Herkules als Hahnrei

Die seltsamen Montagen des Albrecht Dürer

 

Um 1498/99, also parallel zu den Holzschnitten zur Apokalypse, schafft Dürer den Kupferstich Herkules. Und erweist sich damit selbst als ein Herkules des Kupferstichs! Mit dieser Verfeinerung seiner Zeichentechnik erhebt er zu seiner Zeit endgültig den Anspruch, die Nr. 1 im Bereich der Druckgrafik zu sein. Dieses Blatt sollte er nur noch selbst übertreffen, mit seinen so genannten Meisterstichen.

 

duerer-herkules-als-hahnrei

Herkules, größere Abbildung und hochaufgelöste Datei

 

Erstaunlich ist das Motiv, das sich den Sagen über Herkules nicht eindeutig zuordnen lässt. Die aussichtsreichste Erklärung deutet die Szene als Herkules am Scheideweg. Die Frau in der Mitte stellt demnach die Tugend dar, die auf das Laster (das Paar in der Ecke) einschlägt. Herkules muss sich zwischen Tugend und Laster entscheiden.

 

Populärer ist der Titel Die Eifersucht. Er beruht darauf, dass der Betrachter sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Frau mit dem Knüppel eifersüchtig auf die Nackte im Arm des Satyrs ist. Dies spricht nicht gegen den „Scheideweg“, denn psychologisch gesehen kann sich hinter moralischer Empörung Eifersucht verbergen.

 

Das Bild wurde aber auch schon Der Hahnrei genannt. Dürer hat dem Helden eine ganz ungewöhnliche und lächerliche Kopfbedeckung verpasst: Inmitten eines Lorbeerkranzes hockt ein Hahn. Seitlich sind noch Schneckenhäuser angebracht (ein zweites auf der gegenüberliegenden Seite darf man voraussetzen), die an kleine Widderhörner erinnern.

 

duerer-herkules-als-hahnrei-detail

 

Herkules wurden also Hörner aufgesetzt? Früher schnitt man kastrierten Hähnen die Sporen ab und setzte sie in ihren Kamm, wo sie festwuchsen. Daher kommt der Spruch, einem Ehemann Hörner aufsetzen. Im Ursprung meinte der Hahnrei wohl einen Mann, der seinen ehelichen Pflichten nicht nachkam (wie ein Kapaun, ein kastrierter Hahn), später aber den Ehemann, der diesen Pflichten nicht mehr nachkommen musste, da ein anderer, der Liebhaber der Frau, dies übernommen hatte.

 

Die Schneckenhäuser als aufgesetzte Hörner zu deuten, ist allerdings bereits eine Überinterpretation. Auf anderen Bildern Dürers findet man ähnliche Kopfbedeckungen. „Pupila Augusta“, die erhabene Waise (Minerva, dem Haupte Jupiters entsprungen, also mutterlos), trägt einen Helm mit Flügeln und Schneckenhäusern. Der Gott der Beredsamkeit auf einer anderen Zeichnung einen ebensolchen Helm oder Hut.

 

duerer-pupila-augusta-detail-etc

Dürer, Pupila Augusta und der Gott der Beredsamkeit, Ausschnitte

 

duerer-herkules-holzschnitt-detailUnd schon auf einem Frühen Holzschnitt Dürers zum Thema Herkules ist ein solcher Helm zu sehen: Auf dem Haupt eines niedergestreckten Gegners (siehe Detailabb. links).

 

Das Schneckenhaus ist vielleicht in Kontrast zum Vogelflügel gesetzt: Vogel/schnell, Schnecke/langsam. Möglicherweise ist es aber auch nur eine Schmuckform, die die Anbringung des Flügels verbergen soll.

 

Immerhin macht der Hut des Gottes der Beredsamkeit deutlich, wie der seltsam verrenkte Hahn auf Herkules’ Haupt zustande kommt: Seine Flügel wirken nämlich wie gebrochen und falsch ausgerichtet. Es sind aber lediglich am Helm/Hut angebrachte Zierflügel. Die gebogene Spitze des Hutes hat Dürer dann kurzerhand mit einem Hahnenkopf versehen.

 

Also doch keine aufgesetzten Hörner? Es bleibt der Hahn, der den Siegerkranz ad absurdum führt und aus dem Helden eine lächerliche Figur macht. So zumindest erscheint es dem heutigen Betrachter. Jedoch findet man auf einem Holzschnitt Dürers einen fast identischen Helm: Auf dem Blatt Das Tier aus dem Meer und das Tier mit den Lammshörnern aus der Apokalypse trägt einer aus der Menge, die das Tier anbeten, einen Helm mit Hahnenkopf.

 

duerer-anbetende-menge

Mit Hahnenkopf, Zierflügeln und Schneckenhäusern! Bei dieser Menschenmenge dienen die Kopfbedeckungen hauptsächlich dazu, die jeweilige Figur einem Stand oder Beruf zuzuordnen. Der Kunsthistoriker Panofsky meinte, es handele sich bei dieser Figur um einen Krieger, was ich relativ unwahrscheinlich finde, da die Figur ein langes Gewand trägt.  Man muss aber wohl annehmen, dass Dürer die Figur durch den Helm als einen bestimmten Menschentyp kennzeichnen wollte, – dass es also für Dürers Zeitgenossen keineswegs eine völlig absurde Kopfbedeckung gewesen ist.

