Drei Bauern im Gespräch

Auch im kleinen Format zeigt sich Dürer groß – als Rätselmeister. Hinter einem scheinbar harmlosen Sujet werfen sich jäh Fragen auf, die zu immer neuen Fragen führen, selten zu einer Gewissheit. So auch bei dem kleinen Kupferstich Drei Bauern im Gespräch.

 

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Albrecht Dürer, Drei Bauern im Gespräch, Kupferstich, um 1497

 

Vordergründig sieht es nach einer ganz alltäglichen Szene aus. Drei Bauern haben sich zu einer Plauderei zusammengefunden. Der Fall liegt ganz ähnlich wie bei Dürers Vier nackten Frauen: eine gewöhnliche Badehausszene scheinbar. Dann entdeckt der Betrachter am Boden menschliche Gebeine – und die Szene wird ihm zu Recht suspekt.

 

Bei den Drei Bauern ist der Casus knacksus für den heutigen Betrachter schwieriger zu erkennen. Bauern durften damals kein Schwert mit sich führen. Und hatten sicherlich auch keins; auch kein Geld über, ein solches zu kaufen. Die Scheide des Schwerts ist geborsten, der Bauer hat offensichtlich nicht die Mittel, sie zu ersetzen. Hat er an einer Wegelagerei teilgenommen und die Waffe dabei erbeutet? Auch das Tragen von Sporen (siehe den Bauern rechts) soll den höheren Ständen vorbehalten gewesen sein. Diese Männer verhalten sich also gesetzeswidrig. (Allerdings ist dies mit Vorsicht zu genießen: Auch Dürers Dudelsackpfeifer von 1514 trägt ein Schwert. Vielleicht hat man damals Verstöße gegen diese Verordnung gar nicht so streng geahndet.)

 

Das Messer, das der Bauer rechts an seinem Gürtel trägt, ist groß genug, um als Waffe zu dienen. Der Mann in der Mitte greift unter sein Wams. Was wird er hervorziehen? Geld? Eine Botschaft? Eine Waffe?

 

1525 rotteten sich die Bauern tatsächlich zusammen, um ihrer Unterdrückung ein Ende zu setzen. Der Bauernkrieg brach aus. In diesem Zusammenhang wird der Stich gelegentlich auch als Vorahnung der Aufstände angesehen und als „Rütlischwur der Bauern“ bezeichnet. (Rütlischwur: Die Verschwörung der Schweizer 1307 gegen die Vögte der Habsburger.)

 

Doch damit sind die Rätsel des Stichs noch nicht ausgeräumt: Mit der Bezeichnung „Drei Bauern“ übergeht man salopp eine Schwierigkeit, die einen in die höchste Verlegenheit stürzt. Der Mann in der Mitte ist nämlich kein Bauer, sondern ein Osmane. Spätestens seit die Türken 1453 Konstantinopel eingenommen hatten, grassierte in Europa die Angst vor ihren Heerscharen.

 

Gewiss hat sich kein deutscher Bauer der Zeit so gekleidet, dass er für einen Osmanen gehalten werden konnte. Dürer stellt Muslime immer ganz bewusst dar – wenn auch geschichtlich grundfalsch … und dies aus propagandistischer Absicht: So bildet er den römischen Kaiser Domitian (51 – 96 n. Chr., Kaiser ab 81 n. Chr.), der den Apostel Johannes der Legende nach in einen Topf voll siedendes Öl stecken ließ, als Osmanen ab. Johannes hat es übrigens unbeschadet überlebt, obwohl ihn ein Folterknecht auf Dürers Holzschnitt (siehe: Vorsatzblatt zur Apokalypse) fleißig mit heißem Öl übergießt wie einen Braten. Auch Pilatus trägt auf verschiedenen Bildern Dürers einen Turban.

 

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Albrecht Dürer, Ecce Homo aus der großen Passion, Detail (Christus und Pilatus), Holzschnitt, um 1497/98, und Die Türkenfamilie, Kupferstich um 1496/97

 

Unchristliche Herrscher wie Pilatus oder Domitian kennzeichnet Dürer also historisch unpassend durch einen Turban. Eine solch haarsträubende Geschichtsmanipulation mag man ihm aber nachsehen, denn die dahinterstehenden Sorgen waren nicht unberechtigt: Die Heere der Osmanen rückten an. 1529, ein Jahr nach Dürers Tod, belagerten sie sogar Wien.

 

Mitunter gelingt Dürer auch ein neutralerer Blick auf die osmanische Kultur. Sein Stich Die Türkenfamilie zeugt für ein Interesse an exotischen Szenen – aus Sicht eines Nürnbergers um 1500 versteht sich. Dass die Frauen der Osmanen oben ohne gingen, darf man allerdings wohl bezweifeln.

 

Grafisch verblüffend ist hier übrigens, dass der Bogen des Mannes seinen Umhang „durchsticht“ (sofern man nicht davon ausgeht, dass der Umhang hinten geschlitzt ist). Dürer hat sich beim Zeichnen vertan: Der Bogen würde den Umhang hochdrücken, der dann recht unförmig wirken würde. Das ist dem großen Meister zu spät aufgegangen – und da schummelt er einfach, statt den Stich mühsam zu korrigieren. So geht es eben auch. Auf dem ersten Blick fällt es gar nicht auf.

 

Was aber hat nun der Türke auf dem Stich Drei Bauern im Gespräch mit den beiden Bauern zu schaffen? Die Szene verlockt dazu, sich vorzustellen, dass er zu einer Vorhut der Osmanen gehört und mit den unzufriedenen, gewaltbereiten Bauern konspiriert. Dies bleibt jedoch reine Spekulation. Da sich Dürer zu dem Stich nicht geäußert hat, wird das Bild sein Geheimnis wohl niemals preisgeben.

 

Erwähnenswert ist noch, dass Dürer Bauern auch auf anderen kleinen Kupferstichen dargestellt hat:

 

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Albrecht Dürer, Tanzendes Bauernpaar, 1514 und Der Marktbauer und seine Frau, 1519, Kupferstiche

 

duerer-tanzendes-bauernpaar-detailsBei dem tanzenden Bauerpaar steht die Ausgelassenheit ländlicher Feste im Vordergrund. Dennoch gibt es auch hier einen kleinen Kontrapunkt. Die Bäuerin blickt bedeutungsvoll lächelnd zum Betrachter und greift an ihren Schlüsselbund. Mag der Mann beim Tanz auch führen, die Frau hat die Schlüsselgewalt! Vielleicht rührt die Hand aber doch eher an das dort ebenfalls hängende Messer? Auch ihr Mann trägt ein kurzes Schwert – Dürer hat es gut zwischen der flatternden Kleidung in den Schattenschraffuren versteckt. Der „Dritte Stand“ war um 1514 offensichtlich jederzeit zum Kampf gerüstet und möglicherweise liegt im Blick der Frau auch eine Drohung.

 

Auch auf dem zweiten Blatt – Der Marktbauer und seine Frau – kommt der Frau eine gewichtige Rolle zu: Zwar ist sie durch die Komposition in den Hintergrund gerückt, aber ihrem verschmitzten Gesicht ist abzulesen, dass sie es ist, nicht ihr Mann, die über Bauernschläue verfügt. Sie lenkt das Geschick des Bauernhofes sicherlich mehr, als ihr etwas tumb blickender Gatte sich das vorstellt.