Eros und Thanatos im Nürnberg des 16. Jh – die Brüder Beham

Nürnberg, Anfang des 16. Jh: Die Welt war dabei, aus den Fugen zu geraten. Die Reformation spaltete die Gesellschaft. Aus der reformatorischen Bewegung gingen radikalere Gruppierungen hervor, Bauern begehrten gegen die Fürsten auf. Die Künstler engagierten sich im Bauernkrieg. Nach der Zerschlagung der Bauernheere wurde der Bildschnitzer Tilman Riemenschneider gefoltert, der Maler Jerg Ratgeb gevierteilt.

 

Für drei Maler, die mit den radikalen Gruppierungen der Reformation sympathisierten, ging die Sache glimpflicher aus: Die Brüder Sebald Beham und Barthel Beham und ihr Kollege Georg Pencz wurden aus Nürnberg verbannt (siehe die Biografien in Teil 2).

 

Das Werk der Behams kreist zu einem guten Teil um Eros und Thanatos – Erotik und Tod.

 

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Sebald Beham nach Barthel Beham, Adam und Eva mit Tod, Kupferstich

 

Dieser Kupferstich Sebald Behams ist eine Kopie eines fast identischen Stichs seines jüngeren Bruders Barthel Beham. Die Komposition geht auf Dürers Adam-und-Eva-Stich zurück: Das Urelternpaar steht rechts und links des Apfelbaumes Spalier. Barthels Bildidee ist gewissermaßen ein Kommentar zu Dürers Bild, bzw. zur Geschichte vom Sündenfall:

 

Knotenpunkt der Szene ist der Apfel. Nicht nur Eva greift danach, sondern auch Adam, der hier zu gleichen Teilen die Mitschuld am Sündenfall trägt. Der Apfel verknüpft alle Figuren –die Stammeltern, die Sünde (Schlange) und den Tod  – wie der Hauptschalter einer elektrischen Anlage.

 

Die originellste Erfindung dieses Bildes ist der Baum der Erkenntnis. Aus dem Boden wächst ein Skelett empor, dessen Arme in Äste auslaufen. Ein weiteres ungewöhnliches Detail: Adam hält in seiner Hand ein Schwert aus Blattformen. Es weckt die Assoziation zum Flammenschwert des Cherubim und nimmt so die Zukunft voraus (Vertreibung aus dem Paradies).

 

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Noch deutlicher zitiert Sebald Beham Dürers Adam-und-Eva-Stich auf seinem Holzschnitt  Adam und Eva. Hier ist auch Dürers Papagei und der Elch mit dem kurzen Geweih wiederzufinden. Der Baum der Erkenntnis ist ein richtiger Baum. Und doch wird der Stamm durch den Schädel zum Leib des Todes, dessen symmetrisch verschränkte Äste zu Armen, mit denen Freund Hein die Menschen zu todgeweihten Geschöpfen segnet.

 

Eigenständiger geht Sebald im Kupferstich Vertreibung aus dem Paradies zu Werke. Er verzichtet beim Engel auf das typische Gewand und die Flügel. Sebalds Engel ist ein nackter Wüterich, der das erste Menschenpaar mit einem Feuerschwall aus dem Mund vertreibt.

 

Auch Sebalds Nessus und Dejanira (Nessos und Deianeira) bezieht sich auf einen Stich von Dürer:

 

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Dürer, Herkules, Detail (links), Sebald Beham, Nessus und Dejanira (rechts)

 

Sebald kommentiert quasi ein Detail auf Dürers Herkules: Das Paar auf Dürers Stich, der Satyr und die Frau, eigentlich das Laster darstellend, wurde auch schon als Nessus und Dejanira (Herkules’ Frau) gedeutet. Obwohl Nessus eigentlich ein Kentaur ist, ein Mischwesen aus Pferd und Mensch, wurde er mitunter auch als bocksbeiniger Satyr dargestellt (z. B. 1550 von Heinrich Aldegrever).

