Der große und der kleine Albrecht

Fast gleichzeitig mit dem großen Dürer wirkte Albrecht Altdorfer, hier scherzhaft der kleine Albrecht genannt, weil er im Windschatten Dürers steht, aber auch, weil er zu den Kleinmeistern gezählt wird. Dies sind Künstler der Dürerzeit, die vor allem sehr kleine Formate gestaltet haben.

 

Im Bereich der Anatomie spielt Altdorfer in Verhältnis zu Dürer eindeutig in der zweiten Liga. Zu einer überzeugenden Darstellung des menschlichen Leibes ist er nie gekommen, wie am Knecht aus seiner Gefangennahme Christi zu sehen, der wie eine schlechte Gliederpuppe aussieht.

 

 

Dennoch gelingt es ihm mitunter, Dürer durch originelle Kompositionen zu übertrumpfen. Altdorfers Gemälde Die Kreuztragung (rechts) zeigt ihn noch ganz in Abhängigkeit vom Nürnberger Meister. Dessen die gleiche Szene darstellendes Blatt aus der Großen Holzschnittpassion (links) steht Pate für Altdorfers Tafel: Das Tor mit dem Fallgitter, der Reiter mit orientalischer Kopfbedeckung, der entlaubte Baum … und natürlich die Lage des Kreuzes, die Haltung der Hauptfigur. Dürers Druckgrafik fungierte sicherlich vielfach in den damaligen Malerwerkstätten als Musterbuch.

 

 

In der Farbe läuft Altdorfer allerdings seinem Vorbild den Rang ab. Nicht, weil Dürers Holzschnitt im Gegensatz zu Altdorfers Gemälde natürlich schwarzweiß ist. Sondern weil Altdorfer insgesamt eine harmonische, oft originelle und glühende Farbe hat, während Dürers zahlreiche gemalte Tafeln fast immer sehr spröde wirken.

 

Den Ruf, kein guter Maler zu sein, hatte Dürer schon zu Lebzeiten. Die Kunstgeschichtsschreiber werden natürlich nicht müde mit ihren Versuchen, dies zu entkräften. Aber seien wir doch mal ehrlich: Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, muss man schon mit sehr viel Wohlwollen an Dürers Gemälde herantreten um ihnen etwas abgewinnen zu können.

 

Ganz anders seine Druckgrafik, die ihn hat zur Nr. 1 der altdeutschen Kunst werden lassen. Doch auch hier kann Altdorfer mitunter gegen Dürer punkten. Vergleichen wir die beiden Künstler anhand des Motivs der Geißelung aus zwei kleinen Holzschnittfolgen. Der Holzschnitt aus Dürers kleiner Holzschnittpassion ist lediglich ca. 13 x 10 cm groß. Das kleine Format war für den Meister wenig inspirierend. Viele seiner Blätter aus der kleinen Holzschnittpassion wirken wie Gelegenheitsarbeiten.

 

So auch Dürers Geißelung (links). Christus steht da wie ein etwas gelangweiltes Aktmodell in einer Kunsthochschule. Die beiden gleichförmig gestalteten Schergen machen die Komposition nicht besser, die Architektur lenkt vom Geschehen ab.

 

 

Ganz anders Altdorfers Bild aus seiner Folge Sündenfall und Erlösung des Menschengeschlechts (rechts). Die Holzschnitte dieser Folge sind noch etwas kleiner, nämlich nur etwa 7 x 5 cm groß. Doch Altdorfer wird nicht umsonst zu den Kleinmeistern gezählt, also den Künstlern des 16. Jh, die besonders kleine Formate geschaffen haben. Ihn puscht das kleine Format geradezu. Das Geschehen ist dramatisch, Christus windet sich, die Lichtführung (verschattetes Gesicht und Oberkörper) ist glücklich gewählt, und das klotzige überdimensionierte Würfelkapitell lässt die Szene noch brutaler erscheinen.

 

Ein weiterer Vergleich: Die Verkündigung an Joachim. Das Motiv entstammt einer Legende über die Eltern der Maria, die zunächst ob ihrer Kinderlosigkeit traurig sind. Ein Engel überbringt Joachim die überraschende Nachricht, dass seine Frau Anna nun doch schwanger ist. Er übergibt diese Nachricht in Form eines mit Siegeln beglaubigten Briefes (hier wegen der Abbildungsgröße kaum zu erkennen), seine Erscheinung als übernatürliches Wesen ist allein anscheinend nicht überzeugend genug. So witzig kann eine Heiligenlegende sein. Obwohl Dürer sich der Komik einer solchen gesiegelten und beglaubigten Himmelsbotschaft vermutlich nicht bewusst war.

 

 

Aber hier interessiert nicht die Legende, sondern die Zeichnung. Dürers Bild (links) entstammt seinem Marienleben. Die Holzschnitte dieser Folge sind etwa A4 groß. Die Verkündigung an Joachim ist eines der schönsten Blätter dieser Folge, denn die Anmutung ist fast schon romantisch.

 

Und doch überflügelt Altdorfer Dürer auch hier – dies ist natürlich ein sehr subjektives Urteil. Und zwar wieder mit einem Blatt aus der oben genannten Folge, also wieder mit einem kleinen Format. Altdorfers nur spielkartengroße Verkündigung an Joachim (rechts) zeigt den Engel aus ungewöhnlicher Perspektive, von hinten – gleichzeitig, da er fliegt, von unten. Ein verblüffender, origineller Einfall. Dürers Engel wirkt dagegen sehr konventionell.

