Melencolia I – Die Hauptfigur

Die Melencolia I – Ganzes Bild und hochaufgelöste Datei

 

Dürers Stich Melencolia I zeigt als Allegorie der Melancholie eine bekränzte und geflügelte Figur. Vor Dürer wurde die Melancholie in symbolischen Darstellungen mit der Trägheit in Verbindung gebracht. Das adäquate Bild dazu war z. B. eine am Spinnrocken eingeschlafene Frau.

 

Dürers Melencolia ist jedoch hellwach. Aus ihrem Gesicht leuchten gerade die Augen hervor.

 

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Sie ist in Untätigkeit versunken, aber geistig angespannt. Dies scheint schon Dürers Zeitgenossen irritiert zu haben:

 

hans-sebald-beham-melencoliaHans Sebald Beham, der sich bei seiner Darstellung der Melancholie durch die beigefügten Utensilien stark auf Dürer bezieht, kehrt bei der Mimik zur konservativeren Gestaltung zurück:

Seine Figur schläft oder sinnt mit geschlossenen Augen.

 

Ungewöhnlich für eine Verkörperung der Melancholie ist auch der Zirkel.

 

Diesen greift Beham auf, und zeigt auch gleich, wozu seiner Ansicht nach dieses Werkzeug gehört:

 

Zur Kugel, die auf Dürers Bild weit vom Zirkel entfernt in der linken unteren Ecke liegt.

 

Zirkel und Kugel sind u. a. Attribute eines Astronomen.

 

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Außer dem Zirkel sind Dürers Figur noch weitere nicht zur Melancholie gehörenden Dinge beigegeben: Richtscheit, Waage, Hammer, Hobel, Säge etc. Dies führte die Interpreten bald dahin, dass Dürer zwei Allegorien gemischt habe, die Allegorie der Melancholie und die der Geometrie (letztere wurde teils in Verbindung mit der Astronomie und auch mit der Baukunst gesehen).

 

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Martin Schaffner, Allegorie der Geometrie, 1533, Detail

 

Die Ausdeutung dieser Verbindung schlägt bei den Kunsthistorikern teils recht muntere Kapriolen. So soll die Figur nach einer Auffassung in Nachdenklichkeit versunken sein, weil die Astronomie der Dürerzeit nicht in der Lage war, genaue Kometenbahnen zu errechnen – ein Himmelskörper ist auf dem Stich zu sehen. Ein solch spezielles Thema scheint mir jedoch ein recht unpassendes Sujet für ein Bild zu sein.

 

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Nach älterer Auffassung – zu nennen ist hier der Kunsthistoriker Erwin Panofsky – ist in der Figur die Künstlermelancholie dargestellt. Dies scheint für einen Künstler, der viel um die richtigen Proportionen gerungen hat, sehr viel passender zu sein, krankt aber nach neuester Auffassung daran, dass man Dürer eine romantische Sicht auf seinen Berufstand unterstellt. Sturm und Drang im mittelalterlichen Nürnberg. Bei dieser Interpretation wird der Stich denn auch als Schwelle von Mittelalter und Neuzeit gewertet und hierin die eigentliche Bedeutung der Melencolia I gesehen.

 

Dürer hat nichts Schriftliches zu seiner Melencolia hinterlassen. Auf einer Vorstudie findet sich lediglich dieser Satz: „Schlüssel betewt gewalt, pewtell betewt reichtum.“ (Schlüssel bedeutet Gewalt, Beutel bedeutet Reichtum.)

 

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Ausgerechnet Schlüssel und Beutel, die am wenigsten rätselvollen Dinge des Bildes, werden von Dürer erklärt. Diese Utensilien wurden damals von den Frauen am Gürtel getragen, wie auf vielen Bildern Dürers zu sehen: Frauen hatten im Haus die Schlüsselgewalt. Interpreten der Melencolia versuchen sich diese Utensilien bedeutsam zu machen, indem sie darauf hinweisen, dass die geflügelte Figur Schlüssel und Beutel besonders unordentlich am Gürtel befestigt hat (Gewalt und Reichtum also vernachlässigt?).

