Eine Ehrenpforte für den Kaiser Maximilian

Im Jahr 1512 erhielt Dürer den Auftrag, an der Ehrenpforte für Kaiser Maximilian mitzuarbeiten, einem riesigen Holzschnitt, zusammengesetzt aus beinahe 200 einzelnen Holzschnitten. Anstelle eines realen Bauwerks ein gedruckter Triumphbogen – das ist doch mal ein origineller, Mühen und Kosten sparender Gedanke, der dem gekrönten Haupte Maximilians entsprang. Für Dürers Fans ist dieser monströse Holzschnitt allerdings ein eher schwerverdauliches Werk, heute wie früher.

 

 

Zunächst beklagte man daher, dass Dürer für diese Ehrenpforte vermutlich Vorgaben bekommen hatte, also nicht frei in der Gestaltung war. Dann fanden Kunsthistoriker heraus, dass der Entwurf höchstwahrscheinlich vom Innsbrucker Maler Jörg Kölderer stammt. Puh! Erleichterung. Also ist Dürer für dieses Werk von zweifelhaftem Geschmack nicht verantwortlich zu machen.

 

In der Geschichte ist es oft vorgekommen, dass aus Aufträgen große Kunstwerke hervorgegangen sind.

 

Diese Ehrenpforte ist jedoch lediglich ein kunsthandwerkliche Lohnarbeit. (Angeblich bekam Dürer für die Arbeit kein Honorar. Dafür aber pauschal ab 1515 jährlich 100 Gulden vom Kaiser.) In den Werkkatalogen Dürers wird die Ehrenpforte zu Recht nur beiläufig erwähnt.

 

Dennoch darf man wohl davon ausgehen, dass die Gestaltung – wenn auch in einigen Teilen vorgegeben – Dürers Beifall gefunden hat. Sie entspricht seinem und dem Geschmack seiner Zeit. Insofern lohnt sich ein Blick auf das Werk, ein Paradebeispiel für den Stil der Spätgotik.

 

Einer Gotik, die eigentlich keine mehr sein will, die wähnt, „antik“ zu sein. In der Tat entdeckt man unter dem Zierrat antikisierende Formen, bzw. das, was die Künstler nördlich der Alpen dafür gehalten haben.

 

Aber wie Dornröschens Schloss von einer Dornenhecke überwachsen wird, so werden diese aus der italienischen Renaissance entlehnten Formen überwuchert von kleinteiligem Bauschmuck, dessen Herkunft im gotischen Strebewerk zu finden ist.

 

Nun möchte man gern mit Schopenhauer ausrufen: „Alles Entbehrliche wirkt nachteilig.“ Und: „Deshalb … hat man (sich) … in der Baukunst vor der Überladung mit Zierraten … zu hüten, also sich eines keuschen Stiles zu befleißigen.“

 

Der alte Schopenhauer formuliert hier eine Regel, die grundsätzlich schon zu beherzigen ist – allerdings eine Regel des „klassischen“ bzw. klassizistischen Geschmacks. Die Spätgotik ist gerade durch den gegenteiligen Geschmack charakterisiert. (Schopenhauer hat seine Sätze allerdings auch gar nicht mit Blick auf diese Epoche formuliert.)

 

Eines keuschen Stils wollten sich die Künstler der Dürerzeit keineswegs befleißigen – ganz und gar nicht. Eher schwelgen. Insofern ist ihr üppiger Bauschmuck eben auch nicht entbehrlich, sondern sogar das „Eigentliche“ an der Sache, die überwucherten Bauformen sind dagegen nur ein gleichgültiges Gerüst.

 

Der Vorwurf – wenn man denn einen formulieren will – kann nur lauten, dass die Künstler eine im Grunde unpassende und unverstandene Architektur als Klettergerüst für ihre rankenden, sprießenden Phantasien benutzten.

 

Dürer verfährt bei der Ehrenpforte wie bei seinen anderen Werken: Er wollte italienische, „antike“ Kompositionen schaffen und stopfte doch seine Bilder mit Figuren und Details voll, konnte kein Ende finden, musste jeder Form noch ein paar Zacken hinzufügen, sie ausfransen, sie winden, verknoten, verschachteln – ganz gegen den Geist der italienischen Renaissance … aber zum Glück für seine Kunst, die dadurch erst unverwechselbar dürerisch wurde.

 

Hier lohnt sich ein Ausflug in eine andere Kunst und eine andere Zeit, um eine eigenwillige Formulierung zu gewinnen: Der Stardirigent des 19. Jahrhunderts, Hans von Bülow, kritisierte einst Nietzsches ambitionierte, aber dilettantische Klavierkompositionen in recht witziger Weise, indem er schrieb, Nietzsche habe Notzucht an Euterpe (der Muse der Musik) getrieben. In Anlehnung daran könnte man sagen, dass Dürer und die Künstler in seinem Umfeld Notzucht an der Muse der Architektur getrieben haben – sofern der Geschmack dieser Dame denn Ausgewogenheit und Harmonie ist. Dass dieses Frauenzimmer von Zeit zu Zeit ihre exaltierten Phasen hat und hierbei Sehenswertes gebiert, beweisen die Epochen Gotik und Barock.

 

Auf der Ehrenpforte wuchert und wimmelt es jedenfalls gewaltig. Hunde knurren sich an, grimmig dreinblickende Vögel stelzen vorbei, zwei Riesen halten eine Girlande, Harpyien und Greife zieren die Säulen, Erbsenschoten platzen auf, riesige Schnecken kriechen herum … Aus einiger Entfernung besehen könnte einem ganz kribbelig werden angesichts dieses mit Schmuck und Figuren überkrusteten Bauwerks.

