Lucas van Leyden

Wenn das Stechen in Kupfer eine sportliche Disziplin wäre, gebührte Dürer ohne Zweifel der Platz auf dem Siegertreppchen ganz oben. Dass er diesen Platz nicht unangefochten beanspruchen kann, liegt an seinem Zeitgenossen, dem 23 Jahre jüngeren Niederländer Lucas van Leyden.

 

Lucas van Leyden (1494 – 1533) hat beeindruckende Blätter hinterlassen. Im Gegensatz zu seinem Nürnberger Konkurrenten und Vorbild schuf er einige sehr figurenreiche Kompositonen, z. B. den großen Kalvarienberg mit 80 Figuren.

 

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Lucas van Leyden: Der große Kalvarienberg, Detail

 

Auch in seiner Anbetung wimmelt es von Nebenfiguren. Das eigentliche Motiv, die Anbetung der Könige, wird von der Menge geradezu an den Rand gedrängt. Auffällig ist Lucas’ Vorliebe für schrullige Physiognomien.

 

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Lucas van Leyden: Die Anbetung der Könige, Detail

 

lucas-van-leyden-nackte-frau-einem-hund-die-floehe-absuchendAn Detailreichtum stehen viele seiner Stiche nicht hinter Dürers zurück.

 

Jenseits solcher Quantitäten wie der Anzahl an Figuren, Details oder Strichlagen überrascht der Künstler allerdings viel mehr durch besondere Eigenheiten und ungewöhnliche Ideen.

 

Welcher Kupferstecher außer Lucas van Leyden wäre auf die Idee gekommen, eine Frau darzustellen, die ihren Hund, der sich traulich an sie schmiegt, nach Flöhen durchsucht? Albrecht Dürer, der auch Sinn für die kleinen Dinge des Lebens hatte, wäre hierauf gewiss nicht verfallen.

 

Frau durchsucht ihren Hund nach Flöhen, Kupferstich

 

Ein besonders beliebtes Motiv des Künstlers zeigt denn auch kein erhabenes Motiv, sondern eine sehr unscheinbare und eher komische Szene. Der Titel Eulenspiegel führt dabei mehr in die Irre, als dass er das Blatt erklärt. Er rührt nur von dem Kind im Vordergrund her, das eine Eule auf der Schulter trägt, und schlägt so eine Brücke zur bekannten volkstümlichen Figur, ohne dass das Bild eine Episode aus dessen Leben darstellt. Vielmehr zeigt das Motiv einen Musikanten, der wacker auf der Sackpfeife übt, weil er nicht weniger als sieben Kinder von dem Erlös seines Spiels ernähren muss.

 

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Die Strichlagen sind nicht allzu fein. Der Eulenspiegel dürfte eher eine Radierung als ein Stich sein, oder – wie es bei Lucas mitunter vorkommt – eine Mischtechnik aus beidem.

 

Joachim von Sandrart (1606 – 1688) schreibt in seiner Teutschen Academie, einer kunsthistorischen Schrift, dass Lucas van Leyden mit Dürer stets um „die Wette gearbeitet“ hat, und sobald Albrecht „etwas in Kupfer gebracht, selbiges nachgestochen habe.“ Das war als Lob gemeint, klingt heutigen Ohren aber als Epigonentum. Ein Vorwurf, den man dem originellen Künstler aber keinesfalls machen kann.

 

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Natürlich hat Lucas alles, was er von Dürers Stichen zu Gesicht bekam, mit großem Interesse studiert und die Anregungen aufgesogen wie ein Schwamm. Immer wieder versuchte er, in den Fußstapfen seines berühmten Nürnberger Konkurrenten zu wandeln. Besonders ist dies im Stich Die Versuchung des Heiligen Antonius zu sehen.

 

duerer-lucas-van-leyden-vergleichGanz dürerisch ist der eckig spätgotische Faltenwurf, dürerisch ist auch die Versucherin, die Antonius einen goldenen Becher „voll Greuel und Unsauberkeit ihrer Hurerei“ reichen will, nach dem Vorbild der Babylonischen Hure (Offb. 17, 3). Mit dem schwellenden Bauch ist sie nach einem dürerischen Typus gebaut, wie er auf dem Stich Nemesis (Das große Glück) zu sehen ist. Lucas’ Eigentümlichkeiten kommen auf diesem Blatt nur im Hintergrund zum Tragen: in dem Haus, dessen Giebel seltsam aus der Tiefe aufragt und in der bizarren Felsformation dahinter.

 

Dürers Fußstapfen scheinen dann doch zu groß, wenn Lucas ganz auf seinen Pfaden wandelt. Der Stich ist sehr schön, aber es mangelt ihm an einem Geheimnis, wie es etwa Dürers Stich Der Traum des Doktors aufweist, auch eine Versuchungsszene, die sich aber nicht gänzlich ausdeuten lässt wie Lucas’ Versuchung des Hl. Antonius.

