Melencolia I – Die Fledermaus, die keine ist

Die Melencolia I – Ganzes Bild und hochaufgelöste Datei

 

Immer wieder hört und liest man, dass am Himmel von Dürers Melencolia I eine Fledermaus zu sehen sei. Oder ein Flughund. Beides trifft nicht zu.

 

Es handelt sich – sofern es überhaupt ein natürliches Tier sein soll – auch gar nicht um ein flugfähiges Tier. Noch nicht einmal um ein Tier mit Flügeln!

 

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Doch zunächst zur Vorstellung, es sei eine Fledermaus oder ein Flughund. Bei beiden Tieren spannen sich über die Knochen der vorderen Extremitäten dünne Flughäute.

 

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Die flügelartigen Auswüchse der Kreatur auf Dürers Stich sind nicht nur von der Form her ganz anders, sie sind auch aus einem anderen Material: aus Fell. Bei dem Tier handelt es sich nämlich – wie Dürer sehr deutlich gemacht hat – um einen Tierbalg.

 

Man muss sich das so vorstellen, dass der Kürschner das tote Tier am Bauch aufgeschnitten hat, das Fell beidseitig abrollte, und dann den Leib entfernt und das Leder gegerbt hat. Ähnliches kann man schon auf Dürers Ehrenpforte für Kaiser Maximilian sehen, dort mit einem Löwenfell – und auch dort als Untergrund für Text:

 

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Löwenfell, Detail aus der Ehrenpforte, Holzschnitt, um 1515

 

Das Präparat ist dabei sogar „fachmännisch“ – mit Sinn für Einzelheiten – durchgeführt worden: Aus der oberen rechten Pfote ragt noch der Knochen. Anderes unterschlägt oder vernachlässigt der Künstler. So hat das Tier keine Beine, nur Pfoten. Die Beine würden unglücklich über die vorhandene Gestaltungsfläche hinausragen. Die Gesamtform des Fells ist einfach an den Textkörper angepasst.

 

Ähnlich verfährt Dürer bei der Kreatur am Himmel der Melencolia I. Das zickzackförmig aufgeschnittene Fell ist breit genug, damit es den langen Schriftzug fassen kann. Würde man es in den Ursprungszustand zusammenrollen, ergäbe sich ein im Verhältnis zum Kopf viel zu dicker, unförmiger Körper. Die Zacken passen nicht zusammen, wie man es bei einem aufgeschnittenen Fell erwartet. Vielmehr spielt Dürer mit den Formen. Bewusst zeichnet er den Balg so, dass die Fellstreifen an Flügel erinnern.

 

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Oben an diesen „Flügeln“ zeichnet Dürer Pfoten, die an die stummelhaften „Daumen“ einer Fledermaus erinnern (an den oberen Spitzen ihrer Flügel). Der Künstler legt es mit Bedacht darauf an, den Balg etwas wie ein lebendiges, fledermausartiges Tier aussehen zu lassen. Dennoch lässt er keine Unklarheit darüber entstehen, dass dies ein Tierpräparat ist – eine Vergrößerung zeigt deutlich die Ränder des abgezogenen Fells. Man muss sich wundern, das dies geflissentlich von vielen Interpreten übersehen wird.

 

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Um welches Tier könnte es sich nun handeln? Schaut man sich den sehr dicken, geringelten Schwanz an, muss man sagen: um kein natürliches Tier. Dies ist von der Form her der Schwanz eines Lindwurms. Der Kopf dagegen scheint einem kleinen Nagetier zu gehören. Ein Fabelwesen also! Wie es für ein heraldisches Tier auch passend ist. Den Kopf des Tieres zeichnet Dürer sehr lebendig und heftet dieses ansonsten tote Ungetüm – ein Mix aus Tierpräparat und Emblem – einfach an den Himmel, scheinbar fliegend.

 

Die Kunsthistoriker, die dieses Tier unbekümmert und fälschlich als nachtaktive und schlecht sehende Fledermaus angesehen haben, deuteten es dahingehend, dass es diejenigen Denker symbolisiert, die zur Unzeit grübeln (nämlich nachts) und auf diese Weise viele Irrtümer hervorbringen – also Pseudophilosophen. Diese Deutung bleibt fragwürdig: Die Eigenschaften des Tieres, das präpariert wurde, kennen wir nicht, können also auch nicht sagen, ob es überhaupt ein nachtaktives ist.

