Eros und Thanatos – die Brüder Beham, Teil 2

Zum Teil 1

 

In einer Kupferstichsammlung findet sich zu diesem Stich Sebalds der Vermerk, dass der Künstler wegen dem Bild aus der Stadt gewiesen wurde. Der Vermerk wurde allerdings erst etwa 70 Jahre nach Sebalds Tod niedergeschrieben. Wie glaubwürdig ist diese Notiz? In den Ratsprotokollen der Stadt gibt es nichts, was Sebalds Verbannung bestätigt.

 

hans-sebald--beham-der-tod-und-das-unzuechtige-paar

 Sebald Beham, Unzüchtiges Paar mit Tod, Kupferstich

 

Der Kupferstich hat es jedoch in sich! Ein Paar greift sich gegenseitig ans Genital. Das des Mannes  liegt genau im Bildzentrum, fest im Griff der Frau. Ein visueller Paukenschlag! Ist der erst einmal verklungen, erkennt man, dass die Komposition aber auch fein gestrickt ist. Alle Figuren sind miteinander verflochten, durch die sich kreuzweise überschneidenden Griffe.

 

Das Kind ist ein Pendant zum Tod, daher auf seiner Achse. Der Tod drückt den Mann zur Frau hin. Der Beginn des Lebens, Zeugung und Geburt, wird in Gang gesetzt, damit aber auch – nach damaliger Auffassung – die Todesverfallenheit des Menschen. Auch wenn sich die Szene in einem Raum abspielt, nicht am Rande des Gartens Eden, haben wir hier doch gewissermaßen Adam und Eva vor uns, die das Paradies (und damit den Zustand der Unschuld) verlassen haben.

 

Der Geldsack neben dem Kind wurde als Hinweis auf käufliche Liebe gedeutet. Er steht aber vermutlich überhaupt für das materielle Denken, das sich der Menschheit bemächtigt hat, seit sie nicht mehr im paradiesischen Urzustand verharrt.

 

Dann ein zweiter Paukenschlag! Ein Detail, das erst auf den zweiten Blick auffällt, da es durch die Hand des Mannes geschickt kaschiert ist: Der Tod hat eine Erektion – im Gegensatz zum Mann, bei dem die Bemühung der Frau noch keine Früchte trägt. Der Tod ist potenter als der Mensch, so das Resümee des Künstlers.

 

 

Kurzbiografien der drei „gottlosen“ Maler von Nürnberg

 

Sebald Beham und Georg Pencz wurden im Jahr 1500 geboren. Der Name Hans Sebald Beham ist eine Ableitung aus seinem Monogramm HSB. Eine Bestätigung für den Vornamen Hans durch historische Dokumente ist allerdings nicht gefunden worden. Sebalds Bruder Barthel Beham ist etwa zwei Jahre jünger, also um das Jahr 1502 geboren.

 

Ihre Namen sind heute nur der Fachwelt bekannt. Und doch ging ein Bild Barthel Behams durch unzählige Hände. Sein Bildnis des Hans Urmiller wurde für den 50-DM-Schein ausgewählt.

 

barthel-beham-hans-urmiller

Barthel Beham, Bildnis des Hans Urmiller (mit seinem Sohn, hier nicht zu sehen), Detail des Gemäldes und Abbildung auf dem 50-DM-Schein

 

Zusammen mit dem Schulrektor Hans Denck sympathisierten die drei Maler mit dem radikalen Flügel der Reformation. 1525 wurden sie gefangen genommen, verhört, und als „gottlose Maler“ aus der Stadt verbannt.

 

Nürnberg war zu diesem Zeitpunkt zwar bereits lutherisch geworden, doch die Reformation war in verschiedene gegnerische Strömungen zerfallen. Thomas Müntzer setzte sich im Gegensatz zu Luther für die Befreiung der Bauern ein. Ein Heer der Bauern unter Müntzers Führung wurde am 15. Mai in der Schlacht bei Frankenhausen vernichtend geschlagen.

 

Ein Holzschnitt von Georg Pencz macht die Stimmung der Zeit deutlich: Hasen fangen und braten den Jäger und seine Hunde. Die Machtverhältnisse sollen sich umkehren. Gleichzeitig beinhaltet das Bild Kritik an der Brutalität gegen die Bauern. Ein Jäger wird am Baum hochgezogen. So gingen die Landsknechte der Fürsten mit gefangenen Bauern um. Ein Hase protokolliert die Folter. Vor ihm auf dem Tisch liegt die Juristenbrille.

