Melencolia I – Auf dem Holzweg zur Deutung

Die Melencolia I – Ganzes Bild und hochaufgelöste Datei

 

Was ist nicht schon alles über Dürers Melencolia I geschrieben worden! Dieses geflügelte Weib wird zur Hebamme für allerlei Gedanken und Traktate. So hat man z. B. in den verstreuten Werkzeugen eine bestürzende Unordnung sehen wollen. Dabei haben die Werkzeuge sehr wohl eine Anordnung: Das Richtscheit liegt genau parallel zum Bildrand, die anderen Dinge sind aufeinander bezogen, entweder von der Richtung her parallel gestellt (Säge, Hobel), oder im entgegengesetzten Winkel.

 

duerer-melencolia-hobel

 

Freilich wird der Ordnungssinn irritiert. Denn diese Werkzeuge wurden offensichtlich nicht benutzt und dann achtlos beiseite gelegt. Nein, es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, Dürer habe die Gegenstände mit Bedacht, ja mit Kalkül, ins Bild gesetzt, um den Betrachter zum Nachdenken anzuregen: Was passt nicht in dieses Bild? Mit welchem Ding stimmt etwas nicht?, so fragen wir uns angesichts dieser arrangierten Werkzeuge.

 

Die Euphorie bei der Suche nach dem hinter diesen Werkzeugen verborgenen Sinn ist in jüngerer Zeit deutlich abgekühlt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass – lägen hier wahllos ganz andere Dinge – der Stich kein Jota seiner künstlerischen Bedeutsamkeit verlieren würde.

 

duerer-melencolia-naegel

 

Hammer, Zange, Nägel – in einem anderen Sinnzusammenhang könnten es Kreuznägel und Leidenswerkzeuge Christi sein. Hier sind es aber doch wohl lediglich gewöhnliche Zimmermannsutensilien (Attribute der Geometria? siehe dazu: Die Hauptfigur) und erst die Frage, was diese Dinge in einer Allegorie der Melancholie zu suchen haben, macht sie rätselhaft.

 

Rätselhafte Dinge hatte Dürer auch schon vor der Melencolia I in seinen Bildern untergebracht: z. B. bei den Vier nackten Frauen. Dort sind es menschliche Gebeine auf dem Fußboden, die Fragen aufwerfen. Bei der Melencolia I frappiert die Fülle solcher erklärungsbedürftiger Sachen. Dürer tritt hier beinahe in die Fußspuren eines Hieronymus Bosch, wenn auch in ganz anderer Weise.

 

bosch-garten-der-lueste-reiter

 

Auf Boschs wohl berühmtesten Bild, Der Garten der Lüste, verwundern übergroße Früchte, riesige Vögel und Pflanzenteile. Eine Prozession auf seltsamen Tieren zieht vorbei. Reiter balancieren ein Ei auf ihren Köpfen, einer trägt einen riesigen Fisch. In diesem Garten wimmelt es von Fruchtbarkeitssymbolen, soviel erschließt sich auf Anhieb. Ob es ein Ort des Lasters oder ein verlorenes Paradies ist, darüber gehen die Ansichten dann schon weit auseinander.

 

duerer-melancholie-polyederGanz anders kommt Dürers Bild daher:

 

In Boschs Garten keimt, sprießt und blüht die Natur; auf Dürers Bild hingegen ist alles wie tot, unbenutzt, kantig, hart, schwer.

 

Ein wuchtiger Mühlstein dient dem Putto als Sitz, ein großer Steinklotz in Form eines Polyeders steht auf der Schwelle zum Hintergrund, der schlafende Hund wirkt verkrümmt und ausgemergelt.

 

Düster genug mag Dürers Stimmung bei der Arbeit an der Melencolia I gewesen sein. Im Jahr der Entstehung, 1514, starb seine Mutter.

 

duerer-melencolia-hundWährend Hieronymus Bosch im Garten der Lüste also die zeugenden Kräfte der Natur ins Bild setzt, an denen der Mensch traumwandlerisch teilhat, zeigt Dürer die ganze Erdenschwere, die den Menschen in der Stunde des Nachsinnens und Grübelns trifft.

 

Es kommt einem der Satz in den Sinn: „O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt.“

 

Doch dieses Zitat des Romantikers Hölderlin würde Dürer wohl nicht unterschreiben.

 

Im Gegenteil: Trotz der dunklen Stimmung kündet der Stich gerade von der Lust Dürers am Denken.

 

Und die Lust am Denken fordert der Stich heraus. Generationen von Kunsthistorikern versuchten schon, die Rätsel der Melencolia zu lösen. Dabei liegt der wichtigste Schatz, der hier zu heben ist, offen zutage:

 

Das Bild ist ein Sinnbild des Denkens schlechthin. Es gibt den stillsten und wichtigsten Moment des Denkers wieder: Den Moment, in dem er sich besinnt! Den Moment des Zweifels und vielleicht auch der Hoffnung. Wenn der Geist das bisher Geleistete zu überschauen versucht, sich löst und noch nicht weiß, wohin er sich als nächstes wenden wird.

 

 

Das Sammelsurium der Gegenstände

Wer durch die vielen widersprüchlichen Deutungen nicht abgeschreckt ist, eigene Überlegungen anzustellen, findet hier eine Übersicht der Gegenstände:

 

melencolia-1-mit-beschriftung

 

Einige Gegenstände bedürfen einer näheren Erläuterung:

 

Bei dem Schreibzeug soll es sich um ein Tintenfass und einem daran befestigten Behälter für Schreibfedern handeln. Belege und alternative Deutungen dazu siehe unter Ein rätselhaftes Tintenfass.

 

Das Streichmaß ist ein Werkzeug, um im rechten Winkel zu einer Kante Linien anzuzeichnen. Mit diesem Streichmaß kann außerdem ein Profil angezeichnet werden.

 

Das Richtscheit ist eine lange, gerade Latte (früher meist aus Holz, daher Scheit), um plane Flächen (vor allem im Bauwesen) auf Unebenheiten zu überprüfen.

 

Über die Interpretation, dass es sich bei dem Gräserkranz um Heilpflanzen gegen melancholische Verstimmungen handelt, siehe bei die Hauptfigur.

 

Das Magische Quadrat ergibt waagerecht, senkrecht oder diagonal stets 34, auch die vier Eckzahlen und die vier Zahlen in der Mitte. Es wird auch als Jupiterquadrat bezeichnet, denn dieses 16-zellige Zahlenquadrat wurde von Agrippa dem Planeten Jupiter zugeordnet (siehe Ficino, Agrippa, Panofsky).

 

Die siebensprossige Leiter wird oftmals als Leiter zur Erkenntnis oder als Tugendleiter angesehen, wobei die einzelnen Sprossen für bestimmte Erkenntnisgrade oder Tugenden stehen. Allerdings werden die Sprossen auf solchen symbolischen Abbildungen für gewöhnlich beschriftet.

 

Zur Glocke merkt Rainer Hoffmann in seinem Buch Im Zwielicht an, dass sie funktionsuntüchtig angebracht ist: Wollte man sie läuten, würde sie an der Wand schrammen und einen furchtbaren Misston erzeugen. Die Glocke ist – wie die anderen Dinge auch – „außer Gebrauch, außer Dienst“.

 

Das Mundstück des Blasebalgs wurde früher des Öfteren als Klistierspritze gedeutet.

 

Zum Teil 2: Zwielicht, Mondlicht, Sonnenlicht?

Zum Anfang