 

Mit Sicherheit kann man dies jedoch nicht behaupten. Vielleicht drückt sich hier einfach die Freude am Detail aus – eine Eigenschaft, die Dürer ja zur Genüge besaß – und der Stecher versenkt sich in die Darstellung von verdrehten Schnüren und Bändern. Auch die Haare der Figur seien sehr unordentlich, ja verwahrlost – behaupten manche Interpreten. Darauf wird weiter unten noch einzugehen sein.

 

Die geflügelte Figur trägt einen Kranz aus Feldgräsern auf dem Kopf, in den junge Sprösslinge eingeflochten sind, die nach oben ragen. Man wollte dieses Kraut einmal ganz sicher als Liebstöckel identifizieren, dann wiederum als Wasserhahnenfuß und Brunnenkresse. Auch Bittersüß und Immergrün wurden vorgeschlagen.

 

Auch hier ist also kein sicherer Boden zu gewinnen. Immerhin galten Wasserhahnenfuß und Brunnenkresse als Arznei gegen melancholische Stimmungen, könnten also in sinnvollem Zusammenhang zum Thema des Stichs stehen.

 

Interessant wäre es vielleicht, in diesem Zusammenhang eine Spur zu verfolgen, die Dürer selbst sieben Jahre nach der Melencolia gelegt hat. Auf einem Holzschnitt aus dem Jahr 1521 finden wir einen ganz ähnlichen Kranz:

 

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Bei dem Holzschnitt handelt es sich um das Wappen des Reichs und der Stadt Nürnberg, ein in das Nürnberger Stadtrecht eingefügtes Blatt. Im unteren, hier nicht abgebildeten Teil, halten zwei Engel diverse Wappen und eine Krone, im oberen thronen zwei geflügelte Frauen. Links Justitia mit Krone, Schwert und Waage, rechts jene Figur mit dem Kranz auf dem Haupt: vielleicht die Göttin Moneta. (Ein Beiname der römischen Juno. Vom Namen der Moneta leiten sich die „Moneten“ ab.) Ihr Seitenblick ist zweideutig, fast hämisch. Sie leert einen Geldbeutel über Krone und Wappen in der unteren Bildhälfte aus. Aus ihrer anderen Hand schlagen Flammen.

 

Nach meiner Auffassung könnte es auch eine Assistenzfigur der Justitia sein, eine Symbolfigur für die Strafen, die Justitia verhängt: Geld- und im schlimmeren Fall die Todesstrafe (durch das Feuer aus ihrer Hand).

 

Die obige Interpretation der Kräuter als Arzneipflanzen welkt hier jedoch dahin: Diese Begleitfigur trägt einen ähnlichen Kranz und bedarf doch gewiss keiner Medizin gegen Verstimmungen. Der Gräserkranz dient dazu, die Figur von einem „gewöhnlichen“ Engel zu unterscheiden und scheint für sehr unterschiedlich geartete Symbolfiguren geeignet zu sein.

 

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Von diesem Holzschnitt aus hat Dr. Elfriede Scheil eine Spur zu Dürers Kupferstich zurückverfolgt: Sei deutet die Melencolia in einem Artikel in der Zeitschrift für Kunstgeschichte 2007 als Darstellung der Justitia. Scheil weist darauf hin, dass die griechische Verkörperung der Gerechtigkeit, die Hore Dike, zur römischen Fortuna wurde. Fortuna sorgte für die Rechtsordnung, weshalb ihr als Attribute gelegentlich auch Werkzeuge aus dem Bauhandwerk beigegeben wurden. Später wurde sie zur Göttin des Glücks, die auf einer Kugel steht.

 

Als Attribut der Fortuna ist die Kugel der Melencolia auch schon von anderen Interpreten angesehen worden. Die Werkzeuge wären nach Scheil also symbolische Zimmermannswerkzeuge, mit denen ein Rechtsgelehrter das Recht „zimmert“. Nach dieser These ist die Figur über den damaligen beklagenswerten Zustand der Rechtssprechung in Melancholie versunken. Man muss jedoch bedenken, dass solche kritischen Gedanken in der Dürerzeit sehr viel direkter dargestellt worden sind, wie ein Holzschnitt mit der gefesselten Gerechtigkeit und der Wahrheit mit verschlossenem Mund aus dem Dürerumkreis zeigt. Warum also hätte Dürer, wollte er seine Zeitgenossen zu mehr Gerechtigkeit aufrütteln, dies in der chiffrierten Form der Melencolia tun sollen?

