Raubritter, Tod und Teufel?

Im Tagebuch von Dürers niederländischer Reise findet sich dieser Appell an Erasmus von Rotterdam: „Hör, du Ritter Christi, reit hervor …“ Damit spielt Dürer auf Erasmus’ Handbuch des christlichen Soldaten an. Weshalb der Ritter auf Dürers Meisterstich gemeinhin als Sinnbild des christlichen Menschen gilt. Auch Paulus kann hier bemüht werden: „Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels.“ (Epheser 6, 11)

 

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duerer-teufe-detailRitter, Tod und Teufel (ganzes Bild und hochaufgelöste Datei)

 

Neben dieser Interpretation existiert eine weitere Lesart des Stiches, die in der Figur einen ‚echten‘ Ritter sieht. Vorgeschlagen wurde der Ritter Franz von Sickingen. Oder gar ein Raubritter? Etwa Konrad Schott von Schottenstein? Dürer hätte demnach das Unwesen des Rittertums anprangern wollen. Dem Raubritter, der begleitet von seinem Bluthund durch einen düsteren Hohlweg reitet, folgt als Fußknecht und Ausweis seiner bösen Taten der Teufel. König Tod stellt die Gerechtigkeit wenigstens zu einem Teil wieder her, indem er sich – ohne Standesunterschiede zu machen – auch die Bösewichte holt, die der irdischen Gerichtsbarkeit entschlüpfen.

 

 

Dem widerspricht, dass der Ritter keineswegs finster dreinblickt, wie es für einen solchen Galgenvogel angemessen wäre. Sein Blick ist nach innen gekehrt, seine Mimik eher ernst – fast könnte man meinen, dass ein Schmunzeln seinen Mund umspielt. Dies ist natürlich sehr subjektiv und manch einer mag nichtsdestotrotz hinter dieser Stirn boshafte Gedanken vermuten. Aber Dürer lässt den Hund im fertigen Stich gegenüber der Vorzeichnung deutlich freundlicher und harmloser ausschauen. Diese Änderung ist kaum geeignet, den Ritter als Schurken zu kennzeichnen.

 

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duerer-hl-georg-zu-pferdeAuch lässt sich in Dürers Gesamtwerk keine Antipathie gegen den Ritterstand nachweisen. Immer wieder stellt er den Hl. Georg, den Drachentöter, als positive Figur und geharnischten Ritter dar, einmal sehr ähnlich dem Ritter auf dem Meisterstich (Hl. Georg zu Pferde, 1505 begonnen, nach Unterbrechung 1508 fertiggestellt. ) 1511, also nur zwei Jahre vor Ritter, Tod und Teufel malt er auf seinem Allerheiligenbild einen Ritter in andächtiger Gebetshaltung.

 

Eine weitere alternative Interpretation ist die Auffassung, dass Dürer mit Ritter, Tod und Teufel eine Nürnberger Legende dargestellt hat: Eine Chronik berichtet, dass sich ein Geleitreiter des Rats von Nürnberg, Philipp Rink, 1504 im Wald verirrt hat und dort Tod und Teufel begegnet ist.

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Die Variante des christlichen Ritters nach Erasmus hat sich so durchgesetzt, dass sich in Büchern über Dürer allenfalls eine kurze Notiz zu diesem Geleitreiter finden lässt. Auch im Internet stöbert man nach dem mysteriösen Philipp Rink vergebens. Falls jemand diese Legende kennt oder sonstige Quellen zur Raubritter-Theorie zu nennen weiß, würde mich das sehr interessieren: Kontakt

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Diese Legende könnte durchaus eine Inspirationsquelle für das Bild gewesen sein. Es muss auch nicht zwingend im Gegensatz zur Erasmus-Variante stehen: Die schaurige Erzählung gibt den Anstoß, doch das Bild entwickelt sich im Kopf des Künstlers weiter und wandelt sich inhaltlich. Allerdings war ein solcher Anstoß durch Legenden vermutlich gar nicht nötig: Tod und Teufel bevölkern oft die alten Bildwelten, gerade auch zur Dürerzeit.

 

cranach-tod-und-teufelAus Lukas Cranachs Werkstatt sind viele Varianten des Motivs Gesetz und Gnade hervorgegangen. Auf der einen Seite dieser Bildtafeln ist der Zustand des Alten Testaments dargestellt. Der Mensch kann dem Gesetz nicht genügen und ist daher Tod und Teufel verfallen – die wie Wegelagerer dem armen Sünder auflauern. Die andere Seite zeigt, wie Christus im Neuen Testament Tod und Teufel besiegt.

 

So ein ausgefeiltes Bildprogramm ist es aber nicht in jedem Fall, wenn die beiden schlimmen Gesellen auftreten. Eine Radierung von Daniel Hopfer (um 1470 – 1536) zeigt, wie sich der Tod und ein sehr phantasievoll gestalteter Teufel an zwei Frauen heranschleichen.

 

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Die Botschaft ist denkbar einfach: Diese Frauen mit Schminkutensilien und Spiegel sind der Todsünde (oder genauer: dem Laster) Eitelkeit verfallen. Sie versäumen, sich zu vergegenwärtigen, dass der Tod jederzeit zuschlagen kann, und – noch schlimmer – dass der Teufel dann nach ihren Seelen hangeln wird. Hierzu hat der winzige Hilfsteufel einen Haken, ganz ähnlich wie Dürers Teufel.

 

duerer-randzeichnungen-zum-gebetbuch-teufelDürer greift das Thema Ritter, Tod und Teufel in seinen Randzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians erneut auf.

