Melencolia I – Zwielicht, Mondlicht, Sonnenlicht?

Die Melencolia I – Ganzes Bild und hochaufgelöste Datei

 

Die besondere Lichtstimmung der Melencolia I ist den Interpreten natürlich nicht entgangen. Auch die Beleuchtung wurde zum Gegenstand gelehrter Ausführungen.

 

Nach mancher Ansicht scheint der Mond, nach anderer kann nur die Sonne die gleißenden Lichter auf der Melencolia hervorrufen; nach wieder anderer Ansicht herrscht magisches Zwielicht von zwei bis drei Lichtquellen. Für Martin Büchsel (Büchsel: A. Dürers Stich Melencolia I, 2010) zeigt die winzige Sonnenuhr über der Sanduhr kurz vor 24 Uhr an. Diese Einschätzung verwundert: Davon abgesehen, dass der Polstab dieser Uhr gar keinen Schatten wirft – obwohl im Bild sonst Schlagschatten zu sehen sind –, zeigt keine Sonnenuhr nach Sonnenuntergang eine Uhrzeit an.

 

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Auch aus dem Winkel des Lichteinfalls, also dem Stand der Lichtquelle – Sonne oder Mond – hat man versucht, den Zeitpunkt der Szene abzuleiten. Doch dass Dürer das Licht in dieser Weise gesetzt hat, z. B. als Sonnenlicht zu einer bestimmten Uhrzeit, darf man getrost bezweifeln:

 

Die alten Meister vor dem Barock kannten weder eine realistische Lichtauffassung im Sinne späterer Malerei nach der Natur, noch eine dramatische Lichtführung wie bei Caravaggio und Rembrandt. Das Bild wurde vom Motiv her gedacht. Der Maler „beleuchtete“ seine Szene quasi mit einem abstrakten Licht, ähnlich wie ein moderner Fotograf eine Lichtwanne über seinem Stillleben anbringt.

 

duerer-beweinung-christi„Abstrakte“ Beleuchtung in Dürers Beweinung Christi: Der dunkle Himmel reißt nach rechts hin auf. Trotzdem sind die Berge und Bäume nach dieser Seite, also auf der falschen Seite schattiert. Weder die Landschaft, noch die Figurengruppe wird von den Lichtverhältnissen des Himmels beeinflusst.

 

Diffuses Licht dringt noch in die letzten Ecken der altdeutschen bildenden Kunst. Größere Partien ganz in Dunkelheit zu tauchen, wie es Rembrandt eindrucksvoll tat, ist einem Dürer gar nicht in den Sinn gekommen.

 

Es herrscht in der alten Kunst eigentlich immer ein „bedeckter Himmel“, der gleichmäßig ausleuchtet und weiche Schatten erzeugt.

 

Spärlich und vereinzelt kommen zur Dürerzeit neue Beleuchtungsideen auf. Altdorfer malt erste Nachtszenen, Dürer lässt beim Hieronymus Licht durch die Butzenscheiben rieseln. Den Vorgang kann man sich so veranschaulichen, wie wenn der Fotograf nun zu seiner obligatorischen Lichtwanne vereinzelt weitere Scheinwerfer hinzunimmt.

 

Jedes Bild von Dürer (und seinen Zeitgenossen) ist im Grunde von einem unwirklichen Licht erfüllt – eben in der Manier seiner Zeit. Allerdings hat diese „abstrakte“ Beleuchtung selten einen solchen magischen Effekt wie bei der Melencolia I. Die pfiffige Beleuchtungsidee Dürers liegt darin, das Licht von der „falschen“ Seite zu geben. Normalerweise würde man die Figur von links (also von vorne) anleuchten. Aber Dürer wollte ihr Gesicht verschatten, um die Augen hervorleuchten zu lassen. So entstand eine in Schatten getauchte Figur mit gleißenden Lichtpartien an den Stellen, die bei der gewöhnlichen Beleuchtung abgedunkelt wären. Der Himmel musste dunkel schraffiert werden, damit der Himmelskörper zur Wirkung kommt – et violà, da haben wir unser magisches Zwielicht!

 

Es bleibt zu hoffen, dass die Melencolia I im gleißenden Licht der Interpretationen nicht gänzlich ausbleicht, sondern ihr dunkles Geheimnis wahrt und auch künftige Generationen ins Dämmerlicht von Dürers Rätselkunst lockt.

 

Zum Teil 3: Die Hauptfigur

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