Johannes im Ölkessel

Albrecht Dürer hat seinen Szenen zur Offenbarung des Johannes ein Blatt vorangestellt, das das Martyrium des Johannes darstellt.

Albrecht Dürer: Das Martyrium des heiligen Johannes, um 1497/98, Vorsatzblatt zur Apokalypse

 

HOCHAUFGELÖST

 

Johannes, der Evangelist und Autor der Apokalypse (letzteres wird heute vielfach angezweifelt), wurde der Legende nach von den Römern auf besondere Weise gefoltert: Der Kaiser ließ ihn in Rom an der Porta Latina in einen Kessel siedendes Öl stecken. Johannes ging nicht nur unverletzt daraus hervor, sondern auch erfrischt oder sogar verjüngt. Daraufhin wurde er nach Patmos verbannt, wo er die Apokalypse schrieb.

 

Die Szene Johannes auf Patmos hätte sich eigentlich als Einstieg zu Dürers Apokalypse angeboten. Unter anderem hat Hieronymus Bosch dieses Motiv gemalt: Johannes schreibt auf der Insel an seiner Offenbarung. Oben links auf dem Gemälde erscheint ihm das „Apokalyptische Weib“, ein Weib, mit der Sonne bekleidet und mit dem Mond unter ihren Füßen. (Apok. 12,1)

 

Johannes auf Patmos von Hieronymus Bosch, rechts Ausschnitte

 

Soweit das gängige Motiv. Bosch erweitert es in für ihn typischer Weise durch eine bizarre und schwer deutbare Figur am unteren Bildrand – misstrauisch beäugt vom Adler, dem Symboltier des Johannes. (Interessant ist der lange Stock mit den drei Haken, den das Fabelwesen rechts hält und der auf vielen Bildern von Bosch zu sehen ist. Falls es sich nicht um ein damals übliches Werkzeug handeln sollte, nimmt Bosch vielleicht Bezug auf folgende Bibelstelle: Die bösen Söhne des Priesters Eli fischen aus den Opfergaben der Tempelbesucher Fleischstücke für sich heraus. Hierzu benutzen sie einen „Kreuel mit drey Zacken“, 1. Samuel 2,13.)

 

Dürer schafft nachträglich (1511) eine Szene mit der Frau auf der Mondsichel als Titelbild für seine über ein Jahrzehnt zuvor entstandene Offenbarung des Johannes. Natürlich ohne eine solche dämonische Zutat, wie sie für Hieronymus Bosch typisch ist. In Dürers Holzschnittfolge von 1497/98 kann man das mit der Sonne bekleidete und auf dem Mond stehende Weib auf dem Blatt „Das Sonnenweib und der siebenköpfige Drache“ betrachten. (Siehe unter Apokalypse, alle Bilder, dort im Bildbetrachter unter Nr. 11, „Weib und Drache“. In diesem Bildbetrachter ist unter Nr. 1 „Titelblatt“ auch das neue Titelblatt von 1511 zu sehen.)

 

1498, als Dürers Apokalypse erstmalig erschien, gab es noch keine Titelillustration. Dürer wählte als Einstieg in seine Holzschnittfolge das selten dargestellte Martyrium des Johannes. Stephan Lochner (ca. 1400 – 1451) hatte es gemalt, Michael Wolgemut (1434 – 1519) dazu einen Holzschnitt für die Schedelsche Weltchronik geschaffen. Offensichtlich übernahm Wolgemut das Motiv mit dem Schergen und der Schöpfkelle von Lochner und inspirierte dadurch Dürer, der in Wolgemuts Werkstatt das Malerhandwerk lernte und diesen Holzschnitt gewiss gesehen hat.

 

Johannes im Ölkessel, links Holzschnitt von Wolgemut, rechts Gemälde von Lochner

 

Dürer setzt auf seinem Vorsatzblatt diesen Schergen in die Bildmitte. Allerdings misslingt ihm leider dessen Anatomie und so begießt ein sehr marionettenhafter Henkersknecht den Evangelisten mit Öl.

 

Für den heutigen Betrachter ist außer dieser „Gliederpuppe“ die von Dürer noch verwendete gotische Bedeutungsperspektive gewöhnungsbedürftig, bei der die wichtigen Personen (in diesem Fall z. B. der Kaiser) größer dargestellt werden als die anderen Figuren. Sieht man aber von solchen Archaismen und kleinen Schwächen ab, so ist dieses Vorsatzblatt eines der prachtvollsten der ganzen Folge.

 

Dies liegt besonders an der Darstellung des Kaisers. Es handelt sich um den römischen Kaiser Domitian, der einen Ruf als besonders eifriger Christenverfolger hat, den Dürer aber sehr frei als einen türkischen Sultan zeichnete. Von den Osmanen ging für das Abendland eine besondere Bedrohung aus, seit sie 1453 Konstantinopel erobert hatten. Die Belagerung Wiens durch die Türken 1529 hat Dürer zwar nicht mehr erlebt, aber schon zu seiner Zeit dürften die türkischen Heere als Geißel der Christenheit gegolten haben. Ein Grund für Dürer, die Historie abzuwandeln, und den Erzbösewicht Domitian (aus christlicher Sicht) zum Osmanen zu machen.

