Melencolia I – Ein faustisches Bild?

Die Melencolia I – Ganzes Bild und hochaufgelöste Datei

 

Unter Dürers drei Meisterstichen nimmt die Melencolia I eine Sonderstellung ein. Die anderen beiden Stiche wirken vor allem durch ihre Stimmung: Beim Hieronymus im Gehäus steht die anheimelnde Atmosphäre der Studierstube im Vordergrund, beim Reuter (wie Dürer sein Blatt nannte) ließ die Begegnung des unbeirrten Ritters mit den Spukgestalten selbst den sprachgewaltigen Nietzsche nach Worten ringen: „… dies Bild Ritter Tod und Teufel steht mir nahe, ich kann kaum sagen, wie.“

 

Im Gegensatz dazu stürzen sich bei der Melencolia I alle Rezensenten unter Vernachlässigung des Stimmungsgehalts auf das Bildinventar. Und den Kunsthistorikern hat es wahrlich nicht die Sprache verschlagen: Sie schichteten Deutung auf Deutung, als gelte es, einen Turm bis an den Himmel zu bauen. Die Interpretationen wetteifern im spekulativen Denken und sind oft kleine Meisterwerke ikonografischer Dechiffrierarbeit.

 

Durch den Stich in ganz besonderer Weise stimulieren lässt sich dagegen der fiktive Komponist Adrian Leverkühn im Roman Doktor Faustus von Thomas Mann: Er hängt sich das magische Quadrat an die Wand und fühlt sich zum Komponieren in die Welt der mittelalterlichen Alchemisten und Schwarzkünstler ein.

 

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Adrian Leverkühn, der Romanheld aus Thomas Manns Doktor Faustus

 

Alchemie und schwarze Magie? Leverkühn, der die Musik wie ein Adept der Goldmacherzunft betreibt und dafür aus Dürers Stich Inspiration zieht, liegt – bezogen auf den Inhalt des Blattes – ganz daneben und trifft doch ins Schwarze:

 

Sieht man von dem halb hinter dem Polyeder verborgenen Schmelztiegel ab, gibt es im Bild keinen Hinweis auf eine alchemistische Tätigkeit, schon gar nicht auf das heimliche Treiben eines Magiers oder Teufelsbündlers. Manns Romanheld projiziert etwas in das Bild hinein, das wohl kaum in Dürers Intention lag.

 

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Und doch wird so mancher Betrachter der Melencolia ähnliche Assoziationen haben: Er fühlt sich in ein Laboratorium des spekulativen Denkens entführt, in dem Zahlenmystik betrieben und der Stein der Weisen gesucht wird. Es geht um nichts Geringeres, als – um mit Faust zu reden – zu Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ein Erkenntnisstreben, das nicht der Materie verhaftet bleibt, sondern – ganz im Sinne der Alchemisten – auch zur Transmutation der Seele auf eine höhere Stufe führen soll.

 

Als ein Sinnbild des forschenden Geistes reiht sich also die Melencolia I in die Riege besonderer Kunstwerke ein, gleichgültig, ob der Betrachter darüber hinaus in dem Bild eine ungewöhnliche Allegorie der Melancholie, ein geistiges Selbstportrait Dürers oder neuplatonische Philosophie zu entdecken vermeint.

 

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky geht davon aus, dass Dürer das Buch De Occulta Philosophia von Cornelius Agrippa von Nettesheim gekannt hat (Erstfassung 1509/10, siehe Ficino, Agrippa, Panofsky). Wenn dies zutrifft, könnte es Dürer zu geistigen Ausflügen in besonders spekulative, rätselhafte Sphären inspiriert haben: Agrippas Buch steckt voller Symbole, kabbalistischen Zeichnungen und Anweisungen für Magier, bis hin zur Geisterbeschwörung.

 

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Cornelius Agrippa von Nettesheim, der Verfasser von De Occulta Philosophia

 

Der moderne Betrachter wird Dürers Laboratorium des Denkens, seine Melencolia I, vermutlich nicht auf eigene Faust erkunden wollen, sondern sich mit Hilfe bestehender Interpretationen orientieren. Nach Martin Büchsel (siehe Büchsel: Albrecht Dürers Stich Melencolia I, 2010) gibt es nicht weniger als fünf dominante Interpretationstypen (1. Interpretationen, die nach einem ikonografisch eindeutigen Ausgangspunkt suchen, 2. Interpretationen, die an eine hieroglyphische Verschleierung glauben usw.). Diese Typen verästeln sich zu einer schier unübersehbaren Vielzahl von Deutungen, die einander oft widersprechen.

 

Hinter diesen Deutungsversuchen ist Dürers Bild verloren gegangen. Zumindest seine Magie, sein Sog, der Manns Romanfigur in alchemistische Goldküchen entführte, sein Stimmungsgehalt. Die folgenden Betrachtungen machen es sich daher nicht zur Aufgabe, eine neue weitere Deutung vorzulegen, sondern sind als Versuch zu verstehen, ein wenig von dem Interpretations-Ballast zur Seite zu räumen, der sich in der langen Rezeptionsgeschichte der Melencolia angehäuft hat:

 

Teil 1: Auf dem Holzweg zur Deutung

Die vergebliche Suche nach dem Sinn hinter den dargestellten Gegenständen.

 

Teil 2: Zwielicht, Mondlicht, Sonnenlicht?

Zu welcher Tageszeit findet die Szene statt? Über die Lichtverhältnisse im Bild.

 

Teil 3: Die Hauptfigur

Über die Deutungen der Figur als Allegorie der Melancholie, der Geometrie und der Justiz.

 

Teil 4: Der Putto als Gegensatz- oder Begleitfigur

Melancholisches Pendant oder sanguine Gegenfigur? Sein „blinder“ Blick.

 

Teil 5: Die Fledermaus, die keine ist

Bestimmung des Tiers als Präparat einer undefinierbaren Tiergattung. Über die römische I.

 

Teil 6: Ficino, Agrippa, Panofsky

Erwin Panofskys Interpretation: 4-Säfte-Lehre, Neuplatonismus, Magie. Das Bild als geistiges Selbstportrait.