Melencolia I – Der Putto als Gegensatz- oder Begleitfigur

Die Melencolia I – Ganzes Bild und hochaufgelöste Datei

 

Auf dem Kupferstich Melencolia I von Albrecht Dürer sitzt neben der geflügelten Figur, der Allegorie der Melancholie, ein dicklicher Putto auf einem Mühlstein.

 

Putto (ital. „Kind“, „Knabe“): Ein kleiner Knabe, meist mit Flügeln, oft nackt oder leicht bekleidet. Puttos fungieren in religiösen Darstellungen als assistierende Engel und tragen z. B. die Marterwerkzeuge Christi.

 

Er hat sich eine Decke auf den Stein gelegt, um es bequemer zu haben und schreibt oder zeichnet (die Interpreten sind sich hier nicht einig) auf einer Tafel.

 

duerer-putto

 

Dieser Putto hat einiges Kopfzerbrechen verursacht. Musikalisch ausgedrückt ist er entweder der Gegenklang zur Hauptfigur oder deren harmonische Begleitung. Aus einem speziellen Bereich der Musik, der Oper, können zwei Figurenpaare zum Vergleich herangezogen werden: In der Zauberflöte wird das Liebespaar Tamino und Pamina durch das komödiantische Paar Papageno und Papagena gespiegelt.

 

Der Putto ist also ein Abklatsch oder ein Kommentar zur Hauptfigur. Soviel ist klar. Mit seinen winzigen Flügelchen ist er die kleinere Ausgabe der mit großen Fittichen ausgestatteten Verkörperung der Melancholie. Nicht einig werden sich die Interpreten über das konkrete Verhältnis der beiden Figuren. Kritzelt der Putto emsig auf seinem Täfelchen ohne Bewusstsein für den geringen Wert seiner Tätigkeit, während die mit Gräsern bekränzte Melancholie längst über solch kindliche Eifrigkeit hinaus ist? Oder verkörpert er als Kontrapunkt zur Hauptfigur sogar das sanguinische Temperament?

 

Rainer Hoffmann stellt den Putto in seiner Analyse des Stichs in den Mittelpunkt (Hoffmann: Im Zwielicht, 2014). Besondere Aufmerksamkeit widmet er dem Blick des Puttos, und listet die Eindrücke auf, die dieser auf andere Interpreten gemacht hat: „Leer, leb- und blicklos“ wären die Augen, „blind oder gar wie tot“. „Iris und Pupille, Wimpern“ seien nicht erkennbar.

 

Selbstverständlich nicht! Der Blick ist ja nach unten gerichtet, die Augen von den Lidern verdeckt. Dass manche Interpreten die Augen als geöffnet deuten und die Pupille vermissen, liegt daran, dass dem Künstler die Grenze zwischen Stirn und Augenlidern viel zu dunkel geraten ist. Wie es anatomisch gemeint ist, zeigt ein Vergleich mit den besser geglückten Vorzeichnungen (siehe weiter unten).

 

Allen diesen Interpreten fehlt die Einsicht in die Vorgehensweise eines Zeichners. Auch dass Hoffmann die Wimpern vermisst, macht dies deutlich: In einem Gesicht von der Größe eines Quadratzentimeters Wimpern einzuzeichnen, ist einfach sinnlos und wäre purer Dilettantismus. Ein Zeichner – auch ein so mikroskopisch arbeitender wie Dürer – nutzt Kurzformeln:

 

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Ein etwas dickerer Strich unter einem herabgesenkten Lid kann bereits andeuten, dass das Auge nicht ganz geschlossen ist. Das Übrige entsteht durch den Kontext. Gibt es da unten etwas zu sehen, imaginiert sich der Betrachter das Auge als leicht geöffnet. Der Putto schaut also auf die Schreibtafel.

 

Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch, dass er irgendwie verdrossen aussieht. Ein zu dick geratener Strich im von uns aus gesehenen linken Augenlid und die etwas knitterig herabgezogene Stirn an der Nasenwurzel sind Schuld daran. Der Putto hat ein etwas runzliges Kindergesicht. Dies trifft allerdings auf viele Kinderzeichnungen der altdeutschen Malerei zu. „… besonders sind ihre Christkinder übel gestaltet“, schreibt Hegel über die Altniederländischen Maler. Dies kann man mit Fug und Recht auch von den altdeutschen Meistern behaupten.

