Albrecht Dürer

Endzeiterwartung

 

Dürers Holzschnitte zur Apokalypse entstanden 1497/98, als – wieder einmal – eine Endzeiterwartung grassierte. Das Weltende wurde mit dem Anbruch des Jahres 1500 erwartet.

 

Eine solche Erwartung hatte es schon vor dem Jahr 1000 gegeben. Denn nach dem Text der Apokalypse wurde Satan für tausend Jahre im Abgrund verschlossen und sollte dann – so die Prophezeiung – für eine kurze Zeit freikommen.

 

Die tausend Jahre wurden ab Christi Geburt gerechnet. Als das Weltende ausblieb, fiel den Gelehrten auf, dass man sinnvollerweise ab Christi Tod hätte rechnen sollen und legte als neuen Weltuntergangstermin das Jahr 1033 fest.

 

 

Endzeit, Holzschnitt aus der Lutherbibel, 1534

 

Nach Berechnungen des Mönches Abbo von Fleury hatte man das Weltende auch schon Im Jahr 979 erwartet. Der Prediger und Mathematiker Michael Stifel wiederum errechnete, dass der Weltuntergang am 19. Oktober 1533 um 8 Uhr morgens stattfinden werde. Und eine runde Zahl wie 1500 war ohnehin für das Weltende geeignet. Die Spannungen der Zeit entluden sich in solchen Weltuntergangsphantasien.

 

In der Welt der damaligen Menschen war der Teufel immer präsent. Er konnte hinter jedem Fels lauern, drang in die Stuben und Badehäuser, ja selbst in die Kirchen, um die Gläubigen von der Messe abzulenken.

 

 

Teufel schreiben das Gerede der Klatschweiber mit, zeitgenössischer Holzschnitt

 

Noch wurde der Teufel nicht als antiker Pan dargestellt. Dürer zeichnete ihn als groteskes Monster. Nicht nur Schreckgespenst, sondern auch Spottfigur. Im Spätmittelalter war religiöser Ernst mit Komik vereinbar. Diesen Aspekt muss man im Hinterkopf behalten, wenn man sich der Kunst der Zeit annähern will.

 

Allgemein bekannt war damals z. B. die Geschichte von Christus in der Vorhölle. Dürer gestaltete sie als Holzschnitt und Kupferstich. Zwischen Karfreitag und Ostern fährt Jesus nieder zur Hölle. Er zerbricht die Höllenpforte und führt die Verdammten, allen voran Adam und Eva, heraus. In rudimentärer Weise ist diese Episode noch im christlichen Glaubensbekenntnis enthalten, im Vers „hinabgestiegen in das Reich des Todes“.

 

 

Satan und Hades, Detail aus „Christus in der Vorhölle“, Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1510

 

Das apokryphe Nikodemusevangelium (Apokryphen = „verborgene Schriften“, nicht in die Bibel aufgenommene religiöse Schriften) gibt das Geschehen detailliert wieder. Bevor die Pforte aufgebrochen wird, entspinnt sich ein Dialog zwischen Satan und Hades, wie aus einem Puppenspiel: Vor Sorge, dass ihm die in der Hölle einsitzenden Seelen entrissen werden, bekommt Hades Bauchgrimmen und lässt – freilich vergeblich – die ehernen Höllentore verrammeln.

 

Dürer fand es nicht unpassend, diese Szene in seine sonst sehr ernste Große Passion einzufügen. Ein Beleg, wie im spätmittelalterlichen Menschen die widersprüchlichsten Elemente nebeneinander existieren konnten: Verspieltheit und religiöser Ernst, Wahn und Witz, Bußgesinnung und Lebensfreude.