 

Für unseren mehr kunsthistorischen als geschichtlichen Blick ist interessant, dass Dürer sich in unendlich viele Einzelheiten verliert – den Pelz, die Schmuckketten und Edelsteine, das krause Barthaar, die Turbanfalten – alles für die grobe Holzschnitttechnik eigentlich denkbar ungeeignete, filigrane Motive. Jedoch genau aus dieser Überfülle an kleinteiligen Formen entwickelt sich der Reiz des Blattes, indem sich das beeindruckende Gesicht des Herrschers aus diesem grafischen Puzzle heraushebt, wie eine Insel aus dem tosenden Meer.

 

Und noch ein ganz anderer Reiz liegt in diesem Holzschnitt. Durch das groteske Motiv, einem Menschen im Öltopf – ein trauriges Zeugnis für die Erfindungskraft menschlicher Grausamkeit – erinnert das Bild an irrwitzige Situationen in modernen Cartoons, freilich von Dürer sicherlich nicht so gewollt. Bereits Thomas Mann hat das Potential dieses Bildes für Ironie entdeckt:

 

In seinem Roman Doktor Faustus stellt sich der Protagonist Adrian Leverkühn vor, selbst dieser Johannes zu sein, der „andächtig“ im siedenden Öl sitzt und „nach der Kunst“ begossen wird „wie ein Braten, ein Höllenbraten“.

 

Die Zuschauer erweisen sich für diese ironische Sicht als besonders ergiebig. Laut Leverkühn wohnen diese biederen Städter seinem Martyrium teils aufrichtig interessiert zu, teils mit einfältiger Erbautheit.

 

Dürer stellt die Zuschauer auffällig gelassen dar, was angesichts der grausigen Szene seltsam anmutet. Der bärtige Mann links stützt den Kopf ab, ein anderer am rechten Bildrand auch, die Finger beiderseitig der Nase, was einen besonders gelangweilten Eindruck macht. Ich glaube allerdings, dass Thomas Manns Romanheld fehlgeht, wenn er dies als „betrachtsame Stimmung“ deutet. Vielmehr denke ich, dass Dürer hier die Reaktionen auf den unerwarteten Ausgang der Sache wiedergibt. Durch ein Wunder erleidet Johannes keine Qualen! (Wir erinnern uns: Er geht erfrischt oder sogar verjüngt aus dem Bad im heißen Öl hervor.) Die Zuschauer sind darüber weniger verwundert, sondern vielmehr enttäuscht und verdrossen. Doch egal, ob diese Zuschauer betrachtsam einer Folterung beiwohnen, oder aufgrund des unerwarteten Ausgangs gelangweilt sind – Dürer zeigt hier eine sehr düstere Sicht auf die menschliche Natur, die sich am Leid von ihresgleichen erbauen will. So bahnt er selbst einen Weg für die ironische Ausdeutung seines Blattes, denn eine solche Menschheit ist nur mit Ironie zu ertragen.

 

In den Bereich der Ironie gehört auch der Scherge mit dem Blasebalg, der pflichtbewusst und emsig seines Amtes waltet, hoffend, dass ein größeres Feuer doch noch Wirkung zeigen wird. Als ob es darum ginge, eine Suppe zu erhitzen. Und wenn das Auge des Betrachters nun auf dem Bild hin und her schweift, begegnet ihm bald der grimmige Blick eines strubbeligen Schoßhundes. Der grausame Domitian hält sich einen Schoßhund, der offensichtlich den Charakter seines Herrn angenommen hat.

 

 

Ein solches Streicheltier, aber verwahrlost, unterstreicht als Gegensatz die brutale Szene. Dürer nutzt diese Wirkung auch auf anderen Bildern, z. B. bei der Geißelung seiner Großen Holzschnittpassion:

 

 

Aber zurück zum Vorsatzblatt. Auf eine letzte Skurrilität soll hier noch aufmerksam gemacht werden. Dürer macht nicht nur aus dem römischen Kaiser Domitian einen türkischen Sultan, er versetzt auch die ganze Szene aus dem Rom der Antike in eine altdeutsche Stadt seiner Zeit. Zwischen die gotische Architektur des deutschen Mittelalters mengt er dann aber auch noch ein italienisches Renaissancegebäude (farbig markiert), Ausdruck seiner Sehnsucht nach dem Süden und Tribut an die damals grassierenden Modewelle: der Renaissance, die Wiederentdeckung antiker Formen in Kunst und Architektur. Dieses Vorsatzblatt ist schon eine bunte Mischung, aber ganz ein echter Dürer.