 

georg-pencz-hasen-fangen-und-braten-den-jaeger

Georg Pencz, Hasen fangen und braten den Jäger, Holzschnitt (bei diesem Holzschnitt handelt es sich lt. dem Kunsthistoriker H. Zschelletzschky lediglich um eine Kopie nach Pencz)

 

Ein anderer reformatorischer Flügel waren die Wiedertäufer, oder besser gesagt, die Täufer. Als Wiedertäufer wurden sie von ihren Gegnern bezeichnet, da sie die Erwachsenentaufe praktizierten und so bereits als Kinder getaufte Menschen erneut tauften. Ein Höhepunkt dieser Bewegung ist das Wiedertäuferreich in Münster. Die Täufer vertrieben die Andersgläubigen aus der Stadt, führten die Gütergemeinschaft und schließlich die Vielweiberei ein. Ein katholisches Heer belagerte die Stadt und setzte dem Täuferreich 1535 ein Ende.

 

Die Zeiten waren also unruhig, Luther wetterte gegen die „Schwarmgeister“ und der Nürnberger Rat war nicht ohne Grund besorgt. Im Januar 1525 saßen die Maler im Nürnberger Lochgefängnis und wurden verhört. Die Folterwerkzeuge kamen zwar nicht zur Anwendung, lagen aber bereit.

 

Umso verblüffender der Mut der jungen Maler. Zu den Fragen gaben die Behams folgende Antworten: Ob es einen Gott gibt? – „Ja“. Was sie von Christus halten? – „halt(en) nichts von christo“. Was sie von der Bibel halten? – „wisz nit obs heilig sey“. Was von den Sakramenten? – „halt nichts davon“. Was von der Taufe? – „nichts“. Ob sie an die weltliche Obrigkeit glauben und den Nürnberger Rat als Herrn anerkennen? – „neyn“.

 

Hier muss eingefügt werden, dass die Maler nicht wirklich „gottlos“ waren, sondern gewissermaßen eine moderne Auffassung vertraten: Ihre Antwort bezüglich Christus ist so zu verstehen, dass sie ihn für einen normalen Menschen halten (nicht für göttlich), die Bibel für ein von normalen Menschen geschriebenes Werk, also nicht zwingend in jedem Punkt wahr.

 

Wie gesagt, wurden sie aus der Stadt verbannt, was für die Maler wirtschaftliche Not bedeutete. Mehrere Bittgesuche, zurückkehren zu dürfen, lehnte der Rat in der Folgezeit ab, ließ sich aber im November des gleichen Jahres erweichen, den Künstlern die Rückkehr zu gewähren.

 

Bald gab es einen neuen Konflikt. Sebald Beham wollte eine Proportionslehre herausbringen. Es stand der Vorwurf im Raum, dass Beham aus einem Manuskript Dürers abgekupfert hatte. Der Rat untersagte ihm, das Buch drucken zu lassen, bevor Dürers Witwe die Proportionslehre ihres Mannes herausgegeben hat.

 

In der älteren Forschung findet sich zum weiteren Leben Sebalds die Notiz, dass er wegen Verbreitung unzüchtiger Bilder erneut aus der Stadt ausgewiesen wurde. Jedoch konnte in den sehr akkurat geführten Nürnberger Ratsprotokollen kein entsprechender Vermerk gefunden werden. Vielleicht begab sich Sebald 1529 freiwillig nach München und später nach Frankfurt.

 

Die Mär von seiner zweiten Verbannung beruht auf einem 1618 angelegten Verzeichnis einer Kupferstichsammlung. Hier hatte der Besitzer (der Nürnberger Zoll- und Waageamtmann Paul Behaim) unter Behams Unzüchtiges Paar mit Tod (siehe oben) vermerkt, dass Beham wegen dieses Stiches aus der Stadt gewiesen wurde. Auch der Künstler und Kunsthistoriker Joachim von Sandrart äußerte sich über Beham: Er hätte ziemlich liederlich gelebt und  „ungeschickte“ (anstößige) Sachen gebildet.

 

Das letztere kann man kaum in Abrede stellen. Egal ob Sebald wegen pornografischer Bilder verbannt worden ist oder nicht, die Werke der Behams könnten manchen Ratsherren empört haben. Sie schufen zahlreiche Kupferstiche mit sexuellen Anspielungen – übrigens meist in sehr kleinen Formaten, weshalb sie mit anderen Künstlern (z. B. Heinrich Aldegrever) zu den „Kleinmeistern“ gezählt werden. Neben diesen z. T. winzigen Bildern entstanden aber auch sehr große Holzschnitte mit vulgär zotigen Inhalten.

 

barthel-beham-spinnstube-detail

Barthel Beham, Die Spinnstube, Holzschnitt, Detail

 

Behams Holzschnitt Die Spinnstube zeigt einen großen Innenraum. Erst nach und nach erkennt der Betrachter, dass die ähnlich wie ein Wimmelbild mit vielen Figuren gefüllte Komposition ein Sammelsurium aus recht frivolen Szenen ist. Auf dem hier gezeigten Ausschnitt will ein Mann die Gunst des Moments nutzen, um einer sich gerade nach Kohlköpfen bückenden Frau den Rock anzuheben.

 

Barthel Beham starb 1540, Sebald Beham und Georg Pencz 1550.