Der Koch und seine Frau

Manches Rätsel der dürerischen Bilder ließe sich vielleicht durch die Auffindung einer zugrunde liegenden Geschichte lösen. Für Dürers Meerwunder – das Blatt sieht wie die Illustration einer konkreten Sage aus – ist dies allerdings nicht gelungen, so dass man vermuten muss, dass es keine literarische Vorlage dazu gibt. Anders liegt der Fall bei dem kleinen Kupferstich Der Koch und seine Frau, für den die textliche Grundlage ausgemacht werden konnte.

 

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Albrecht Dürer, Der Koch und seine Frau, Kupferstich, um 1496

 

Auf dem ersten Blick scheint der Stich ein einfaches Genrebild zu sein: Ein Koch mit seinen Utensilien. Durch seine Arbeit hat er sich einen Wanst angefressen. Seine Tätigkeit wirft offensichtlich genug ab, damit er für eine deutlich schönere Frau als Ehemann interessant ist.

 

Bei genauerem Hinschauen entsteht eine Irritation: Ein Vogel gibt dem Betrachter Rätsel auf. Das Tier ist auf seltsame Weise zwischen die Köpfe des Ehepaares gesetzt – eine Verbindung von ihrem Kopf zu seinem Ohr. Die Frau schaut den Betrachter an, als ob sie in ihm den Mitwisser eines Geheimnisses sieht, von dem ihr Mann keine Kenntnis haben soll. Durch den Vogel findet jedoch gerade dieser Gedankentransfer statt.

 

Die Geschichte dazu wurde im Ritter vom Turn aufgefunden. Dies ist eine Sammlung von Erzählungen, die besagter Ritter zur Belehrung seiner Töchter zusammengestellt hat. Die deutsche Ausgabe des ursprünglich französischen Textes wurde mit Holzschnitten versehen, Holzschnitte, die dem jungen Dürer zugeschrieben werden (diese Zuschreibung ist allerdings nicht gesichert). Dürer kannte diesen Text also wohl gut.

 

Der Bogen spannt sich von recht grausamen Geschichten – wenn etwa einer ehebrecherischen Frau die Beine gebrochen werden – bis hin zu harmlos moralisierenden und amüsanten Erzählungen.

 

Komisch ist z. B. die Geschichte von der Frau des Schultheißen (ein Beamter) und dem Einsiedler: Die Frau bittet den in Lust entbrannten Einsiedler, sich zunächst zu waschen, und berechnet dabei sehr wohl, dass das eiskalte Wasser seine Begierde abkühlen wird!

 

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„Wie der Einsiedler bei des Schultheißen Weib in ihrem Bett lag und die Frau ihn überredet (…) sich in einen Bottich mit kaltem Wasser zu setzen“, Holzschnitt, dem jungen Dürer zugeschrieben

 

Zum Typus der amüsanten Geschichten gehört auch die Begebenheit mit dem Koch und seiner Frau, die Dürer zwar nicht in den Holzschnitten behandelt hat, die ihm aber später wert erschien, in Kupfer gestochen zu werden:

 

Eyn schleckerig weib frißt ihrem man den ol / Ein naschhaftes Weib frißt ihrem Mann den Aal (weg)

 

In Abwesenheit ihres Mannes verspeist die Frau zusammen mit ihrer Gevatterin (Patin) einen Aal, der für besondere Gäste vorgesehen war. Ihrem Mann erzählt sie, dass ein Otter sich den Aal aus dem Trog geholt hat. Jedoch besitzt die Frau eine sprechende Elster, die dem Mann den wahren Hergang verrät.

 

Soweit ist es eine Geschichte, die vor der Naschhaftigkeit und der Lügnerei der Ehefrau warnt, und soweit hat Dürer die Begebenheit visuell umgesetzt. Für die Elster hat die Sache jedoch ein Nachspiel:

 

Aus Rache rupft die Frau ihr die Kopffedern aus. Fortan schreit die Elster bei jedem glatzköpfigen Mann, den sie sieht, überlaut: „Du hast auch von dem Aal gesagt!“ Sie glaubt also, jeder ohne Kopfhaare wurde fürs Petzen bestraft. Somit gibt die Geschichte noch eine zweite Lehre: dass es dem Denunzianten übel ergehen kann.

 

monogrammist-s-kopie-nach-duererDer Bezug des Kupferstichs zum Ritter vom Turn war auch zur Dürerzeit nicht allgemein bekannt.

 

Auf einer freien Kopie des Bildes durch den Monogrammisten S zwitschert die Elster fälschlicherweise der Frau ins Ohr, nicht dem Mann.

 

Der Kopist hat die Szene, die er Dürers Blatt nachempfunden hat, also bereits nicht richtig verstanden.

 

In dieser Weise sind für uns manche Motive Dürers zu Bilderrätseln geworden, die den Menschen in seinem direkten Umfeld vermutlich „klar wie Kloßbrühe“ waren.

 

(Dieses Sprichwort soll sich übrigens im Ursprung nicht ironischerweise auf gekochte Klöße bezogen haben, deren Brühe stets trüb ist, sondern auf die Brühe im Kloster zur Fastenzeit – Klosterbrühe –, die in der Tat besonders dünn und daher klar war.)

 

Der sprechende Blick der Frau auf Dürers Stich lässt jedoch ein schwerwiegenderes Vergehen der Frau vermuten, als dass sie sich an den Vorräten vergriffen hat. Der Aal ist vielleicht als Symbol für etwas anderes zu sehen, zumal in einem Buch wie dem Ritter vom Turn, in dem es oft um Verstöße gegen das 6. Gebot geht.

 

In einer überarbeiteten Ausgabe – die allerdings erst 1538, also nach Dürers Tod erschienen ist – gibt es im Ritter vom Turn denn auch folgende Variante zur Geschichte:

 

Die Frau eines Bürgers hat einen jungen Liebhaber. Dieses Verhältnis verrät die Elster dem Mann und der schilt seine Frau dafür aus. Als sie nun das nächste Mal ihren Buhlen empfängt, geht sie anschließend mit ihrer Magd auf das Dach des Hauses. Sie machen ein Loch über der Voliere und kippen Wasser, kleine Steine und Gries herab. Die Elster erzählt dem heimkehrenden Mann, dass seine Frau wieder fremdgegangen ist und dass es in der Nacht gehagelt hat. Da aber schönes Wetter war, glaubt der Mann, dass die Elster lügt und dreht ihr den Hals um. Dann entdeckt er das Loch in der Decke und auf dem Dach die Eimer mit Wasser und Gries. Nun wird ihm klar, dass er dem Vogel unrecht tat. Von seiner Frau enttäuscht, verkauft er sein Hab und Gut, und reist in das heilige Land, um nie wieder zurückzukehren.