 

Was aber macht Dürer nun zu einem ganz Großen seiner Zeit? Während die anderen Künstler einfach vor sich hin schaffen und dabei durch die Routine auch immer besser werden, verordnet sich Dürer in den Jahren zwischen der Apokalypse und den drei Meisterstichen eine Höherentwicklung, wie ein Arzt eine Kur verordnet. Was seine Schraffuren angeht, macht er eine Diät. Er räumt in seinen Bildern auf, entrümpelt gewaltig. Schafft sich um zu einer Präzisionszeichenmaschine.

 

In gewisser Weise macht er damit die gewöhnliche Entwicklung vom jugendlichem Sturm und Drang zu einer moderateren Sichtweise durch. Aber welcher andere Künstler ist dies so zielgerichtet angegangen? Er schafft damit das Fundament, auf dem er die drei Meisterstiche errichten konnte. Fast jedes Werk aus dieser Zwischenphase könnte in einem Lehrbuch fürs Zeichnen als Muster dienen. Das düstere Pathos der Apokalypse und der Großen Holzschnittpassion bleibt dabei allerdings auf der Strecke. Dies ist die Kehrseite von Dürers emsiger, disziplinierter Arbeit an sich selbst: Eine Phase lang schafft er sehr artige, wenig aufregende Heiligenbildchen.

 

Sein Hl. Christopherus von 1511 zeigt alle Merkmale dieser Phase. Es ist ein artiges frommes Bild – freilich auch nur als Gelegenheitswerk einzustufen. Dürers Aufräumarbeit in Sachen Kreuzschraffur lässt sich jedoch gut an diesem Bild beobachten: Die Böschung links ist durch eine einfache Schraffur abgedunkelt, ohne weitere Binnenzeichnung. Dürer vermeidet landschaftliche Details, die vom Hauptmotiv ablenken würden. Früher hätte er darin geschwelgt. Der Himmel ist sogar nur als reinweiße Fläche gegeben. Interessanter ist jedoch die Aufräumarbeit beim Gewand:

 

Dürer arbeitet nun in seinen Holzschnitten mit drei klar voneinander abgegrenzten Regionen. Da sind zunächst die beleuchteten, reinweißen Stellen (1). Ein Fotograf würde hier sagen, diese Stellen sind so überbelichtet, dass die Fotografie keine Zeichnung mehr hat. Dies – keine Zeichnung – hatte Dürer am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn tunlichst vermieden. Doch nun hat er entdeckt, dass Weißflächen in der groben Holzschnitttechnik, in der keine ganz feinen Linien für helle Flächen zur Verfügung stehen, der Ordnung des Bildes zugute kommen.

 

 

Sodann gibt es Regionen, die quasi weiß sind, aber eine reichhaltige Binnenzeichnung aufweisen (2). Hierdurch werden diese Stellen zu einer mittleren Dunkelheit herabgedimmt. Und schließlich haben wir Regionen, die ganz von mindestens einer Schraffur überzogen und dadurch in einen Halbschatten getaucht sind (3). Will man feiner unterteilen, könnte man von dieser dritten Region noch eine 4., die dunkelsten Stellen, abspalten. Ganz gezielt säumt Dürer hier die Region 2 durch verschattete Partien der Helligkeitsstufe 3, um den gotisch verwirbelten Umhang für den Betrachter klar zu gliedern. Die Wirkung ist genau berechnet. Entsprechend kühl und geplant präsentiert sich dieser Holzschnitt für einen Betrachter, falls er die Befindlichkeit des Zeichners aus dem Liniengefüge herauszulesen vermag.

 

Ganz anders kommt Albrecht Altdorfers Hl. Christopherus daher: von der Last des mystischen Kindes stark geduckt, im Ausdruck ein wahrer Rübezahl. Altdorfer überträgt die Spontanität einer flüchtigen Federskizze auf die Technik des Holzschnitts, ein Experiment, das leider solitär geblieben ist. Der Baum löst sich oben durch die Flüchtigkeit der Zeichnung geradezu auf. Der Rhythmus der herabhängenden Flechten links vom Stamm, wird rechts in einigen sehr freien Linien fortgesetzt, weitere Flechten andeutend, ohne dass sich Altdorfer Rechenschaft darüber gibt, von welchen Ästen diese Flechten, die sogar quer durch die Signatur gehen, herabhängen. Er ist hier sehr modern.

 

 

Bei den verklumpten Händen kommt allerdings seine Schwäche in der Anatomie zum Tragen, was aber durch die skizzenhafte Gesamtanmutung der Zeichnung nicht weiter stört. Beim Umhang orientiert sich Altdorfer an Dürers Holzschnitt. Er wird Dürers Schnitt gekannt haben und hat die Genialität von der Schraffurenordnung in drei Helligkeitsstufen intuitiv erkannt und übernommen, so meine Hypothese – freilich reine Spekulation. Dabei verknäult er den Umhang im Gegensatz zu Dürers zu einem eher undefinierbarem Faltenwurf. Was seinem Stil und dem Bild aber zugute kommt. Die genaue Planung Dürers, die Durchbildung der Form mangelt ihm. Durch Spontanität und einem groß angelegten Rhythmus macht er dies Manko wett.