 

Auch wenn sich die aufgesetzten Hörner als Zierrat aus Schneckenhäusern entpuppen, geht es in der Sage doch darum, dass Herkules beinahe zum Hahnrei wird – durch den Kentauren Nessos. Dies führt uns zum Paar in der Ecke. Man hat im Satyr und der Frau Nessos und Deianeira, Herkules’ Frau, sehen wollen.  Nessos macht sich laut der Sage an Deianeira ran. Sie wehrt sich und Herkules erschießt Nessos mit einem Pfeil. Auf dem Bild scheint sich Deianeira jedoch nicht gegen den zudringlichen Liebhaber zu sträuben. Damit wäre dann das Bild vom betrogenen Ehemann Herkules komplett.

 

aldegrever-nessus-detailNessos ist in der Sage jedoch ein Kentaur, ein Mischwesen aus Mensch und Pferd, kein Satyr. Allerdings wurde er des Öfteren als bocksbeiniger Satyr dargestellt, so von Sebald Beham und von Heinrich Aldegrever (Abb. links).

 

Der Kupferstich, hier nur im Ausschnitt wiedergegeben, ist 1550 entstanden, und hält sich ansonsten genau an die Sage: Herkules hat Nessos einen Pfeil in den Leib geschossen. Der Sterbende übergibt Deianeira ein mit seinem giftigen Blut getränktes Gewand. Nur dass Nessos als Satyr dargestellt ist, weicht von der Sage ab. Hier folgte der Künstler möglicherweise Dürers (falsch verstandenem?) Vorbild.

 

Auch die Hand- und Armhaltung des Herkules auf Dürers Stich hat zur Verwirrung geführt: Will er überhaupt den Schlag abhalten? Die Haltung ist dazu nicht ganz stimmig. Hier – muss man dazu wissen – hat Dürer sich selbst und ein italienisches Vorbild kopiert. Wenige Jahre vorher hatte er einen Frauenraub nach einem italienischen Stich gezeichnet. Nun benutzt er dieses Blatt als Vorlage für seinen Herkules und übernimmt auch exakt die etwas gekünstelt abgespreizte Haltung des Zeigefingers und Daumens.

 

duerer-frauenraub-und-herkules-details

 

Sucht man erst Versatzstücke für den Herkules-Stich, findet man kein Ende: Die Pose der Frau im Arm des Satyrs stammt aus einer anderen früheren Zeichnung Dürers, ebenfalls eine Kopie nach einem italienischen Meister (Andrea Mantegna).

 

duerer-seekentauren-ausschnitt

Auf dieser Zeichnung sitzt eine Frau in ähnlicher Haltung auf dem Rücken eines Seekentauren. Dürer wusste also zwischen Satyr und Kentaur zu unterscheiden. Die Frau hält ein in der Luft flatterndes Tuch. Diese Armstellung wird im Herkules nun als – sehr verhaltene – Abwehrgeste genutzt.

 

duerer-tod-des-orpheusDamit sind wir aber noch nicht am Ende der Kopien nach Kopien. Große Teile des Bildes stammen aus Dürers Zeichnung Der Tod des Orpheus.

 

Auch dieses Blatt ist – wir ahnen es schon – eine Kopie nach italienischem Vorbild, zumindest die Figuren. Die Baumgruppe hat Dürer hinzugefügt.

 

Orpheus versuchte vergeblich, seine Frau Eurydike aus dem Hades zu befreien. Später wandte er sich von der Liebe zu den Frauen ab und der Knabenliebe zu (daher der Junge auf der Zeichnung). Deshalb wird Orpheus von den Mänaden (den Rasenden), Anhängerinnen des Dionysos, erschlagen.

 

Die Baumgruppe, die schlagende Frau und der Knabe stammen also aus dem Tod des Orpheus. Auch das Kind übernimmt er in die neue Komposition, ohne dass sich dem Betrachter dazu ein Sinn erschließt, und drückt dem Knaben noch ein zappelndes Vögelchen in die Hand – ein Symbol? Wofür?

 

Wenn die Figuren auf Dürers Herkules also nicht ganz bei der Sache zu sein scheinen, liegt es daran, dass sie eigentlich anderes zu tun haben und nur ‚ausgeliehen‘ sind: ein Tuch zu halten, nicht einen Schlag abzuwehren; eine Frau zu packen, nicht eine Keule zu greifen.

 

Verblüffend ist, dass Dürer seinem Publikum ein solch uneindeutiges Bildmotiv bieten konnte. Es wäre zwar denkbar, dass damals z. B. eine Satire auf die Herkulessage die Runde machte, die heute in Vergessenheit geraten ist – und dass das Bild deshalb den Zeitgenossen verständlicher war. Überblickt man jedoch das Gesamtwerk Dürers, findet man so viele rätselhafte Motive, dass man die Rätselhaftigkeit fast schon als eines seiner Gestaltungsprinzipien ansehen kann.

 

Denn nicht erst mit seinem rätselvollstem Blatt Melencolia I schickt der Meister die Kunsthistoriker auf eine Odyssee der Deutungen. Außer diesem Stich und dem Herkules konnten z. B. auch das Meerwunder (siehe bei Kupferstiche), die vier Hexen und der Traum des Doktors nicht vollständig geklärt werden.