 

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„Gerechtigkeit, Wahrheit und Vernunft im Block“, Holzschnitt, Detail

 

Die Frisuren der Justitia und ihrer Begleitfigur auf dem Wappen Nürnbergs sind übrigens ähnlich wellig wie das Haar der Melencolia. Soviel zu der These, dass das Haar der Melencolia vernachlässigt und wirr aussieht. Diese Art der Darstellung – strähnig und in großen Wellen – ist einfach Dürers gängige zeichnerische Formel für offenes Haar, die sich aus seiner Vorliebe für krause Formen und schnörkelige Linien ergibt.

 

Nach diesem Ausflug in interessante Spekulationen bleibt meiner Ansicht nach nichts anderes übrig, als zu der einfachen Sichtweise zurückzukehren, dass diese Figur eine Allegorie der Melancholie ist (und nicht etwa der Justitia). Im anderen Falle hätte Dürer den Betrachter durch den Titel ja auch ganz in die Irre geführt. Aus welcher Motivation heraus hätte er dies tun sollen?

 

Und in Melancholie dürfte der Künstler während seiner Arbeit an seinem theoretischen Werk Underweysung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheyt oft genug gefallen sein. Beides, Zirkel und Richtscheit, ist auf dem Bild zu finden. Somit wäre die Figur doch, wie schon Panofsky vorschlug, ein geistiges Selbstportrait Dürers – wenn auch in diesen Meisterstich vielleicht sehr viel mehr eingeflossen ist, als nur die Melancholie seines Schöpfers.

 

 

Abschließend soll diese Betrachtung auf Dürers Zeichenkunst eingehen:

 

Dürers ureigenstes Anliegen ist der Faltenwurf. Zwei Seelen wohnen in dieser Beziehung in seiner Brust: Die Lust des spätgotischen Meisters an stark verwinkelten und verselbstständigten Falten – und das Bedürfnis des Renaissancekünstlers, die Anatomie unter dem Gewand sichtbar zu machen. Diese beiden widerstrebenden Tendenzen durchwühlen Dürers Gewänder und machen seine Faltenwürfe so interessant.

 

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In der Maria mit der Meerkatze (Abb. links, Detail), die er um 1497/98 sticht, gelingt ihm eine erste Synthese. Von den Knien fallen großzügig gehaltene Falten herab und machen die Sitzhaltung der Figur deutlich. Im Tal dazwischen darf sich der Stoff spätgotisch verwinkeln.

 

Einen ganz neuen Weg beschreitet Dürer 1514 bei der Melencolia (Abb. Mitte, Detail): Nun spürt sein Stichel dem Schimmer auf seidigem Stoff nach. Er „gräbt“ keine tiefen klaren Falten, die seinen Madonnen die hoheitsvolle Würde verleihen, sondern stellt ein leicht verknautschtes Gewand dar, eine leicht verknitterte Oberfläche mit zahlreichen Reflexen. Jäh schießt – für Dürer ganz ungewöhnlich – über diese in Halbschatten getauchte Fläche eine scharfgratige helle Falte wie ein Blitz herab, Unruhe erzeugend.

 

Der Faltenwurf der Melencolia bleibt ein einmaliges Experiment. Dürer kehrt zu seinen altbewährten Gewandfalten zurück und arbeitet in seiner letzten Schaffensphase daran, den Faltenwurf einfacher und monumentaler zu halten. In seiner Maria mit dem Wickelkind von 1520 (Abb. rechts, Detail) scheut er nicht die große ruhige Fläche.

 

Dürer kehrte also zur Manier seiner Zeit zurück, den Faltenwurf wie ein Bildhauer plastisch auszuarbeiten. Sein Melencolia-Experiment weist aber in die Zukunft: Stecher des Barock gaben die den Formen folgenden Linien mehr und mehr auf, zugunsten malerischer Wirkungen, und versuchten, z. B. die Anmutung Rubenscher Ölmalerei einzufangen. Und spätestens mit Rembrandt beschritt die Druckgrafik gänzlich neue Pfade.

 

Zum Teil 4: Der Putto

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