 

Wer in dieser Nachahmung eines Vorbilds eine Gefahr für den Künstler wittert, hat nicht ganz unrecht: In seiner Spätphase lässt sich Lucas van Leyden mehr und mehr auf den Zeitgeschmack ein und wird durch Anregungen immer mehr vom eigenen Weg abgebracht. Die späten Stiche wirken glatt und schematisch. Diese Entwicklung lässt sich gut am Motiv Adam und Eva ablesen:

 

lucas-van-leyden-adam-und-evaGanz bei sich ist Lucas auf einer ganz frühen Variante des Sündenfalls.

 

Freilich hat er aber auch noch sehr mit der Anatomie zu kämpfen. Evas Schädel ist unförmig, ihr Becken verschoben, Adams Fußhaltung unglücklich. Die Stimmung ist gedrückt. Der Wald dunkel, ohne Unterholz, ein Finsterwald, ein ungastlicher Garten Eden. Eine gestalterische Schwäche, die zur Stärke wird: Intuitiv hat Lucas die richtige Atmosphäre für den Sündenfall geschaffen.

 

Ja, hier nimmt das Elend der Menschheit seinen Anfang, nicht auf Dürers großen Adam und Eva-Stich, dessen Figuren viel gelungener sind, aber doch kalt lassen, dessen Wald ähnlich dunkel ist, aber doch nicht diesen trostlosen hohlen Klang hat.

 

Und nun erst die Schlange! Gleich einem dicken Kinde hockt sie am Baum, ein kleiner Dämon mit seltsamen Ohren, unheimlicher und boshafter, als es eine große Schlange mit aufgerissenem Rachen sein könnte.

 

Auf diesem Weg schreitet Lucas voran: Ein größeres und späteres Blatt, Adam und Eva im Elend, zeigt erneut die Stammeltern, hier bereits aus dem Paradies verrieben. Wieder anatomische Schwächen … besonders Adams Schulterpartie.

 

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Und doch wieder ein Glückstreffer, ein „richtiger“ Adam. Der Stammvater der Menschheit, dumpf, täppisch, eine Kreatur der grauen Vorzeit. Herrlich der seltsame Spaten, der vorgeschobene Kopf, der verfilzte Bart! (Man vergleiche wieder mit Dürers gut frisierten Adam.) Etwas schade ist, dass sich Lucas bei der Eva zu sehr an die Konventionen gehalten hat und sie eher modisch und anmutig gestaltete.

 

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Eine weitere spätere Arbeit zeigt die Erschaffung Evas. Hier herrscht ein ganz anderer Klang vor. Der niederländische Künstler hat sich jetzt der Mode der Zeit (Renaissance/Manierismus) angepasst, Aktfiguren nach italienischem Vorbild zu konstruieren.

 

Gleichzeitig zeigt dieses Bild aber seine Fähigkeit, neue Wege zu suchen. Neu ist der dunkel bewölkte Himmel, die Baumgruppe im Hintergrund, bei der man das Gefühl hat, eine Windböe würde durch die Blätter streichen. Neu ist das Helldunkel, das schon etwas an Rembrandt erinnert, besonders bei der stark verschatteten Figur Gottvaters.

 

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Und noch einmal der Sündenfall. Diese neue Variante ist nicht datiert, aber dem Spätwerk zuzurechnen. Sollte sie im Anschluss an das vorige Blatt gestochen worden sein, hat dessen Lichtstimmung leider keine Auswirkung auf die weitere Entwicklung gehabt. Die Landschaft ist gefällig, aber belanglos, die Schraffuren schematisch – kurz gesagt, alle interessanten Eigenheiten des Künstlers sind „flöten gegangen“.

 

Er macht es nun ganz nach der Weise der Manieristen und probiert nach dem Vorbild Michelangelos alle Verdrehungs- und Verwinkelungsmöglichkeiten des menschlichen Leibes aus, – aber ohne dass ihn eine innere Notwendigkeit oder Leidenschaft dazu treibt, wie sie Michelangelo getrieben hat. Was man auch schon von anderen Künstlern behauptet hat: „Er begann als Genie und endete als Talent“, dies kann man mit Fug und Recht auch von Lucas van Leyden sagen.

 

 

Anekdotisches

 

Lucas van Leyden war ein Wunderkind. Nach Joachim von Sandrart ätzte er schon mit 9 Jahren in Kupfer, mit 12 malte er die Legende des heiligen Hubertus und wurde mit 12 Goldstücken bezahlt, mit 14 stach er seinen ersten datierten Kupferstich.

 

1521 traf er Dürer in Antwerpen. Mit 33 begab er sich auf eine Reise durch die Niederlande (und Belgien) und besucht berühmte Künstler. Er zog sich dabei eine Krankheit zu, von der er nicht mehr genas. Sandrart, um interessante Anekdoten bemüht, spekulierte sogar, dass ihm die Künstlerkollegen aus Neid und Bosheit heimlich ein langsam wirkendes Gift ins Essen gemischt haben.

 

Auch auf dem Krankenbett ließ er nicht ab, weiter in Kupfer zu stechen. Kurz vor seinem Tod wurde ihm von seiner einzigen Tochter ein Enkel geboren und auf den Namen Lucas getauft. Er soll dies, so Sandrart, mit Widerwillen kommentiert haben: „Er sähe wohl, dass man ihn los sein wollte, weil man schon für einen anderen sorgte.“ Lucas van Leyden starb mit 39 Jahren.