Der Spaziergang

Der Spaziergang ist ein früher Kupferstich Dürers (um 1496/98). Für das Motiv hat Dürer vermutlich auf eine noch frühere Zeichnung zurückgegriffen, die ein junges spazierendes Paar zeigt (evtl. ein Selbstbild des Künstlers mit seiner zukünftigen Frau Agnes). Diese autobiografischen Züge – sofern sie denn in der Zeichnung vorhanden sind – wurden im Kupferstich getilgt, zugunsten einer allgemeineren Aussage.

 

albrecht-duerer-der-spaziergang

HOCHAUFGELÖST

 

Zunächst stellt sich das Motiv dem Betrachter als recht alltägliche galante Szene dar, freilich mit lauerndem Tod im Hintergrund – die bei Dürer allgegenwärtige Vergänglichkeit, mal als Totenkopf aus seinen Bildern uns anschauend, mal durch den rinnenden Sand einer Stundenuhr symbolisiert. Hier wird die Uhr von einem überraschend schmächtigen Leichnam auf dem Kopf gehalten.

 

Schnell wird der Betrachter gewahr, dass dem Bild eine unfrohe, zum Liebesmotiv nicht passende Stimmung anhaftet, an der nicht nur der unwillkommene Gast hinter dem Baum schuld ist. Das Gesicht des Mannes wirkt seltsam leer, seine Haltung wie eine gekünstelte Pose. Die Mine der Dame bleibt gegenüber seinem Liebeswerben seltsam unbeteiligt, um nicht zu sagen verschlossen. Sie weigert sich nicht, mit ihm voranzuschreiten, hält ihre Hände aber demonstrativ passiv gekreuzt. Mit dieser Figur gelingt dem jungen Dürer eine sehr reizvolle, extravagante Silhouette:

 

 

Der Landschaftshintergrund, so schwant es dem aufmerksamen Betrachter nun, ist kein Schnappschuss in der Natur, sondern hat symbolischen Gehalt. Schon hier zeigt sich Dürers Vorliebe für das Rätselhafte, wie bei den 4 Hexen oder der Melencolia I. Es ist das seltsam verhaltene Gebaren der Figuren – ähnlich wie bei Tarotkartenmotiven –, das Dürers Bilder oft hintergründig wirken lässt.

 

Der Mann weist der Frau den Weg, uns aber gleichzeitig auf eine große Pflanze hin, die im Gegensatz zu den sonstigen Gräsern auffällig detailreich – wie für ein Naturkundebuch – gestaltet ist. Möglicherweise eine Hirsestaude. Man hat diese Staude mit einem Text der Bibel in Verbindung gebracht. Denn alles Fleisch ist wie Gras … (1. Petrus 1, 24) Demnach wäre also auch diese Pflanze ein Hinweis auf die Vergänglichkeit, eine Doppelung der Aussage durch den personifizierten Tod rechts?

 

Eine andere mögliche Interpretation ist, dass die hochgeschossene Staude das Begehren des jungen Mannes symbolisiert, das schon bald verdorren, also sich anderen Objekten der Begierde zuwenden wird. Dann wäre der Frau der Baum zugeordnet – für eine größere Beständigkeit in Liebesdingen? Der Baum lässt den Betrachter auch an Eva und den Baum der Erkenntnis denken.

 

Durch Evas Sündenfall musste der Mensch das Paradies verlassen und fiel dem Tod (der nun hier hinter dem Baum lauert) anheim. So jedenfalls dachten die Menschen der Dürerzeit und stellten der Frau, Gebärerin des Lebens, gern den Tod an die Seite.

 

duerer-frau-mit-tod-als-schleppentraegerIn einer ganz ähnlichen Komposition, die Figur auch im Profil, die Armhaltung gleich, lässt Dürer einer Frau den Tod als Schleppenträger folgen.

 

Man hat im gewundenen Stamm auf dem Kupferstich eine Assoziation zur Schlange am Baum der Erkenntnis sehen wollen. Allerdings gibt es auch in der fast zeitgleich entstandenen Apokalypse einen in sich verdrehten Baumstamm. (Dort auf dem Blatt Johannes verschlingt das Buch – Bild 10, oben am Stamm) Es handelt sich hier also vielleicht nur um einen von Dürer geschätzten visuellen Reiz.

 

Der Baum auf diesem Kupferstich läuft oben übrigens skizzenhaft aus. Ein solches ‚non-finito‘ ist für Dürer absolut ungewöhnlich und in seinem Spätwerk nicht mehr zu finden.

 

Erst auf dem zweiten Blick fällt auf, dass der Mann sein Schwert falsch trägt: Nicht an der Seite, sondern vorn, direkt an der Schamkapsel. Es würde bei jedem Schritt an seine Beine schlagen. Unwahrscheinlich, dass dem Künstler hier ein Fehler unterlaufen ist. Er will dem Betrachter sicherlich einen augenzwinkernden Hinweis geben, dass dieser Mann seine Männlichkeit durch das lange Schwert aufwertet – so, wie es heutzutage mancher durch ein protziges Auto macht.

 

Deutlich wird das Imponiergehabe des geckenhaften Mannes auch durch die übergroße Feder am Barett dargestellt. Ihr antwortet als Form die sehr ausladende Haube der Frau, die ihrem strengem Profil im Zusammenklang mit der verschlossenen Mine eine komische Wirkung gibt. Die Haube zeigt an, dass diese Frau verheiratet ist, – und hier wohl mit ihrem Geliebten auf sündhaften Pfaden wandelt. Ein Treiben, das sie eigentümlich verdrossen bleiben lässt, und das durch das baldig zu erwartende Desinteresse des Mannes und schließlich durch den Tod ein schnelles Ende finden wird.