Die Buße des Hl. Chrysostomus

Chrysostomus heißt „Goldmund“. Als Student hatte Johannes Chrysostomus eine Marienstatue geküsst. Seither waren seine Lippen golden. So die Legende. Vielleicht wurde ihm der Beiname Goldmund aber auch aufgrund seiner Rednergabe verliehen.

 

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Albrecht Dürer: Die Buße des Hl. Chrysostomus, Kupferstich, um 1496/97

 

Auf Dürers Stich ist eine andere, weniger bekannte Legende aus dem Leben des Heiligen dargestellt: Chrysostomus lebt als Eremit in der Wüste. Die Tochter des Kaisers verirrt sich in diese Einöde und wird durch einen Sturm bis vor seine Höhle getragen. Sie bittet den Heiligen, sie vor den wilden Tieren zu schützen.

 

Chrysostomus nimmt sie auf. Er teilt seine Höhle durch eine Markierung in zwei Hälften. Doch schließlich erwacht in ihm selbst ein wildes Tier. Er überschreitet die Markierung und vergeht sich an der Frau. Zur Buße beschließt er, fortan auf allen Vieren zu laufen wie ein Tier.

 

In einer Variante der Legende stößt er die Frau nach der Tat in einen Abgrund (nach anderer Textfassung in einen Brunnen).

 

Jahre später bekommt die Kaiserin ein weiteres Kind. Dieser Sohn will sich nur vom Hl. Chrysostomus taufen lassen. Jäger werden ausgeschickt, den Heiligen zu suchen, finden aber nur ein grauenhaftes Tier, das sie an den Hof bringen. Der Sohn des Kaisers erkennt in diesem Tier jedoch den Heiligen und der erhebt sich aus dem Vierfüßerstand. Um das Happy-End vollkommen zu machen, wird nun auch noch die Tochter des Kaisers in der Wüste aufgefunden. Sie hatte den Sturz überlebt.

 

Soweit die Legende. Dürer nutzt sie, um einen Akt in italienischer Manier zu präsentieren, der neueste Schrei in der damaligen Kunst. Der Heilige auf allen Vieren, ganz klein links im Hintergrund zu sehen, scheint dafür nur ein Vorwand zu sein. Und damit macht Dürer Schule, wie wir noch sehen werden.

 

Die stillende Frau auf dem Stich wird unterschiedlich interpretiert. Nach der einen Auffassung ist sie die Tochter des Kaisers, die von Chrysostomus ein Kind empfangen und geboren hat. Demnach hätte sich Dürer an eine Legendenversion gehalten, in der der Heilige die Frau nicht in einen Abgrund stürzt, und die Erzählung nach eigenem Ermessen erweitert: Denn von einer Schwangerschaft berichtet die Legende nichts.

 

Deshalb soll nach anderer Auffassung der Säugling der Knabe sein, der sich nur von Chrysostomus taufen lassen will – die Frau wäre somit also die Kaiserin. Dass aber die Kaiserin (oder eine Amme des kaiserlichen Hofes) sich in die Einöde begibt, um dort den Sohn des Kaisers zu stillen – auch noch nackend –, erscheint doch mit der Legende kaum kompatibel.

 

Der frühe Stich Dürers bietet die Pflicht und die Kür. Die Pflicht: Der Heilige, bzw. seine Legende zur moralischen Erbauung des Betrachters. Die Kür: Der weibliche Akt, das neue Thema der Kunst an der Schwelle zur Neuzeit. Wirklich dürerisch ist jedoch die Kulisse. Hier lässt sich der Künstler gehen und formt in seiner persönlichen Strichführung einen übertrieben verklumpten Felsen, der schon auf spätere Meisterwerke verweist: Ein schroffer Felsen, hinter dem eine Burg zum Vorschein kommt. Wer würde hierbei nicht an Ritter, Tod und Teufel denken. Die oben eingeklemmte Platte aus Gestein erinnert außerdem entfernt an das wunderbar bizarre Felsengebilde auf der Eisenradierung Die Entführung auf dem Einhorn (rechts).

 

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Wie schon erwähnt, macht Dürers Kompositionsidee, den Heiligen in den Hintergrund zu drängen, Schule. Hans Sebald Beham greift den Gedanken auf. Sein Interesse gilt der Rückfront der Frau. Immerhin wird durch diesen Stich deutlich, dass Beham, der Zeitgenosse Dürers, in der Frau auf Dürers Stich die Tochter des Kaisers und ihr in Sünde gezeugtes Kind gesehen hat, nicht die Kaiserin mit ihrem neugeborenen Sohn. Letztere wird wohl kaum ein Betrachter in diesem Rückenakt erkennen wollen.

 

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Hans Sebald Beham: Die Buße des Hl. Chrysostomus, Kupferstich

 

Was die kleine Abbildungsgröße des Heiligen angeht, legt Lucas Cranach noch einen drauf: Seine gemalte Tafel ist zwar sehr viel züchtiger (die Prinzessin ist angekleidet), verblüfft aber durch ein Detail, das den meisten Betrachtern entgehen wird. Man muss es vor dem Original mit der Lupe suchen. Ein grandioser Scherz des Malers. In den dichten Waldhintergrund (von wegen Wüste) hat Cranach einen ganz winzigen Chrysostomus hingepinselt.

 

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Lucas Cranach: Die Buße des Hl. Chrysostomus, Gemälde (Links ein Detail)

 

Dass das eigentliche Motiv, der auf allen Vieren kriechende Heilige, so stiefmütterlich behandelt wird, überrascht etwas. Haben sich die Künstler dieser Epoche doch sonst gern mit den verschwimmenden Grenzen zwischen Mensch und Tier beschäftigt:
siehe Tiermenschen und Wilde Männer