 

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Großen Triumphwagen, einer weiteren dekorativen Arbeit Dürers für Kaiser Maximilian. Jeder Platz ist belegt. Auch auf den Rädern fahren Kreaturen mit: Eine Chimäre kriecht zu einem Adler mit übergroßem Kopf empor.

 

Die spätgotische Kunst ist vom Horror vacui ergriffen, der Scheu vor der Leere. (Nebenbei erwähnt: Ein besonders interessanter Künstler der Spätgotik ist der Holzbildhauer Meister HL, dessen Reliefs Paradebeispiele für die Scheu vor leeren Flächen sind.)

 

Die Üppigkeit der Ehrenpforte kommt als Baustil nur auf Bildern vor. Und doch gibt es für diese Verspieltheit auch Beispiele realer Architektur – soweit der Werkstoff Stein das zulässt: Man sehe sich die Bückeburger Stadtkirche an, 1611 – 1615 errichtet. Deren Fassade wirkt mehr wie die Frontseite eines kostbaren Schreins als wie die eines Gebäudes.

 

 

Ein Meister, der ähnliche architektonische Kapriolen schlägt wie Dürer, ist Albrecht Altdorfer. Dass er unbekümmert mit den Bauformen umgeht, ist an vielen seiner Bilder zu sehen. Die Dornenkrönung Christi findet bei ihm nicht in einem Verlies oder Folterkeller statt, sondern in einer Phantasie-Palast-Architektur. Und die Handwaschung des Pilatus – eines Repräsentanten der weltlichen Macht, der römischen – ausgerechnet in einem gotischen Kirchenschiff!

 

 

Altdorfers skurrilste und üppigste Architektur und sein Meisterwerk in diesem Bereich ist aber die Susanna im Bade (auch als Susanna und die beiden Alten bezeichnet). Die dargestellte Geschichte ist, dass zwei Älteste, die das Richteramt inne haben, die badende Susanna beobachten und sich ihr mit eindeutigen Absichten nähern. Abgewiesen, behaupten sie aus Rache, die verheiratete Susanna mit einem Liebhaber gesehen zu haben. Der junge Daniel (der spätere Prophet) verhört sie separat. Sie verwickeln sich in Widersprüche und werden zum Tode verurteilt.

 

 

Zahlreiche Künstler nahmen sich des Sujets an. Nicht zuletzt, weil es einen Anlass zur Aktdarstellung bot. Da wirkt es fast putzig, dass Altdorfer, obwohl sonst in erotischen Dingen nicht zimperlich (man denke an seine deftige Darstellung von Lot und seinen Töchtern, zu sehen unter Weiberlist und Weibermacht), die Susanna lediglich ein Fußbad nehmen lässt.

 

Altdorfers Bild vereinigt zeitlich hintereinander liegende Geschehnisse: Neben dem Baum mit der Signatur kann man die im Buschwerk versteckten Alten entdecken. Auf der Terrasse des Palastes werden sie gesteinigt. Der Palast soll sicherlich das Haus von Susannas Ehemann darstellen, der nach der biblischen Erzählung sehr reich und dessen Haus ein öffentlicher Versammlungsort war.

 

Laut der biblischen Erzählung liegt dieses Haus an einem Garten. Altdorfer pflanzt den prächtigen Palast, der doch eigentlich nur in einer Stadt stehen könnte, kurzerhand in die freie Natur, ein Umfeld, das die surreale Wirkung dieses Bauwerks noch verstärkt. Die brodelnde Wolkenkulisse, in schönen kalligrafischen Schnörkeln gemalt, erinnert an den Himmel auf Altdorfers Alexanderschlacht. Bei der Wiese im Vordergrund erweist sich der Maler ganz als ein Kind seiner Zeit: Minutiös bedeckt er die Fläche mit einzelnen Grashalmen und Blumen, statt die Pflanzen der Wiese summarisch zusammenzufassen. Eine naive, archaische Auffassung von Malerei, wie sie auch bei Altdorfers Zeitgenossen – und auch auf Gemälden von Albrecht Dürer – zu finden ist.

 

Inmitten dieser Kulisse prangt der ungewöhnliche Bau. Die einzelnen Bauelemente, Fenster, Simse, Brüstungen, kann man sich ohne Weiteres an italienischen Bauwerken der Renaissance vorstellen. Das Ganze in seiner Phantastik scheint aber einem Märchenbuch entsprungen.  Allein das Erdgeschoß, eine offene Halle aus Pfeilern und Rundbögen, ist bizarr und für ein reales Gebäude untauglich genug. In gewisser Weise überflügelt dieser Palast, an dem es keine kahlen Wandflächen gibt, die Ehrenpforte durch die malerische Wirkung noch.

 

Für das Bild hat Altdorfer eine Entwurfzeichnung angefertigt, die er nur mit geringen Veränderungen umgesetzt hat. Die Zeichnung besticht, wie bei Altdorfer oft, durch eine sehr lockere, sichere Strichführung. Erstaunlich ist, dass er so viele Details einzeichnet, anstatt sich zunächst durch Vereinfachung Klarheit über die Gesamtanlage des Gebäudekomplexes zu verschaffen. Offensichtlich hatte er diesen Palast fertig im Kopf und musste ihn nur noch zu Papier bringen. Das Bauwerk scheint einfach unter seinen Federstrichen auf dem Papier gewachsen zu sein.