 

Um 1515, also etwa zwei Jahre nach seinem Meisterstich, zeichnete er an den unteren Rand einer Seite einen edel gewandeten (also nicht gewappneten) Ritter, der zu Pferd vor einem Tod mit Sense flüchtet. Links schickt sich ein drachenartiger Teufel an, herabzustürzen und dem Ritter den Weg zu verstellen.

 

Interessant an dieser Randzeichnung ist, dass der Teufel die gleiche Spitzhaue mit den zwei langen Haken trägt, wie der Teufel auf dem Meisterstich.

 

Die Szene wirkt wie ein nachträglicher Kommentar Dürers zum eigenen Bild, als wollte er sagen: So könnte es auch enden – mit einer wilden vergeblichen Flucht.

 

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Von solchen Motiven und von der Redewendung „Tod und Teufel“ her betrachten wir die beiden Spukgestalten automatisch als Kumpane, die dem Ritter zusetzen wollen.

 

Dass Tod und Teufel auf Dürers Stich Gesellen sind, die den Ritter gemeinsam überfallen wie in der eben beschriebenen Szene in Maximilians Gebetbuch, ist jedoch keineswegs gesichert.

 

Ein früher Holzschnitt Dürers, Ritter und Landsknecht (um 1496/97, hier im Ausschnitt wiedergegeben), der in der Komposition einige verblüffende Übereinstimmungen mit dem Meisterstich aufweist – auch hier ist der Hund in einer Sprungbewegung eingefroren –, legt eine andere Interpretation nahe.

 

Dem Ritter folgt als Diener ein Fußknecht mit Hellebarde nach. Demnach wären Ritter und Teufel ein Paar, Herr und Knecht nämlich, wie eingangs beschrieben.

 

Nicht zwingend Raubritter und diabolischer Knecht, sondern vielleicht auf einer symbolischeren Ebene ein gewappneter und vielen Anfechtungen ausgesetzter Mensch und sein Alter Ego. Die Spitzhacke des Teufels wäre dann die höllische Variante einer Hellebarde. Der Tod erscheint in dieser Szenerie als Einzelgänger, bzw. als dritte Partei.

 

savonarola-duerer-ritter-vergleichZu ergänzen ist noch, dass man (oder vielmehr „frau“: Antonie Leinz-von Dessauer) im Ritter auch den Bußprediger Savonarola hat erkennen wollen, im Hund dann einen Hinweis auf die Dominikaner, die sich „Hunde Gottes“ nannten. Fraglich wäre, ob Dürer überhaupt ein Bildnis Savonarolas zur Verfügung hatte? (Und warum ihm dann nicht die sehr viel prägnantere Hakennase aufgefallen ist?)

 

Die These passt auch schlecht damit zusammen, dass die Dürerzeit in religiös-politischen Dingen stets sehr deutlich Stellung bezogen hat: Luther beispielsweise wurde als Sackpfeife dargestellt, auf der der Teufel Gassenhauer bläst (siehe Zeitgeschehen), oder – wenn das Bild aus dem protestantischen Lager kam – inmitten von Gerechten, die vom Blutsstrahl Christi getroffen werden. Über Gut oder Böse wurde der Betrachter nicht im Unklaren gelassen. Warum sollte Dürer seinen Nürnbergern ein Rätselblatt mit Savonarola vorlegen, noch dazu 17 Jahre nach dessen Tod?

 

Festzuhalten bleibt, dass die Theorien zum Bildinhalt maßlos wuchern – aber lediglich Spekulationen bleiben. Immerhin kann man aus diesem Wildwuchs an Thesen ablesen, dass die Variante des christlichen Ritters, die als die wahrscheinlichste erscheint, irgendwie nicht befriedigt. Lediglich als Illustration eines frommen Traktats wäre dieser Stich nicht zur Ikone der altdeutschen Kunst geworden.

 

Der eigentliche Gehalt liegt denn auch jenseits dieser Spekulationen – und vielleicht sogar jenseits von Dürers bewussten Absichten: im Ausdruck des Bildes! Die Landschaft könnte ohne weiteres Kulisse für eine schauerromantische Oper sein, mit Wolfsschluchtszene, Walpurgisnacht und Geisterbeschwörung am Kreuzweg. In der Ferne lockt eine (Grals-)Burg. Spukhafte Gestalten tauchen auf.

 

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Für Wölfflin ist der „Eindruck des Schauerlichen ausgeblieben“. In der Tat tauchen die Gespenster nicht aus einem diffusen unheimlichen Dunkel auf (eine gestalterische Möglichkeit, die die Dürerzeit aber auch gar nicht im Blick hatte). Dürer gibt die unnatürlichen Gestalten mit der Präzision eines Naturforschers wieder – sie wirken eher grotesk als unheimlich, als ob sie einer Puppenkiste entstammen, oder den Buchdeckeln einer skurrilen Novelle von E. T. A. Hoffmann entflohen sind.

 

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Als Proportionsstudie eines Pferdes, als Ermahnung an den Christenmenschen, als Pamphlet gegen das Raubrittertum könnte das Blatt die Gemüter nicht lange beschäftigen. So aber ist dies Bild ein Gefäß, dass viele Inhalte zu fassen vermag. Angesichts dieser atmosphärischen, die Renaissance und Romantik überbrückenden Darstellung, schrieb Nietzsche 300 Jahre später in einem Brief: „Selten habe ich Vergnügen an einer bildnerischen Darstellung, aber dies Bild Ritter Tod und Teufel steht mir nahe, ich kann kaum sagen, wie.“ Für ihn, den trostlos Vereinsamten, verzweifelnd an der „Verödung und Ermattung“ der Kultur, war der Ritter eine tragische Figur: „unbeirrt … doch hoffnungslos“. Er wählte ihn zum Sinnbild für sein Jugendidol Schopenhauer: „Ihm fehlte jede Hoffnung, aber er wollte die Wahrheit.“

 

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