 

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Dürer, Dresdner Altar, um 1496, Ausschnitt

 

Die Maler hatten ihre Freude an knorrigen Greisengesichtern. Mitunter glückte ihnen auch die eine oder andere hoheitsvolle Maria. Aber Kinder? Man stellte sie dar – aber malte lieber fleißig an den Gesichtern von Aposteln und Eremiten. Besonders auf Zeichnungen, Holzschnitten und Stichen, die sich mehr für markante Falten als für glatte Haut eignen, haben die Alten Meister mitunter sehr unschöne Kindergesichter zustande gebracht.

 

Ist also der Putto solch eine verunglückte Zeichnung, ohne den Charme eines Kindergesichts? Dies muss man mit Blick auf die besser gelungenen Vorstudien bejahen. Dennoch scheint der verdrossene Ausdruck auf dem Stich von Dürer zusätzlich auch noch mit Absicht herbeigeführt worden zu sein:

 

duerer-puttokopf-vorstudienDie Vorstudie ist aufschlussreich.

 

Beide Kindergesichter zeigen an der Nasenwurzel eine etwas unglückliche Form. Besonders beim unteren Kopf ist diese sehr ausgeprägt: eine Art Delle zwischen den Augen, die nicht schön aussieht.

 

Aber Dürer ist sehr bemüht, ausgerechnet diese Delle auf den Stich zu übertragen. Es war ihm also daran gelegen, den Putto mürrisch – durch seine Tätigkeit angestrengt – ausschauen zu lassen.

 

Dass der Putto ein gegensätzliches Temperament, das sanguinische, zum Ausdruck bringt, trifft also nicht zu.

 

Zur verdrossenen Mimik passt auch nicht, dass der Putto nach manchen Interpreten ein Kind darstellen soll, das unbekümmert etwas schafft, ohne dass ihm strenge Maßstäbe die Freude am eigenen Werk vergällen.

 

Selbst unter der Vorgabe, dass man in der altdeutschen Kunst – wie schon gesagt – große Abstriche bei der Drolligkeit von Kinderdarstellungen machen muss, würden sich hier ganz andere Mimiken und Posen anbieten.

 

Wir finden solche auf einem Bild von Lucas Cranach, einem Gegenbild zu Dürers Melencolia.

 

lucas-cranach-melancholie

 

Mit der Reformation waren Bürgertugenden im Wert gestiegen: Fleiß, Pragmatismus … Und Cranach fühlte sich bemüßigt, eine Entgegnung auf Dürers Stich zu malen. Auf seinem Gemälde ist der Hund erwacht und drei Kinder als Pendants zum Putto treiben ein kindliches Spiel mit der Kugel. Tätigkeit als Therapie gegen Träumerei.

 

Dass die Figuren auf Dürers Stich traumverloren und wie von der Welt abgekapselt sind, hat also schon Cranach bemerkt. Handelt es sich aber nun bei Dürer um einen angestrengt kritzelnden Putto oder um einen melancholischen? Auf diese Frage spitzt Rainer Hoffmann seine Untersuchung des Puttos zu und interpretiert ihn als „Putto melancholicus“, also als „Repräsentanten bedrückender Passivität und Schwermut“. Was meiner Ansicht aber gar nicht so sehr im Widerspruch zu der Sichtweise steht, dass er in dieser gedrückten Stimmung angestrengt und verdrossen kritzelt, ohne etwas Gescheites zustande zu bringen.

 

Um zum musikalischen Vergleich zurückzukehren: Der Putto ist Begleitung, nicht Gegenklang. Und zwar Beleitung in dunklem Moll! Um in diesem Putto eifrige Geschäftigkeit oder gar kindliche Unbekümmertheit zu entdecken (was ihn zur Gegenfigur machen würde), muss man schon sehr weit vom Augenschein abgehen. Dürer hat mit ihm – wieder musikalisch gesprochen – das Motiv seiner Hauptfigur aufgegriffen, variiert und verkleinert, wenn nicht gar parodiert.

 

Zum Teil 5: Die Fledermaus

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