Melencolia I – Ficino, Agrippa, Panofsky

Die Melencolia I – Ganzes Bild und hochaufgelöste Datei

 

Dürers Melencolia I stellt das melancholische Temperament dar. Nach den antiken Lehren des Hippokrates und des Galen ergibt sich das Temperament eines Menschen aus der Mischung der vier Körpersäfte, je nachdem, welcher Saft überwiegt. Ist es das Blut, haben wir einen Sanguiniker vor uns, überwiegt der Schleim, einen Phlegmatiker, bei der weißen oder gelben Galle einen Choleriker. Die Melancholie wird durch die schwarze Galle erzeugt.

 

Den Temperamenten wurden die vier Elemente und die Winde und Jahreszeiten zugeordnet: Dem sanguinischen Temperament beispielsweise Luft, Zephyr und Frühling. Der Melancholie Erde, Boreas und Herbst. Dürer ordnete ihr auf einem Holzschnitt sogar den Winter zu.

 

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Dürer, Die Philosophie, 1502, Ausschnitte (die Winde Boreas und Zephyr)

 

Das Mittelalter hat die Melancholie, die „Schwarzgalligkeit“, denn auch als etwas sehr Negatives bewertet. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1892 – 1968) stellt in seinem Buch Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers daher die Frage, „mit welchem Recht Dürer eine geistige Tragödie (als Darstellung einer solchen betrachtet Panofsky die Melencolia I) an die Stelle dessen setzen (konnte), was bis dahin nichts als die Trägheit und Stumpfheit eines minderwertigen Temperaments gewesen war?“

 

Für die Antwort verweist Panofsky auf den italienischen Arzt, Humanisten und Philosophen Marsilio Ficino (1433 – 1499). Der melancholisch veranlagte Ficino versuchte, die Plagen seines Temperaments durch Leibesübungen und Diäten zu lindern. Besonderen Trost fand Ficino jedoch in einem Diskurs von Aristoteles: Melancholiker wandern zwischen zwei Abgründen, der Verrücktheit und der Geistesschwäche. Aber sie wandern, wenn sie den Sturz in diese Abgründe vermeiden können, auf Pfaden oberhalb derer von gewöhnlichen Menschen. Aristoteles ging so weit, zu befinden: „Alle wirklich hervorragenden Menschen, die sich in der Philosophie, in der Politik, in der Dichtkunst oder in den bildenden Künsten hervortaten, waren Melancholiker …“ Diesen Gedanken greift der Neuplatoniker Ficino in seinem Traktat De Vita Triplici auf und brachte seine Zeitgenossen zum Umdenken über die Melancholie.

 

Die Melancholie hatte also eine ungeheure Aufwertung erfahren. Nichtsdestotrotz wollte Dürer laut Panofsky den melancholischen Einfluss eindämmen: durch das magische Quadrat!

 

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Die Melancholie wurde auch zum Planeten Saturn in Beziehung gebracht, dessen Name vom Gott Saturn, dem Gott der Erde und des Ackerbaus, herrührt. Seine Wirksamkeit, so glaubte man, kann Jupiter begrenzen. Der Gelehrte Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486 – 1535) hatte den Planeten magische Quadrate zugeteilt, dem Jupiter das sechzehnzellige.

 

Ist also das sechzehnzellige magische Quadrat auf der Melencolia I ein Jupiterquadrat, ein Talisman gegen Saturns Macht? In diesem Sinne hat der Dürer-Forscher Karl Giehlow (1863 – 1913) das Quadrat aufgefasst.

 

Panofsky sieht in Agrippas Buch De Occulta Philosophia, in dem sich die Planetenquadrate befinden, überhaupt eine wichtige literarische Quelle für Dürers Stich. In diesem Werk findet man außer diesen magischen Quadraten auch kabbalistische Amulette, astrologische Tafeln und Beschwörungen. Es hätte den Künstler in der Tat zu einem rätselvollen und vielleicht sogar okkulten Bild inspirieren können.

 

Das Buch erschien jedoch erst 1531, nach anderer Quelle 1533, also lange nach Dürers Stich (1514). Zeugt das Zahlenquadrat also doch eher von Dürers Interesse an der Mathematik, statt an astrologisch-kabbalistischen Lehren?

 

Panofsky weist jedoch darauf hin, dass Agrippa sein Buch schon 1509/10 in einer ersten Fassung abgeschlossen hatte. Handschriftlich vervielfältigte Exemplare zirkulierten in den Humanistenkreisen. Das Manuskript war dem Abt Trithemius gewidmet, einem Freund des Gelehrten Willibald Pirckheimer. Dürer wiederum war mit Pirckheimer befreundet. Dieser konnte die Schrift dem Künstler zu lesen gegeben, oder ihn doch wenigstens mit dem Inhalt des Traktats bekannt gemacht haben.

 

Es überrascht vielleicht – nebenbei gesagt –, dass ein solch okkultes Buch wie De Occulta Philosophia von Agrippa in der damals langsam aufkommenden Hexenhysterie überhaupt geduldet wurde. Doch nicht alle Theologen standen der Magie und der Alchemie ablehnend gegenüber. Luther z. B. äußerte sich in seinen Tischreden positiv über die Alchemie und sah in ihr ein Gleichnis für das Christentum: „… wie das Feuer aus einer jeden Materie das Beste auszieht und vom Bösen scheidet … also wird auch Gott die Gerechten und Frommen scheiden von den Ungerechten und Gottlosen.“

 

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Doch zurück zu Panofskys Analyse der Melencolia: Es ist „immer empfunden worden, dass Dürers Stich eine eminent persönliche Beziehung eigen ist“, schreibt Panofsky zum Ende seines Abschnitts über die Melencolia, und erwähnt die Vermutungen mancher Kunsthistoriker, dass der Stich Dürers Trauer über den Tod der Mutter widerspiegelt, die im selben Jahr, als das Bild entstand, gestorben war. Manche meinen, im Bild gäbe es Hinweise auf das Todesdatum (17. Mai). Panofskys Vorstellung ist dies nicht: „… kein persönlicher Schmerz würde einen Stich von so esoterischem und zugleich programmatischem Charakter hervorgerufen haben.“

 

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Für Panofsky „spiegelt der Stich Melencolia I eher die ganze Persönlichkeit Dürers wieder als eine einzelne Erfahrung“. Melanchthon hatte von der „melancholia generosissima Dureri“ gesprochen. Dürer war also Melancholiker. Oder wurde zumindest von Melanchthon in diesen Stand erhoben – entsprechend der Umwertung dieses Temperaments zum Gemüt des Genies.

 

Dürer hatte versucht, durch die intensive Beschäftigung mit den menschlichen Proportionen die wahre Schönheit zu fassen, musste sich jedoch schließlich enttäuscht eingestehen, dass diesen Bemühungen enge Grenzen gesetzt sind. Dies ist Teil der „geistigen Tragödie“ Dürers, um auf Panofskys Fragestellung weiter oben zurückzukommen. Er fühlte sich durch „ewige Ideen inspiriert“, litt dafür „umso tiefer an seiner menschlichen Schwäche“. Die Melencolia fasst also „die neuplatonische Lehre vom saturnischen Genie zusammen, ist aber in gewissen Sinne auch ein geistiges Selbstbildnis von Albrecht Dürer“.

 

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