-Triptychon, Mitteltafel, Der büßende Hl. Hieronymus, um 1504

 

Das Gebilde vor dem Heiligen wurde sowohl als Marmorthron interpretiert, als auch als Ruine eines heidnischen Tempels. Im letzteren Falle fragt man sich, warum diese Ruine dann mit biblischen Motiven bemalt ist. Allerdings kann man Bosch solche künstlerischen Freiheiten sicher zutrauen. Sogar als Apsis en miniature wurde das Gebilde schon bezeichnet (Apsis: Meist halbkreisförmiger Anbau an einen Hauptraum, z. B. der Chor beim Kirchenbau).

 

Abgebildet ist auf diesem Thron oder Tempel die biblische Geschichte von Judith und Holofernes, hier in der Verkleinerung allerdings nicht mehr zu erkennen. Der Hauptmann Holofernes wird von Judith verführt und enthauptet. Der triebhafte Mann kommt also zu Tode, eine Erzählung, die gut zu einem Heiligen, der seine Triebe bekämpft, passt. Damit korrespondiert eine weitere Abbildung an dieser obskuren Mini-Apsis: Über der Hand des Heiligen sieht man, wie ein Mann ein Einhorn zu besteigen versucht. Ein solches lässt sich der Legende nach aber nur von einer Jungfrau besteigen und ist somit ein Symbol für die Keuschheit.

 

Im Vordergrund fressen sich widerwärtige Kreaturen gegenseitig, rechts sieht man den Eingang zu einer Art Kanalisation. Auffällige runde Stufen führen zu der Terrasse empor, auf kniet. Vielleicht ein Symbol für den Aufstieg aus niedersten Regionen, die der Heilige schon hinter sich hat.

 

Hinter ihm ist eine überdachte Felsformation, umgeben von einem Teich, zu sehen, ein bizarres Phantasiegebilde, bei dem die Interpreten des Bildes mehr oder weniger verstummen. Bosch lässt seine unerschöpfliche Phantasie ins Kraut schießen. Dieses sprießt nebst einigen Dornen wortwörtlich unter einer eigenartigen Kuppel hervor. Ein Torweg führt durch den Fels, der von Vögeln und anderen Kreaturen bewohnt wird.

 

bosch-eremitenaltar-hieronymus-detailMehr Anhaltspunkte zur Interpretation bietet ein Element im Vordergrund rechts. Es könnte ein Säulenstumpf des zerfallenen heidnischen Tempels sein. Aufgemalt ein Mensch, der die Gestirne anbetet. Dies passt dazu, dass der Hl. Hieronymus in seinen Schriften auch gegen Astrologie und die Anbetung des Kosmos gewettert haben soll.

 

Interessanter scheint mir jedoch eine Interpretation zu sein, die in diesem Gebilde eine Art Retorte für die Entwicklung des Menschen sieht. Eine menschliche Seele steigt in dieser Retorte auf. Am unteren verdickten Teil wachsen Dornen. Ein Frosch schaut zum Loch heraus. Es ist die Welt des kreatürlichen Seins, die die Seele schon hinter sich gelassen hat. Sie ist von dieser niederen Region nun abgetrennt durch eine Wulst mit aufgemalter Dornenkrone. Nun muss die Seele nur noch eine Schicht aus Gewölk durchdringen, um in die oberen Regionen des Himmels – visualisiert durch Sonne und Mond – zu kommen.

 

Haben Sie den Löwen erkannt? Er steht auf mittlerer Höhe am linken Rand und trinkt aus dem Teich. Auch schon im Bild ganz oben ist er nicht größer als eine Hauskatze. Der Maler hat vermutlich eine heraldische Abbildung auf einem Wappen als Vorlage genommen, ohne einen Löwen in natura zu Gesicht bekommen zu haben. Hatten schon die altdeutschen Maler die Angewohnheit, den Löwen des Hl. Hieronymus etwas possierlich darzustellen, so setzt Hieronymus Bosch noch eins obendrauf: Sein Löwe ist ein bescheidenes Kätzlein. Aber in die Traumwelt seines Bildes fügt sich dieser putzige Löwe wunderschön ein.