Frühe Stiche

Aus Dürers frühen Stichen stechen zwei hervor, die – beide annähernd quadratisch – ein ähnliches Motiv zeigen: Auf beiden ist ein Liebespaar abgebildet, beide Male ist die Frau durch ihre Festtagshaube als verheiratete Frau gekennzeichnet und der Liebhaber kein junger Mann. Und beide Male geht es um etwas ganz anderes, als um Liebeständelei!

 

Der Gewalttätige

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Auf dem früheren Stich, um 1494 entstanden, ist ein ganz besonderer Liebhaber zu sehen. Flüchtig betrachtet könnte man ihn aufgrund seiner strubbeligen Haare und seiner Nacktheit für einen Wilden Mann halten, ein damals beliebtes Motiv. Dürer wird später auf seinem Wappen mit dem Totenkopf (Kupferstich, 1503) einen solchen einer Frau an die Seite stellen. Doch hier ist der Mann der Tod selbst! Kein Wunder, dass sich die Frau dem zudringlichen Kavalier entziehen will.

 

Hierzu muss man sich vergegenwärtigen, dass der Tod in der Dürerzeit nicht als Skelett, sondern als verwesender Leichnam dargestellt wurde. Allerdings meist deutlicher, als auf diesem Stich, mit hervortretenden Knochen, das Haupt mehr wie ein Totenkopf. Dürers Darstellung verblüfft durch die Intaktheit des Leichnams, durch seinen teuflischen Blick, der ihn sehr lebendig erscheinen lässt.

 

Wüsste man nicht um die Vorliebe der Zeit für das Motiv Tod und Weib und wäre ein nackter Mann auf einer Rasenbank in freier Landschaft nicht sonderbar, könnte man die Figur durchaus für einen etwas verwahrlosten, gierigen Greis halten. Auf späteren Bildern des Künstlers geht der Tod mit majestätischer Ruhe zu Werke (etwa bei Ritter, Tod und Teufel), auf diesem Stich des jungen Dürers greift Freund Hein in sadistischer Gier nach seinem Opfer.

 

Die Banderole hatte ursprünglich sicherlich einen Spruch tragen sollen. Vielleicht ahnte der junge Künstler nach den ersten Probeabzügen, dass ein Mahnspruch die Wirkung des Bildes eher dämpfen würde und hat deshalb im letzten Moment darauf verzichtet?

 

Der Rock der Frau fältelt sich bereits im für Dürer typischen, spätgotisch kantigen Faltenwurf. Doch von dem späteren silbrigen Glanz seiner Meisterstiche ist Dürer noch weit entfernt. Der Grabstichel findet noch nicht die richtige Nuancierung der Rillen, die Schraffuren fügen sich noch nicht zu einem ausbalancierten Rhythmus. Hier vielleicht ein Glückstreffer, denn die schroffe Wirkung dieser Strichlagen kommt der Stimmung des Bildes zugute.

 

Der Liebesantrag

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Der diesem Kupferstich oft beigefügte Titel Der Liebesantrag ist irreführend: Es handelt sich um ein Ungleiches Paar. Dieses Motiv wurde in der Dürerzeit von vielen Künstlern gestaltet, z. B. von Lukas Cranach (siehe dort ganz unten).

 

Die junge Dame, wieder durch die Haube als Ehefrau charakterisiert, lässt sich für ihre Liebesdienste bezahlen. Der alte Mann hat sich für das Treffen zurechtgemacht: Pelzbesetzter Überrock, Filzhut, Schnabelschuhe und Trippen (Unterschuhe aus Holz). Er gehört offensichtlich zur wohlhabenden Oberschicht.

 

Die Gegend erinnert an das mittelalterliche Motiv des Liebesgartens, ein anmutiger Ort in der Natur, an dem sich Paare treffen. Im Hintergrund reibt sich das Pferd des Mannes an einem Baum. Im abgebrochenen Ast soll der Betrachter nach mancher Bildinterpretation ein phallisches Symbol sehen. Hier stellt sich die Frage, ob dies nicht eine sehr moderne (von Sigmund Freud herrührende) Betrachtungsweise ist, in allen länglichen Formen einen Phallus erkennen zu wollen. Für die Theorie spricht allerdings, dass das Pferd ausgerechnet an diesem für einen Menschen sehr hohen Ast angebunden ist, als wollte der Künstler noch in besonderer Weise auf den ohnehin ins Auge springenden, aufragenden Stumpf hinweisen.

 

Die missgebildete Sau von Landser

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Ein ganz anderes Motiv und Interesse zeigt dieser frühe Stich (um 1496). In Landser, einem elsässischen Ort, wurde am 1. März 1496 ein missgebildetes Schwein geboren. Durch ein bebildertes Flugblatt verbreitete sich die Nachricht. Zu Ostern des selben Jahres wurden in Nürnberg siamesische Schweinezwillinge ausgestopft ausgestellt. Ob es sich hierbei um die Sau von Landser handelte oder um einen zweiten Fall, lässt sich nicht mehr klären.

 

Dürer hat vermutlich beides gesehen: Die Abbildung auf dem Flugblatt und die ausgestopften Schweinezwillinge. Hier das geweckte öffentliche Interesse durch ein besseres Bild zu bedienen, als das Flugblatt geboten hat, war natürlich Ehrensache – und Geschäftstüchtigkeit. Auf Dürers Bild ist die Sau von Landser lebend und als ausgewachsenes Tier dargestellt.