Martin Schongauer

Martin Schongauer (um 1450 – 1491) darf wohl als der bedeutendste Kupferstecher vor Dürer angesehen werden. Von seinen Gemälden sind nur wenige Werke erhalten. Dafür hinterließ er ein reichhaltiges grafisches Werk: 116 mit seinen Initialen versehene Kupferstiche.

 

Albrecht Dürer reiste in seinen Lehr- und Wanderjahren auch nach Colmar. Dort wollte er Martin Schongauer besuchen, traf den Meister aber nicht mehr lebend an. Dürers Werk zeigt aber, dass er zahlreiche Stiche des älteren Künstlers kannte. Schongauers fein ausgearbeitete Stiche dürften Dürer die Vorstellung vermittelt haben, welche subtilen Wirkungen ein Stecher der Kupferplatte entringen kann. Auf diesem Feld hat er Schongauer allerdings bald übertroffen.

 

In Dürers Werken findet man viele Zitate aus Schongauers Kupferstichen. Kompositionen und Motive Schongauers übertrug der Nürnberger Meister in seine Bilder, oftmals auch in die gröbere Holzschnitttechnik. So nimmt z. B. Dürers Holzschnitt „Die Flucht nach Ägypten“ (rechts) auf Schongauers Kupferstich des selben Themas (links) Bezug.

 

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Schongauer zeigt eine Szene aus dem Leben Jesu, wie sie durch eine apokryphe Schrift – ein nicht in der Bibel erhaltenes Evangelium – geschildert wird: Joseph und Maria flüchten mit dem Kind vor den Soldaten des Herodes nach Ägypten. Eine Dattelpalme bietet den Flüchtenden ihre Früchte an. Auf dem Stich wird dieses Wunder durch Engel ermöglicht, die die Palme herabbiegen.

 

Dürer verzichtet auf das Palmwunder, hat aber Verwendung für Schongauers Vegetation: Die Dattelpalme rückt nach vorne, als linke Begrenzung der Bildkomposition. Eine Rolle die in Schongauers Stich ein exotischer Drachenbaum ausfüllt. Dieser ist bei Dürer in den Hintergrund gerückt, rechts neben Joseph. Dem Papageien auf Schongauers Bild (oben in der Laubkrone) und dem in strenger Seitenansicht dargestellten Hirsch im Hintergrund begegnet der Betrachter auf Dürers Adam und Eva Stich wieder.

 

Auch für Dürers Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen stand Schongauer Pate, wobei Dürer dieses Motiv sehr viel rustikaler gestaltet und der Szene auf seinem Holzschnitt (rechts) überhaupt erst Wucht und Urtümlichkeit verleiht. Schongauers Michael (links) bestreitet den Kampf ohne Mühe, fast mit Eleganz.

 

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Dürer übernimmt die Komposition, füllt sie aber mit knorrigen, brodelnden Formen. Auch den seltsamen Blick Michaels bei Schongauer (nicht zum Feind hin, sondern ins Leere) übernimmt Dürer, was seinem Bild eine geradezu kultische Wirkung verleiht: Der Engel konzentriert sich nicht auf den Kampf sondern posiert wie für eine Skulptur an einer Kirchenwand, die den zeitlosen Kampf von Gut und Böse zeigen soll.

 

Sehr originell ist Schongauers Drachen bzw. Teufel zu Füßen Michaels geraten: Sein Unterleib setzt sich aus verschiedenen Tieren zusammen – wild wuchern diese Formen unter dem Engel hervor. Aus dem sich fast pflanzenförmig windenden Schwanz sprießen dünne Insektenbeinchen, zur anderen Seite entwachsen dem Teufelsleib gar Krebsscheren.

 

Dass Martin Schongauer die Welt der Dämonen auf phantasievolle Weise darstellen konnte, zeigt sein originellster Kupferstich: Die Versuchung des heiligen Antonius.

 

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HOCHAUFGELÖST

 

Dieser besonders große Kupferstich (31 cm hoch) gilt als ein frühes Werk Schongauers. Das Blatt hat allerdings keinen direkten Einfluss auf Dürers Werk gehabt, will man nicht gerade Dürers Teufel (auf seinem Kupferstich Ritter, Tod und Teufel) hierauf zurückführen. Unerschöpflich kombiniert Schongauer Formen, die man vielleicht in einer Kuriositätensammlung finden kann, zu neuen Kreationen – in deren Mitte sich der heilige Antonius recht unbeeindruckt zeigt. Sehr originelle Fassungen der Versuchung des heiligen Antonius – die von den Künstlern in der Regel nicht als Versuchung, sondern als Dämonenüberfall gestaltet wird – schufen auch Hieronymus Bosch und Matthias Grünewald.