 

Zweifelsohne wirkt diese Kreatur etwas unheimlich. Allerdings werden viele heraldische Tiere sehr aggressiv dargestellt, mit grimmigen Augen und gespreizten Krallen. Auch Dürer hat dies getan. Im Bereich der Heraldik haben solche aggressiven Darstellungen oft gar keine negative Symbolik.

 

Dieses scheinbar einen Schrei ausstoßende Tier sagt uns also nichts. Was teilt uns die Aufschrift mit? Das Zeichen zwischen „Melencolia“ und der römischen „I“ ist eine reine Schmuckform, ein Abstandzeichen, kein Paragraphenzeichen, als was man es auch schon angesehen hat. Dürer schmückt mit solchen Zeichen auch einen Text auf einem anderen Kupferstich:

 

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Dürer, Bildnis des Albrecht von Brandenburg, Beschriftung am unteren Rand

 

Die römische I wiederum führt erneut ins Dickicht der Deutungen und auf viele Holzwege. Um die Hilflosigkeit der Bemühungen zu demonstrieren, mag es genügen, einige Sichtweisen anzuführen: Dass Dürer die römische I einfach als beliebiges Zeichen hinzugefügt habe, um die für den Schriftzug zu große Fläche zu füllen. Dass er unter den Nummern II, III und IV die übrigen Temperamente oder weitere Formen der Melancholie darstellen wollte und nur nicht mehr zur Ausführung gekommen ist. Aber die Vorstellung einer Melencolia II und III scheint genauso abstrus zu sein, wie die einer Cholerika II, Phlegmatia III usw.

 

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky äußerte die Vermutung, dass sich die Zahl auf eine „Stufenleiter von Werten“ bezieht. Diese Theorie lasse „sich stützen, wenn auch nicht beweisen“: Und zwar durch das Werk De Occulta Philosophia des Gelehrten Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486 – 1535). Überhaupt sieht Panofsky in dieser Schrift eine wichtige Inspirationsquelle für Dürers Stich (siehe Ficino, Agrippa, Panofsky).

 

Agrippa hatte geschrieben, die „melancholische Besessenheit“ setze den Menschen in den Stand, sich der Erkenntnis der „höchsten Wahrheit“ zu nähern. Er konstatierte drei Stufen der Erkenntnis der Wahrheit. Die erste, niederste Stufe sei den Künstlern zugänglich, die zweite den Gelehrten, die dritte und höchste aber nur denen, die sich zur himmlischen Sphäre erheben, d. h. den Theologen. Die Melencolia befindet sich also – so Panofsky, der im Bild die Künstlermelancholie dargestellt sieht – auf der „ersten“, der niedersten Stufe, und darum ist sie im Zustand der Depression.

 

Ob Dürer die Rolle des Künstlers tatsächlich so bescheiden beurteilt hat, als unterste Stufe der Erkenntnis? An Stolz wird es Dürer zur Zeit seiner Meisterstiche kaum gemangelt haben. Scherzhaft könnte man fragen, ob die geflügelte Figur in Trübsinn versunken ist, weil Agrippa die Erkenntnisfähigkeit des Künstlers nur mit I bewertete? Wesentlicher ist allerdings die Frage, ob Dürer das Stufenmodell des Agrippa überhaupt gekannt hat, ob er sich darauf bezogen hat? Beweisen lässt sich das nicht.

 

Dürer hat der Nachwelt so manche Nuss zu knacken aufgegeben. Man denke z. B. an die Buchstaben OGH auf der Frucht über den Köpfen der Vier nackten Frauen. Mit der römischen I fügt er seinem rätselvollsten Bild, der Melencolia, eine weitere harte Nuss hinzu.

 

Am Ende müssen wir uns eingestehen: Wir sind so schlau wie vorher. Wir wissen lediglich eins mit Sicherheit, dass diese „Fledermaus“, die den Schriftzug trägt, keine ist. Diese einfache Tatsache wurde von vielen Interpreten – vielleicht in der Euphorie der Deutungsarbeit – übersehen. So endet der Höhenflug der Interpretationen schließlich mit einer Bruchlandung.

 

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Zum Teil 6: Ficino, Agrippa, Panofsky

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