Ercules

Ein früher Holzschnitt Dürers ist oben in einer kleinen Banderole mit „Ercules“ beschriftet und stellt eine Tat des Herkules dar. Das Werk ist möglicherweise der erste (?) altdeutsche Einblattholzschnitt mit einem Motiv aus der antiken griechisch-römischen Mythologie. Der Kunsthistoriker Panofsky nennt das Sujet deshalb denn auch „einen ausgesprochen humanistischen Vorwurf“. (Vorwurf hier im Sinne von Vorlage/Thema verwendet.)

Von edler Einfalt und stiller Größe, die Winckelmann in den Meisterwerken der griechischen Kunst auszumachen meinte, ist auf Dürers Holzschnitt allerdings nichts zu spüren. Vielmehr zeigt er einen eruptiven Ausbruch roher Gewalt.

Grafisch weist das Bild typische Schwächen eines Frühwerks auf: etwas schematisch wird das Motiv von Bäumen links und rechts gerahmt. Der linke Baum scheut sich, den Bildrand zu berühren. Die Figuren sind zwar halbwegs in eine ordnende Umrissform eingefügt, bilden aber trotzdem ein eher unübersichtliches Gewirr. Insofern würde das Bild wenig Interesse auf sich ziehen, wenn nicht eine der Figuren schon etwas von Dürers großem Werk, seiner Apokalypse, vorwegnehmen würde.

Doch davon weiter unten. Zunächst einmal wollen wir uns mit der Frage nach dem Motiv beschäftigen: Was stellt das Bild überhaupt dar? Welcher Lebensabschnitt des Helden wird gezeigt? Den unverwundbaren nemeischen Löwen hat Herkules noch nicht erwürgt (seine erste Arbeit für den König Eurystheus). Denn der Löwe ist ganz klein quicklebendig am Horizont zu sehen (rechts neben der zum Schutz erhobenen Frauenhand – hier wegen der Abbildungsgröße kaum zu erkennen). Deshalb trägt der Held auch noch nicht dessen Fell, sondern eines mit gespaltenen Hufen.

Meistens deuten Kunsthistoriker dies Bild als Herkules und Cacus, auch wenn der Augenschein dagegen spricht. Denn am Boden liegt nicht eine Figur (die dann der Riese Cacus wäre), sondern Herkules hat zwei Recken niedergestreckt. Panofsky behilft sich hier mit recht unwahrscheinlichen Hypothesen, dass Dürer in gewagter Auslegung eines lateinischen Textes den Cacus dupliziert hat. Die Frau im Hintergrund sei Cacus’ Schwester Caca, die ihren Bruder an Herkules verraten hat und deshalb von einer Furie traktiert wird. Wirklich überzeugend ist an dieser Deutung nichts.

Ein Kupferstich von Heinrich Aldegrever zeigt, um was es bei der Begebenheit mit Cacus geht: Herkules raubt die Rinder des Geryon, seine zehnte Arbeit für Eurystheus (der Löwe müsste also bereits tot sein) und treibt diese zum König. Bei einer Rast entwendet ihm Cacus zwei Rinder. Um von Herkules nicht als Dieb entlarvt werden zu können, zieht Cacus die Rinder am Schwanz rückwärts in seine Höhle, damit ihre Spuren in die andere Richtung zeigen. Aber eine brüllende Kuh weckt Herkules.

Aldegrevers Stich zeigt im Hintergrund, wie Cacus die Rinder zieht, im Vordergrund, wie er von Herkules erschlagen wird. Der Held setzt ihm dabei einen Fuß auf den Leib. Eine Pose, zu der Aldegrever sicherlich durch Dürers Holzschnitt inspiriert wurde. Diverse Kupferstiche der Zeit zeigen Herkules und Cacus, Herkules dabei oft in dieser Pose. Insofern hatte Dürers Bild Schule gemacht. Und von daher rührt es vermutlich, dass man rückbezüglich auch in Dürers schwer zu deutendes Motiv Herkules und Cacus sehen wollte.

Sehr viel aussichtsreicher ist eine andere (allerdings seltener zu hörende) Deutung der Szene: Das Bild stelle – behaupten manche Interpreten – die fast unbekannte Begebenheit Herkules tötet die Molioniden dar. Die Molioniden waren halbgöttliche Zwillinge namens Kteatos und Eurytos, die Herkules’ Bruder Iphikles töteten. Herkules lauerte ihnen auf und erschlug sie.

Immerhin wäre damit erklärt, warum zwei Recken am Boden liegen. Die Frau hinter ihnen ist nach dieser Interpretation die Mutter der beiden, Molione (vielleicht ein bisschen zu jung für die ausgewachsenen Krieger), die von einer Furie angetrieben wird, Rache zu nehmen. Danach sieht es allerdings nicht aus: Die Furie will die Frau erschlagen, nicht aufstacheln.

Auch diese Deutung krankt übrigens außerdem daran, dass der Löwe zu diesem Zeitpunkt bereits tot sein müsste. Warum sollte Dürer Herkules explizit ohne sein obligatorisches Löwenfell und den Löwen lebendig am Horizont darstellen, wenn nicht, um auf eine Begebenheit vor der ersten Arbeit hinzuweisen? Natürlich besteht aber die Möglichkeit, dass er irrtümlich eine Episode aus dem Leben des Helden in eine andere Zeit verlegt hat.

Es bleibt die Frage, ob man sich mit dieser Suche nach der passenden Sage dem Bild überhaupt annähert? Was hat der Holzschnitt außer der Illustration einer nicht ganz geklärten Episode aus dem Leben eines Halbgotts zu bieten? Es ist die Megäre im Zentrum des Bildes, die Darstellung brutaler Gewalt und Raserei, die der junge Dürer mit seinen typischen, unvergleichlich krausen Linien auf den Holzstock zaubert. Hier kündigt sich schon die Wucht an, mit der er wenige Jahre später die Apokalyptischen Reiter über die Erde preschen lassen wird.

Man möchte meinen, der Künstler habe einen Zugang zu einer urtümlichen, barbarischen Welt, in der das Leben gerade erst aus dem Urschlamm gekrochen ist, ganz unberührt vom Funken der Zivilisation. Der Eselskinnbacken, den die Furie schwingt, verweist auch weniger auf die klassische griechisch-römische Welt, sondern vielmehr auf das Alte Testament (Simson, der mit einem Eselskinnbacken Philister erlägt) mit seinem Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Das sogenannte „finstere“ Mittelalters hat nichts Ähnliches hervorgebracht. Die gotische Kunst ist vielmehr zierlich. Erst an der Schwelle zur Neuzeit, eben zur Zeit Dürers, entstehen Werke, die aus einer wirklich finsteren Epoche stammen könnten.