Der Traum des Doktors

Dürers und Cranachs Venus

 

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ – Dies hätte (wie Goethes Faust) auch Albrecht Dürer um 1497/98 sagen können: Parallel zu den herben und gotisch anmutenden Bildern der Apokalypse entstanden Kupferstiche, die von Dürers intensiven Auseinandersetzung mit der italienischen Renaissance und ihren Konstruktionen des menschlichen Körpers zeugen. Im Traum des Doktors posiert denn auch eine nackte Venus hübsch artig im Kontrapost mit Standbein und Spielbein.

 

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HOCHAUFGELÖST

 

So viel Nacktheit musste nördlich der Alpen gerechtfertigt werden, und so gestaltet Dürer im Hintergrund eine Versuchungsszene, zaubert einen seiner unverwechselbaren Faltenwürfe und beschwört einen Dämon aus der Tiefe: Ein Teufel bläst dem Doktor im spätgotisch zerknittertem Gewande, der am Ofen eingeschlafenen ist – Müßiggang ist aller Laster Anfang –, die sündhafte Vision ein.

 

Im Vordergrund versucht Amor, auf Stelzen zu gehen, sich also größer zu machen als er ist. Ist das ein Hinweis, dass der Teufel und die Venus die Kraft der Liebe überschätzen und bei diesem Doktor nicht viel ausrichten können?

 

Bei genauerem Hinsehen scheint Frau Venus den Schlafenden allerdings gar nicht verführen zu wollen, jedenfalls nicht zur Fleischeslust. Man könnte meinen, sie wolle ihm etwas zu verstehen geben. Mit rätselhafter Geste, von der Körpersprache her halb zeigend, halb erklärend, weist sie auf den Ofen. Der letzte Sinn der Zeichnung bleibt verschlossen wie die Kiste, die so auffällig rechts im Hintergrund platziert ist.

 

Auffällig nüchtern stellt Dürer die Venus dar. Fleisch auf einem Knochengerüst. Die von den Italienern abgeguckten Konstruktionsmethoden haben den Künstler so fasziniert, dass die Erotik durch das Studium der Anatomie verloren ging. Und doch hat später Lukas Cranach – vermutlich – den Traum des Doktors als Musterblatt für seine sehr sinnliche und berühmte Venusdarstellung benutzt:

 

 

Lukas Cranach der Ältere: Venus (1532)

 

In fast identischer Pose stellt Lukas Cranach seine Venus dar. Der Zeigegestus entfällt. Das scharfgratige Tuch, das bei Dürer die Scham der Venus verdeckt, wird zum durchsichtigen Schleier. Ein Hauch, der mehr hervorhebt als verhüllt. Die Kopfbedeckung der Venus unterstreicht ihre Nacktheit noch. Geheimnisvolle Mandelaugen richten sich auf den Betrachter.

 

Dürer und Cranach erweisen sich hier als Antipoden. Während Dürer nach einer anatomisch korrekten Abbildung des Körpers strebt, schafft Cranach mit pikantem Formgefühl eine grazile, aber unrealistische Kontur der Venus, macht ihren Leib zum erotischen Schnörkel.

 

Dürer war der Ansicht, dass Schönheit „aus viel Stücken geklaubt“ werden kann. „Aus viel schöner Menschen, mag etwas Guts gemacht werden“, schreibt er. Dahinter steht der Gedanke, dass der Durchschnitt aus vielen schönen Menschen ein Idealmaß ergeben müsste. Seltsam mutet dieser Satz aus dem Munde eines Meisters an, dessen Markenzeichen vor allem knorrige Formen sind. Diese Haltung birgt die Gefahr, allzu glatte Werke zu schaffen. Doch davor schützte ihn glücklicherweise sein Gefühl für Details.

 

Dürer gewinnt seinen persönlichen Stil durch seine ehrfurchtsvolle Vertiefung in kleinteilige Formen. Ihnen spürt er nach, auch im Traum des Doktors. Nichts ist ihm zu gering, dass es nicht mit Fleiß abgebildet werden sollte: Die Gewandfalten, die Haarsträhnen der Venus, die fachgerechte Verarbeitung der Kiste, der schmiedeeiserne verzierte Griff, ja, selbst zwei getrocknete Früchte an Ofen, winzig klein, werden der Darstellung für wert befunden.

 

Lukas Cranach geht einen anderen Weg. Er reduziert und glättet, bildet die Natur nicht ab, sondern erschafft einen Typus, einen kapriziösen Stil. Mit seinem eigentümlichen Humor ist er beinahe schon ein Vorläufer oder Seelenverwandter von Spitzweg und Wilhelm Busch.