Nemesis oder Das große Glück

Dieser Kupferstich von Albrecht Dürer stellt die Glücksgöttin Fortuna auf einer Kugel stehend (Symbol für die Unbeständigkeit des Glücks) dar. Das große Glück wird der Stich genannt, weil es auch einen kleinen Kupferstich von Dürer mit der Glücksgöttin gibt: Das kleine Glück.

 

Nemesis oder Das große Glück, Kupferstich, 1501/02

 

HOCHAUFGELÖST

 

Dürer soll dieses Blatt als Nemesis bezeichnet haben. Das verblüfft, denn Nemesis ist nicht die Göttin des Glücks, sondern die der Vergeltung. Vermutlich bezog sich Dürer auf ein lateinisches Gedicht von Angelo Poliziano von 1499, in dem Fortuna mit Nemesis gleichgesetzt wird. Als Fortuna steht die Gestalt auf einer Kugel, als Nemesis hält sie einen Pokal für gute Taten und Zaumzeug für den Unmäßigen bereit. Unter ihr breitet sich spiegelbildlich der Ort Klausen im Eisacktal aus.

 

Mit Bravour löst Dürer die Aufgabe, einen Vogelflügel mit allen Schwingen, Deckfedern und Fittichen, sowie das Gewirr des Zaumzeugs mit seinen vielen Riemen und Schnallen darzustellen.

 

Auf der Vorzeichnung war das Zaumzeug noch sehr viel einfacher angelegt. Aber Dürer wäre nicht Dürer, wenn er diese Geduldsarbeit nicht ausweiten würde.

 

Auffällig ist der feiste Körperbau der Frau, mit kräftigen Schenkeln, schwellendem Bauch und betontem Doppelkinn.

 

Dieser Realismus ist zum Teil ein Element der altdeutschen Kunst: Dem Maler Grünewald wird vorgeworfen – wenn auch nur durch einen unverständigen Menschen im Operntext „Mathis der Maler“ von Paul Hindemith –, dass er den Heiland als kranken Bettelmann, die Gottesmutter als Kuhmagd dargestellt hat. Und auch auf Baldungs Hexendarstellungen kann man so manches deftige Weib sehen.

 

Jedoch entsprach diese zur Vierschrötigkeit neigende Art der Darstellung keineswegs dem Zeitgeist. Die vorausgehende Gotik schätzte überwiegend grazile Figuren (zu sehen an Schongauers „Törichter Jungfrau“, die, wenn auch kaschiert durch den opulenten Faltenwurf, eine Wespentaille hat) und Dürers Zeitgenosse Lucas Cranach entwickelt im Laufe seines Schaffens einen ganz eigenen grazilen Frauentyp.

 

 

Schongauer: Törichte Jungfrau, Kupferstich (links), Cranach, d. Ä.: Venus und
Amor als Honigdieb, Gemälde, Ausschnitt (rechts)

 

Die Nürnberger dürften also Bauklötze gestaunt haben, als Dürers Frau auf dem Markt neben anderen Kupferstichen ihres Mannes auch das große Glück, die wuchtige Nemesis, feilgeboten hat. Dürer hat – wie auch sein Malerkollege Baldung – nichts kaschiert und nichts versteckt. Überhaupt hat er den Kunstfreunden seiner Zeit so manches schwerverdauliche Werk zugemutet: Etwa die Tafel mit der Lucretia, deren mürrischer Ausdruck zwar durch ihre Situation gerechtfertigt ist, der aber das uninspiriert wirkende Gemälde noch sperriger macht. Lucas Cranach dagegen war sich bewusst, dass ein Gemälde aus Sicht des Publikums den Augen einen Schmaus bieten sollte. Seine Lucretia tötet sich mit Anmut.

 

 

Lucretia, links Dürer, 1518, rechts Cranach, 1525

 

Im Gegensatz zu Dürer hatte Cranach mit der Anatomie schwer zu kämpfen, zu sehen an den Beinen seiner Quellnymphe, deren überkreuzte Beine ihn hoffnungslos überfordert haben. Doch auch auf diesem Gemälde gelingt es ihm, die Darstellung durch einen mehrdeutigen Schlafzimmerblick der Figur zu würzen und damit ein altdeutsches Pin-up zu schaffen, hintergründig süffisant.

 

 

Lucas Cranach, d. Ä.: Quellnymphe, Gemälde, Ausschnitt, 1534

 

Dies hatte Dürer mit seinen Aktfiguren freilich gar nicht vor. Bei ihm klingt immer ein „Da habt ihr’s unverblümt!“ mit und trotz aller Bemühungen um Proportionsschemata ein „So, wie es wirklich ist, ist es schön“. Im Gegensatz zu Cranach bietet er dem Auge des Betrachters nichts zu naschen an, sondern deftige Kost – besonders mit seinem Kupferstich Das große Glück.

 

 

Da wir schon am vergleichen von Dürer und Cranach sind: Zu den ergreifendsten Bildern beider Künstler gehört die Darstellung einer schwer vom Leben gezeichneten Frau. Der Ausdruck des Porträts von Dürers Mutter kurz vor ihrem Tod lässt sich kaum übertreffen, doch auch Cranach hat den Blick für die von Mühen und Sorgen gedrückten und von der Fortuna vernachlässigten Menschen seiner Zeit. Sein Porträt von Luthers Mutter darf gewiss mit zu den besten altdeutschen Bildnissen der Dürerzeit gezählt werden.

 

 

Dürer: Dürers Mutter, Kohlezeichnung, 1514, Cranach d. Ä.: Luthers Mutter, Gemälde, 1527