 

Sebald Beham zeigt das Paar auf Dürers Stich zu einem anderen Zeitpunkt (vorher), aus einem anderen Blickwinkel und in einer anderen Landschaft. Im Gegensatz zur Sage hat Herkules’ Frau auf dem Bild offensichtlich nichts dagegen, dass Nessus zudringlich wird. Dejaniras geflochtenes Haar ist zu Widderhörnern gedreht. Das schafft optisch ein Einvernehmen zwischen ihr und dem gehörnten Liebhaber. Typisch für Beham ist, dass er die Arme der beiden zwischen Dejaniras Schenkel verschwinden lässt. Der Betrachter soll sich selbst ausmalen,  was die Hände dort tun und wohin sie gleich wandern werden.

 

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Der Tod, dem die Menschen seit der Vertreibung aus dem Paradies verfallen sind, lässt die Behams nicht mehr los. Barthel zeigt eine Mutter, die sich anschickt, ein Kind zu stillen, das im Schlaf wie tot aussieht. Eine Assoziation, die dem Betrachter durch den Totenkopf aufgezwungen wird. Sein Bruder Sebald stellt ein geflügeltes Skelett dar, den Engel des Todes, der zu einer Frau ins Bett steigt. Auffällig die demonstrativ entblößte Scham und der aufdringlich in Szene gesetzte Nachttopf. Die Warnung vor der Vergänglichkeit des Lebens scheint hier ein Vorwand für ein Bildchen sein, das man sich hinter vorgehaltener Hand mit süffisanten Grinsen zeigte.

 

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Ernster mit dem Tod beschäftigen sich zwei Stiche von Barthel Beham, die beide ein schlafendes Kind mit Schädeln zeigen. Die Kombination ist so ungewöhnlich nicht: Das Kind steht für den Anfang des Lebens, der Schädel für das Ende. Und der Schlaf gilt als der Bruder des Todes.

 

Frappierend sind die Kompositionen. Die Schädelpyramide, die dem Knaben als Kissen dient, und die aufgereihten Schädel, die eine Form umranden, in der das andere Kind wie tot hingestreckt liegt, den Kopf in derselben Lage wie der vierte Schädel.

 

In Anlehnung an Hans Baldung Griens Tod und Weib zeigt Sebald Beham eine nackte Frau, an die von hinten der Tod – wieder geflügelt – als zudringlicher Liebhaber herangetreten ist.

 

Wieder scheint mehr die sadistisch erotische Darstellung die vorrangige Absicht des Künstlers zu sein, weniger die ernste Mahnung an den Tod.

 
 

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Sebald Beham schafft viele Werke, die man wohl „unter dem Ladentisch“ gehandelt hat. Ein Paar geht ungeniert zur Sache. Hinter dem Zaun steht ein Voyeur: „Ich will auch mit“ (-machen). Die Allegorie der Nacht lässt tief blicken. Und in der Badestube haben sich die Frauen nicht nur zum Waschen getroffen.

 

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Sebald Beham, Narr mit badenden Frauen (links) und Jungbrunnen, Detail (rechts)

 

Der Narr mit den badenden Frauen ist kaum dazu geeignet, ernsthaft vor einem Bordellbesuch zu warnen. (Dass es ein Freudenhaus ist, kein Badehaus, darauf weist der Weinkühler im Hintergrund hin.) Noch frivoler wird es auf Sebalds Jungbrunnen. In neuerer Zeit wurden in diesem riesigen Holzschnitt versteckte Hinweise zu Sebalds Ansichten über die Taufe vermutet. Auffällig sind jedoch zunächst einige anzügliche Szenen:

 

Wir sehen eine Frau die sich zum Urinieren hingehockt hat. Hinter ihr erlaubt sich ein Mann einen derben Scherz und zieht die Auffangschale weg. (Oder will er etwa andersherum die Schale im rechten Moment unterschieben?) Auf dem ersten Abzug ist noch der Urinstrahl und die -pfütze zu sehen. Das erschien dem Künstler dann doch zu gewagt, und er schnitt dieses Detail aus dem Holzstock heraus.

 

Das wirft die Frage auf, ob Sebald Beham 1529 wegen Verbreitung unzüchtiger Bilder aus Nürnberg vertrieben wurde, wie die ältere Kunstgeschichtsschreibung behauptet? Sicherlich war die Dürerzeit weniger prüde als man heute vielleicht denkt. Doch die Werke Sebalds hätten schon manchen Sittenwächter auf den Plan rufen können. Besonders ein Blatt springt dabei ins Auge – siehe Teil 2.